Deine Daten. Deine Wahl.

Wenn du nur das Nötigste wählst, erfassen wir mit Cookies und ähnlichen Technologien Informationen zu deinem Gerät und deinem Nutzungsverhalten auf unserer Website. Diese brauchen wir, um dir bspw. ein sicheres Login und Basisfunktionen wie den Warenkorb zu ermöglichen.

Wenn du allem zustimmst, können wir diese Daten darüber hinaus nutzen, um dir personalisierte Angebote zu zeigen, unsere Webseite zu verbessern und gezielte Werbung auf unseren und anderen Webseiten oder Apps anzuzeigen. Dazu können bestimmte Daten auch an Dritte und Werbepartner weitergegeben werden.

Markus Wissmann / Shutterstock
Meinung

Happy Birthday! Mein Lieblingskünstler wird 80

Lorenz Keller
15/5/2026

Udo Lindenberg feiert am 17. Mai seinen 80. Geburtstag, fit und frisch wie schon lange nicht mehr. Seine Musik hat mich 38 Jahre begleitet – und auch geprägt.

Es ist Ende der 1980er. Die Kassetten von TKKG und Die drei Fragezeichen hatte ich alle durchgehört. Was nun? Zum Glück gab es in der Bibliothek Winterthur-Seen ja noch ein Gestell mit Tonträgern für die Erwachsenen. Keine Märchen oder Hörspiele, sondern Musik. So entdeckte ich als 10-Jähriger die Rock- und Popmusik.

Zu Hause lief Klassik und Jazz, selten ein wenig Pop auf DRS 3 oder Radio Eulach. Primär also Musik für den Kopf. Was ich nun im Kinderzimmer hörte, berührte Bauch und Herz: Es löste Emotionen aus. Speziell diese eine Kassette, die ich irgendwann 1988 zufällig ausgeliehen habe: «Udo Lindenberg: Odyssee» stand auf dem schlichten, grünen Cover.

Mein erstes Album von Udo Lindenberg – und auch heute noch ein Favorit.
Mein erstes Album von Udo Lindenberg – und auch heute noch ein Favorit.

Auf heisser Spur

Ich wusste nichts davon, dass dieser Sänger in den 1970er-Jahren die Musikgeschichte geprägt hat. Udo Lindenberg sang Deutsch, aber keinen Schlager und keine Hochsprache, sondern Rock und Pop mit Strassenslang. Das war neu – vor allem mit dem Anspruch, die breite Masse zu erreichen. Ich wusste auch nicht, dass sich Udos Karriere Ende der 1980er-Jahre, als ich das erste Mal auf «Play» drückte, im Sinkflug befand. Aus dem nachdenklichen Sänger auf dem Cover von «Odyssee» (noch ohne Hut) war eine nuschelnde Karikatur seiner selbst mit einem grossen Alkoholproblem geworden.

Mich dagegen hat Udo auf eine Odyssee der Gefühle mitgenommen: Den Opener des Albums treibt das Schlagzeug wie ein Schiffsmotor voran. Kreischende Gitarren und leicht schräge Keyboard-Harmonien lassen Wind und Wellen aufziehen.

«Das ist die Odyssee, Odyssee – und keiner weiss, wohin die Reise geht. Odyssee, Odyssee – weil der Wahnsinn am Steuer steht.»

Natürlich kapierte ich damals nicht alle Feinheiten und Anspielungen, aber ich verstand dank den deutschen Texten überhaupt etwas. Die meisten anderen Rockbands sangen auf Englisch. Udo singt von Kämpfen und Krisen – weltweiten, aber auch persönlichen. Von Liebe und Verlust, aber auch vom Alltag. «Was ist das bloss für ein beschissenes Land, in dem schon morgens um sieben die Sonne aufgeht» – das konnte ich auch als Zehnjähriger nachfühlen.

Die Bühne ist angerichtet

Genau dieselbe Offenbarung im Kinderzimmer hat ein paar Jahre früher ein gewisser Benjamin von Stuckrad-Barre erlebt. Dort war die Initialzündung nicht die Kassette aus der Bibliothek, sondern die Schallplatten aus dem Zimmer des Bruders. Wie ich war der spätere Schriftsteller zuerst ein Fan, heute ist er auch ein Freund des Künstlers. Und für mich ein Glücksfall.

Denn Stuckrad-Barre hat zum 80. Geburtstag von Udo Lindenberg am 17. Mai ein Kompendium von A wie Alkohol bis Z wie Zigarre geschrieben. Statt eines Auftragswerks von einem anonymen Autor oder von einer KI entstand so ein Herzensprojekt mit literarischer Qualität. Statt Anekdoten aus Udos Leben abzuarbeiten, dienen die Kapitel als Stichworte, um durch die Jahrzehnte zu mäandern. Intelligent und unterhaltsam – auch für Leserinnen und Leser, die keine Fans sind.

Udo Fröhliche: Alles über Udo Lindenberg - von Alkohol bis Zigarre (Deutsch, Benjamin von Stuckrad-Barre, 2026)
Belletristik

Udo Fröhliche: Alles über Udo Lindenberg - von Alkohol bis Zigarre

Deutsch, Benjamin von Stuckrad-Barre, 2026

Chronist, Fan, Schriftsteller, Freund, Analyst – der Autor ist alles zugleich. Er erzählt die Geschichte, wie Udo zu seinem Hut gekommen ist. Er berichtet, wie Lindenbergs Kindheit in der deutschen Provinz der 1950er- und 1960er-Jahre sein Schaffen beeinflusst hat. Er schreibt von Ausbruch, Aufbruch, Rebellion und vom Traum von einem anderen Leben, verpackt in den immer wiederkehrenden Themen wie Seefahrt oder Hotel.

Natürlich dürfen auch kleine Schmankerl aus der Biographie von Udo Lindenberg nicht fehlen. Etwa, dass Lindenberg ein talentierter Jazz-Schlagzeuger war und in der Band «Passport» des Saxophonisten Klaus Doldinger spielte. Er trommelte unter anderem in der Ur-Version der Titelmusik der TV-Serie Tatort.

Sonderbriefmarke der Deutschen Post von 2010: Der «Sonderzug nach Pankow» mit Udo am Steuer – gemalt von Lindenberg selbst (auch das macht er noch ganz nebenbei und erstaunlich erfolgreich).
Sonderbriefmarke der Deutschen Post von 2010: Der «Sonderzug nach Pankow» mit Udo am Steuer – gemalt von Lindenberg selbst (auch das macht er noch ganz nebenbei und erstaunlich erfolgreich).
Quelle: CEPTAP / Shutterstock

Baby, wenn ich down bin

Stuckrad-Barre widmet sich auch Udos Alkoholsucht und dem künstlerischen sowie finanziellen Niedergang in den 1990er-Jahren. In dieser Zeit wandte sich sogar seine Band, das Panikorchester, von ihm ab und begleitete einige Jahre Peter Maffay auf Tour. Wie perfid.

Davon habe ich damals zum Glück nichts mitbekommen – ein Vorteil des Zeitalters ohne Social Media und Internet-News. Klar, die neuen Alben der 1990er-Jahre fand ich meist enttäuschend. Aber zum Glück gab es für mich noch rund zwanzig Werke aus den 1970er- und 1980er-Jahren zu entdecken, die für mich genauso neu waren.

Auf dem Pausenplatz holte sich damals ein Udo-Fan keine Bonuspunkte. Die Lieder hörte ich vor allem privat. So war der Künstler für mich bis ins Erwachsenenalter ein musikalischer Freund, seine Songs ein Soundtrack für mein Leben.

Freude, Trauer, Schmerz, Glück, Liebe – Udo bedient alle Gefühle. Aber auch in den dunkelsten Zeiten erscheint bei Lindenberg ein Silberstreif am Horizont – denn «hinterm Horizont geht's weiter», wie es in einem seiner bekanntesten Lieder heisst. Das passt zu meinem bis heute unerschütterlichen Optimismus.

Für Udo selbst ging es ein paar Mal fast nicht mehr weiter. 1989 erlitt er wegen seines Lebenswandels einen Herzinfarkt. 2000 landete er mit 4,7 Promille im Krankenhaus.

Von seinem Kampf mit den Dämonen bekam ich erst 1997 etwas mit, als ich ihn das erste Mal live sah. Die mittelgrosse Konzerthalle in Stuttgart war halbvoll, dafür war der Sänger auf der Bühne gut abgefüllt. Ein trauriger Abend.

Die Silhouette reicht und jeder weiss, wer gemeint ist. Statue am Timmendorfer Strand, wo Udo den Song «Horizont» geschrieben hat.
Die Silhouette reicht und jeder weiss, wer gemeint ist. Statue am Timmendorfer Strand, wo Udo den Song «Horizont» geschrieben hat.
Quelle: Stefan Lauk / Shutterstock

Alles klar auf der Andrea Doria

Bald danach startete ich meine Karriere als freier Journalist, besuchte viele Konzerte und interviewte Bands. Berufsbedingt hörte ich alles – von Punk bis Techno. Udo rückte in den Hintergrund, war aber immer eine musikalische Heimat, zu der ich jederzeit zurückkehren konnte.

Der Job ermöglichte mir 2002, mein Kindheitsidol persönlich zu treffen. Ich berichtete aus Bremerhaven von den Proben zur Konzerttour von «Atlantic Affairs» und interviewte Udo Lindenberg zusammen mit einer deutschen Kollegin. Vieles, was ich bei diesem Treffen erlebt habe, beschreibt auch Stuckrad-Barre in seinem Buch.

Nach der Hauptprobe ist das Interview geplant. Wann? Irgendwann halt. Auch der Presseverantwortliche weiss nichts Genaues. Udo ist verschwunden. Die Kollegin und ich schliessen uns dem Tross an, der immer um den Sänger herumschwirrt. Natürlich machen alle an der Hotelbar Halt.

Irgendwann kommt er. Ein grosses Hallo, alle wollen etwas von Udo. Der Privatsekretär flüstert ihm etwas ins Ohr und Udo Lindenberg steuert sofort den Tisch an, wo die Kollegin und ich warten. Ich stelle mich auf ein schwieriges und kurzes Gespräch ein – mitten im Trubel der Hotelbar.

Doch wie Stuckrad-Barre es auch im Buch festhält: Udo ist neugierig auf Menschen und zeigt ehrliches Interesse, auch nach so vielen Jahren im Business. «Mal abchecken, ne?» Zwischendurch nimmt er die Sonnenbrille ab und schaut seinen Gesprächspartnern tief in die Augen. Wenn ihm eine Aussage wichtig ist, nuschelt er ein bisschen weniger. Udo ist zwar das Rockstar-Klischee in Person und hat Macken, aber keine Allüren.

Für mich war es ein schönes Erlebnis, einen Abend zur Panikfamilie zu gehören und eine halbe Stunde mit meinem gut gelaunten und nüchternen Kindheitsidol zu plaudern.

Stärker als die Zeit

Ich kann mir gut vorstellen, was Stuckrad-Barre einige Jahre später in seinem autobiografischen Roman «Panikherz» erzählt: Dass der Sänger nämlich auch ein richtig guter Freund ist. Udo hilft dem Autoren aus der Drogensucht, dieser dankt es ihm mit einer literarischen Verneigung.

Panikherz (Deutsch, Benjamin von Stuckrad-Barre, 2017)
Belletristik

Panikherz

Deutsch, Benjamin von Stuckrad-Barre, 2017

«Im Sommer '46 kam ich als Kind zur Welt, ich fiel direkt vom Himmel auf ein D-D-Doppelkornfeld»

Das sang Udo Lindenberg 1981 in einer trockenen Phase. Um seinen 60. Geburtstag herum, also 2006, beendete der Musiker die Liaison mit «Lady Whisky» definitiv. So benannte er die Verführung in einem der zahlreichen Songs über Alkoholmissbrauch.

Der nüchterne Udo war statt Rockrentner plötzlich wieder ein Star. «Stark wie zwei» erreichte 2008 als erstes Album überhaupt die Spitze der Hitparade. Die drei darauf folgenden Alben platzierten sich ebenfalls auf der Eins. 2023 landete Udo dann auch noch den ersten Nummer-1-Hit in den Singlecharts. «Komet», zusammen mit Apache 207 eingesungen, ist der erfolgreichste deutschsprachige Song aller Zeiten – und eines der erfolgreichsten Stücke in den deutschen Charts überhaupt.

In Hamburg, wo er seit Mitte der 1990er-Jahre im Hotel Atlantic wohnt (auch so eine Geschichte…), gehört er zum Inventar der Stadt, ist Ehrenbürger und auch eine Art Sehenswürdigkeit mit multimedialem Museum auf der Reeperbahn.

Mit 80 Jahren steht Udo Lindenberg auf dem Höhepunkt seiner langen Karriere. Geehrt wird er nicht nur von Benjamin von Stuckrad-Barre mit einem Bestseller, sondern auch mit einer Dokumentation in der ARD, einer Ausstellung in Hamburg, einem Podcast und einem Tribute-Album, auf dem 20 Künstlerinnen und Künstler wie Hans Zimmer, Tokio Hotel, Thomas D, Ina Müller, Stefanie Heinzmann oder Jan Delay Hits aus dem Udoversum neu interpretieren.

Die Panik-City auf der Reeperbahn ist eine Dauerausstellung zu Udos Leben.
Die Panik-City auf der Reeperbahn ist eine Dauerausstellung zu Udos Leben.
Quelle: Lorenz Keller

Es sind die finsteren Zeiten

Was mich die letzten Jahre aber auch beschäftigt hat, sind drei Songs aus den 1980er- und 1990er-Jahren, in denen Lindenberg Beziehungen zu Minderjährigen romantisiert – als sei das völlig normal und unproblematisch. In Stuckrad-Barres Buch lese ich nichts davon. In einem Interview darauf angesprochen, weicht der Autor aus: «Würde Udo heute nicht mehr machen… damals andere Zeiten… haben viele Rockmusiker gemacht… wird schon lange nicht mehr live gespielt.»

Mein Kindheitsidol hat sich für Umweltschutz, Abrüstung, Wiedervereinigung, Gleichberechtigung und Toleranz eingesetzt, lange bevor das zum guten Ton gehörte. Er hat in den 1970er-Jahren gleichgeschlechtliche Liebe besungen, als diese in Deutschland noch kriminalisiert wurde. Aus den Konventionen der Macho-Männer-Rockwelt hat er sich aber nicht ganz befreien können.

Das verzeihe ich ihm als Fan. Ich hätte mir aber gewünscht, «mein» Udo hätte sich klar von den heute gruselig anzuhörenden Texten distanziert, zum Beispiel schon 2020, als der Deutschlandfunk das Thema erstmals aufbrachte.

So höre ich heute mit einem kleinen Stich im Herzen die Songs meiner Jugend. Wie das so ist bei einer alten Liebe.

Welche Künstlerinnen und Künstler haben dich geprägt oder durch die Jugend begleitet? Schreib es in die Kommentare!

Titelbild: Markus Wissmann / Shutterstock

8 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Gadgets sind meine Passion – egal ob man sie für Homeoffice, Haushalt, Smart Home, Sport oder Vergnügen braucht. Oder natürlich auch fürs grosse Hobby neben der Familie, nämlich fürs Angeln.


Meinung

Hier liest du eine subjektive Meinung der Redaktion. Sie entspricht nicht zwingend der Haltung des Unternehmens.

Alle anzeigen

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

  • Hintergrund

    Olympia ist ein Sportereignis und eine Schreibmaschine – aber warum eigentlich?

    von Martin Jungfer

  • Kritik

    «A Knight of the Seven Kingdoms»: Wo ein Ritter noch träumen darf

    von Luca Fontana

  • Kritik

    Lucky Luke – «Letzte Runde für die Daltons»: Überraschend modern und doch klassisch

    von Kim Muntinga

3 Kommentare

Avatar
later