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Kritik

«Directive 8020»: Identitätsverlust im All

Supermassive Games wagt mit «Directive 8020» den Schritt vom bewährten Quick-Time-Event-Horror hin zu echtem Survival-Gameplay. Der Weltraumausflug stolpert dabei über löchrige Drehbücher und dröge Schleichpassagen.

Die «The Dark Anthology»-Serie von Supermassive Games gehört zu meinen Guilty Pleasures. Ich mag alle Ableger des Choose-Your-Own-Adventure-Franchise, «The Quarry» ebenfalls und «Until Dawn» sowieso, obwohl sämtliche Games im Katalog des Studios klare Mankos haben. Die Storys sind seicht, die Charaktere stereotypisch und das Gameplay wagt selten mehr, als im richtigen Moment den richtigen Knopf zu drücken – ein Mechanikrepertoire, das sich seit der Erfindung des Quick-Time-Events 1983 nicht nennenswert weiterentwickelt hat.

Dennoch waren selbst die schwächeren Teile stets eine sichere Nummer für mich. Acht bis zehn Stunden solider B-Movie-Spass, idealerweise mit Freunden, über die ich mich lustig machen kann, wenn sie ihre Spielfigur ins Verderben reiten.

«Directive 8020» schickt sich an, diese vertrauten Pfade zu verlassen. Und scheitert dabei leider an seinen Ambitionen.

Plan B im Weltraum

Leonardo DiCaprio hatte recht: Die Welt geht vor die Hunde und es passiert beinahe so schnell, wie der Schauspieler seine Freundinnen absägt, sobald sie legal Alkohol kaufen dürfen. In «Directive 8020» macht eine nicht näher definierte Klimakatastrophe die Erde gegen Ende des 21. Jahrhunderts unbewohnbar. Ein neuer Planet muss her und der findet sich rund 12 Lichtjahre entfernt. Ob der Himmelskörper tatsächlich die neue Heimat der Menschheit wird, soll ein kleines Team von Spezialisten herausfinden.

Schöne neue Welt? Spoiler: eher nicht.
Schöne neue Welt? Spoiler: eher nicht.

Daraus wird nichts. Wenige Stunden vor dem Ziel wird die Cassiopeia, das Raumschiff der Expedition, von einem Meteoriten getroffen. Der hinterlässt ein fettes Loch in der Aussenhülle und einige ungebetene Gäste.

Im Intro schlüpfst du in die Rolle des Technikers Tomas Carter (Frank Green), der den Schaden gemeinsam mit seiner Kollegin Pari Simms (Anneika Rose) untersuchen soll. Falls du mit dem bisherigen Output von Supermassive Games vertraut bist, dürfte dir rasch auffallen, dass «Directive 8020» technisch in einer anderen Liga spielt als seine Vorgänger. Grafisch erinnert das interaktive Abenteuer in seinen besten Momenten an «Dead Space», «Cronos: The New Dawn» und weitere interstellare Horror-Trips. Auch die Gesichtsanimationen haben ein kräftiges Upgrade bekommen und das Uncanny Valley hinter sich gelassen.

Die Charakter-Modelle sind durchs Band schick.
Die Charakter-Modelle sind durchs Band schick.

Dazu ist es das erste Game des Herstellers, dessen Protagonisten sich nicht wie ein sedierter Panzer steuern. Der initiale Eindruck sitzt, was man von der Risikoeinschätzung der Astronauten nicht behaupten kann: Die beiden begegnen der Situation mit einem verbalen Schulterzucken und liefern damit die erste von diversen hanebüchenen Plot-Entscheidungen (auf die ich keinen Einfluss habe), die die Frage aufwerfen, ob diese Leute überhaupt leben wollen.

Die Sorglosigkeit rächt sich wenig später: Simms geht wie besessen auf Carter los und lässt mich zunächst im Dunkeln über das Schicksal der beiden.

Böses Erwachen

Nach dem Auftakt erwacht der Rest der Crew aus dem Hyperschlaf. Die Cassiopeia ist immer noch beschädigt, mehrere Systeme funktionieren nur bedingt und sowohl Carter als auch Simms fehlen beim Krisen-Meeting. Zwar kommunizieren die beiden mittels Kommunikationsarmband, aber ihr Verhalten wirkt merkwürdig ausweichend.

Die Pilotin Brianna Young (Lashana Lynch) soll daraufhin herausfinden, wo Simms steckt. Platz zum Verschwinden bietet das Raumschiff reichlich – «Directive 8020» liefert die bisher weitläufigsten Level aller «Dark Anthologoy»-Titel. Setting-bedingt gibt es zwar weiterhin schlauchartige Areale, die werden aber regelmässig von ausladenden Räumen und optionalen Locations aufgewertet. Sogar einen Questmarker gibt es, der mir verrät, in welche Richtung die Geschichte weitergeht.

Die Suche nach Simms führt mich in einen Versorgungsschacht, wo das Spiel in die Ego-Perspektive wechselt. Untermalt von ominösen Geräuschen und schicken Lichteffekten entwickelt sich hier eine klaustrophobische Atmosphäre, die den guten ersten Eindruck bestärkt.

Das wird eng.
Das wird eng.

Ein Jumpscare später ist die verwesende Leiche von Simms gefunden und der wichtigste Plot-Device etabliert: die ausserirdische Lebensform kann die Gestalt meiner Crew-Kolleginnen und -Kollegen annehmen. Niemandem ist zu trauen. Alle sind verdächtig.

Film-Vorbilder

Klingt für dich nach John Carpenters «The Thing»? Korrekt, es ist dieselbe Idee. Wobei ich fairerweise erwähnen will, dass auch Carpenter das Konzept nicht erfunden hat. Ursprünglich stammt es aus John W. Campbells Kurzgeschichte «Who Goes There?» von 1938.

Freund oder Feind? Die Entscheidung liegt bei dir.
Freund oder Feind? Die Entscheidung liegt bei dir.

Falls du also dachtest, es wäre eine jüngere Entwicklung, dass der Popkultur die Ideen ausgegangen sind: nope – das läuft seit bald 100 Jahren so. «Directive 8020» bedient sich nicht nur bei einem einzigen Klassiker, sondern gleich flächendeckend: «Alien», «Event Horizon» und weitere Genre-Eckpfeiler haben erkennbar Einfluss auf Supermassives neusten Horror-Ausflug gehabt. Ob man das als liebevolle Hommage oder als ambitioniertes Abgrasen wertet, hängt von deiner Kulanz ab. Inspiration holt sich «Directive 8020» auch aus der Videospielecke – und genau da fängt mein Problem mit dem Spiel an.

Schleich dich

Die Games von Supermassive hatten bisher eine bewährte Formel: Du springst zwischen einer Handvoll ̶p̶̶o̶̶t̶̶e̶̶n̶̶z̶̶i̶̶e̶̶l̶̶l̶̶e̶r ̶S̶̶l̶̶a̶̶s̶̶h̶̶e̶̶r̶̶-O̶̶p̶̶f̶̶e̶̶r̶ Figuren hin und her, sammelst Lore-Brocken, hörst Gesprächen zu, überlebst QTE-Momente und triffst Entscheidungen über Leben und Tod. Bei Bedarf mit bis zu vier Freunden im kooperativen Modus. «Directive 8020» übernimmt das Grundgerüst, justiert aber die Stellschrauben: Weniger Reaktionstests, mehr Dialoggewicht. Entscheidungen wirken sich weniger unmittelbar auf die Geschichte aus, sondern zeigen ihre Konsequenzen zum Teil erst mehrere Kapitel später.

Einige Puzzles gibt es ebenfalls, wobei ich das Wort sehr grosszügig auslege. In neun von zehn Fällen gilt es eine Batterie zu finden, die eine Türe öffnen soll. Meistens findet man diese ein paar Schritte entfernt. Die Rätsel wirkten bereits in «The Devil in Me» (2022) deplatziert, nerven hier aber noch ein bisschen mehr, weil es kaum Abwechslung gibt.

Das eigentliche Problem sind aber die Schleichpassagen. Das meist beworbene neue Feature versagt auf ganzer Linie und jeder Abschnitt spielt sich exakt gleich: ein geräumiger Raum mit einigen hüfthohen Tischen oder Kisten und darin ein Gegner auf einer gefixten Route, an dem ich vorbei muss. Werde ich erwischt, was nicht oft passiert, weil die KI komplett debil ist, kann ich mich mit einem Werkzeug verteidigen. So oft ich will, was den Passagen jegliche Dringlichkeit nimmt.

In dieser Position verbringst du rund ein Drittel der Spielzeit.
In dieser Position verbringst du rund ein Drittel der Spielzeit.

Was in Games wie «Outlast» oder «Soma» den spielerischen Höhepunkt bildet, verkommt in «Directive 8020» zu einem hölzernen Retro-Erlebnis, das sich anfühlt wie ein 5/10-Playstation-2-Game.

Als gelegentlichen Unterbruch des eher reduzierten Gameplays könnte ich das verzeihen, aber die Schleich-Abschnitte nehmen gefühlt ein Drittel der Spielzeit ein. Vor allem in den letzten beiden Kapiteln werden sie inflationär oft eingesetzt, womit das Finale zur repetitiven Pflichtübung wird.

Zurück in die Vergangenheit

Ebenfalls neu, aber gut umgesetzt, ist das Turning-Points-System. Wenn du QTE-Momente verpatzt oder im Nachhinein Entscheidungen bereust, kannst du den Spielstand an bestimmten Punkten zurückspulen und es nochmals versuchen. Das klingt warmduschig – und ein bisschen ist es das auch. Die Wahl, ob du das System nutzt, ist allerdings dir überlassen: Es gibt weiterhin einen Permadeath-Modus.

Alles im Blick, dank dem Turning Points-System.
Alles im Blick, dank dem Turning Points-System.

Turning Points ist damit weniger Sicherheitsnetz als Komfortfunktion für Komplettisten, die jeden möglichen Ausgang sehen wollen, ohne sich sechs Mal durch dieselben Kapitel zu kämpfen.

Im Weltraum hört dich niemand «What the fuck?» schreien

Choose-Your-Own-Adventure-Games sind eine erzählerische Zwickmühle: Mehr Optionen für mich bedeuten mehr Variablen für die Entwickler und damit mehr Möglichkeiten, dass die Geschichte aus der Bahn gerät. Bisher hat Supermassive das Format einigermassen im Griff gehabt. Bei «Directive 8020» bröckelt diese Routine. Klar: Die Reihe lebt davon, dass ich mein logisches Denken am Hauptmenü abgebe. Das funktioniert aber nur, solange die Aussetzer im Drehbuch nicht zur Regel werden. Hier sind sie es.

Commander Stafford fehlen die Worte.
Commander Stafford fehlen die Worte.

In den letzten Stunden parkt das Game die halbe Crew auf der Ersatzbank. Figuren verschwinden ohne Vorwarnung und tauchen an Orten wieder auf, die man höchstens mit viel Goodwill plausibel findet. Entscheidungen, die als Weichenstellungen verkauft werden, entpuppen sich als Kosmetik und geben mir so viel Wahlfreiheit wie einem nordkoreanischen Stimmbürger. Kontextlücken fühlen sich dazu weniger wie absichtliche Spannung an und mehr wie fehlende Seiten im Drehbuch.

Woran das liegt, ist kein Geheimnis. 2024 verliessen die Gründer Pete und Joe Samuels das Studio, kurz darauf wurden in zwei Entlassungswellen über 130 Mitarbeitende vor die Tür gesetzt. Was auf dem Bildschirm passiert, klingt verdächtig nach dem, was hinter den Kulissen passiert ist: zu viele Lücken, zu wenig Zusammenhang.

Die «Dark Pictures»-Reihe lebt von einer Mischung aus sympathischem B-Movie-Charme und echter Leidenschaft. Das passt für ein hausgemachtes Geisterbahn-Erlebnis. Für ein ambitioniertes Survival-Horror-Abenteuer ist es etwa so ausreichend wie eine Taschenlampe auf dem Mond.

«Directive 8020» ist das falsche Spiel zum falschen Zeitpunkt – und leider auch das falsche Ergebnis für ein Studio, das einen Sieg bitter nötig hätte.

War’s das für Supermassive Games?
War’s das für Supermassive Games?

«Directive 8020» wurde mir von Bandai Namco für die PS5 zur Verfügung gestellt. Das Spiel ist seit dem 12. Mai für PS5, PC und Xbox Series X|S verfügbar.

Titelbild: Bandai Namco

Fazit

Identitätsverlust im All

Seit dem ersten Teaser im Jahr 2022 habe ich mich auf «Directive 8020» gefreut. Für mich wäre es ok gewesen, wenn Supermassive die «Dark Anthology»-Serie im gleichen Stil weitergeführt hätte. Das ist nicht passiert und das Ergebnis ist ein Spiel, das für jeden Schritt nach vorne zwei zurückgeht.

Das Turning Points-System ist eine clevere Ergänzung, wird aber von einer chaotisch präsentierten Story und unzureichend genutzten Charakteren entwertet. Die technischen Verbesserungen sorgen atmosphärisch für Mehrwert, der von zahllosen Schleichpassagen wieder verspielt wird.

Dass es trotzdem knapp für eine genügende Bewertung reicht, verdankt das Spiel dem kooperativen Modus, der intakt gelassen wurde, sowie dem Fundament, das schlicht robust genug ist, um auch mittelmässige Design-Entscheidungen zu überstehen. Ein gutes Stück dessen, was die Reihe mal ausgemacht hat, ist mit «Directive 8020» aber futsch.

Pro

  • technisch hübsch, mit teils hervorragenden Animationen
  • hoher Wiederspielwert
  • Turning Point System
  • Kooperativer Modus

Contra

  • Stealthpassagen
  • Story verliert den Faden
  • Rätsel sind sehr rudimentär
  • sehr repetitiv gegen den Schluss
  • fehlender Fokus auf die Stärken der Serie
Atari Directive 8020 PS-5 Deluxe Edition (PS5)
Game
−15%
Neu
EUR54,90 statt EUR64,90

Atari Directive 8020 PS-5 Deluxe Edition

PS5

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In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.


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