
Heiliger Strohsack! Lucky Luke wird zum Messias, doch die Satire bleibt zahm
Ausgerechnet Lucky Luke wird zum Mittelpunkt eines religiösen Kults. Das sorgt für absurde Situationen, geldgierige Prediger und einige gute Lacher. Doch «Heiliger Lucky!» bleibt trotz gelungener Gags und toller Zeichnungen zu oft harmlos.
Die Erde soll rund sein? So ein Unsinn! Ein Mann, dem Lucky Luke begegnet, hält das für eine Lüge der Regierung. Die will damit ja nur mehr Steuern eintreiben. Der absurde Verschwörungsglaube erinnert an so manche Debatte der Gegenwart. Ich musste jedenfalls lachen.

Quelle: Achdé / Lucky Comics / Story House Egmont
Solche Momente gehören zu den Stärken von «Heiliger Lucky!». Autor Jul nimmt menschliche Leichtgläubigkeit aufs Korn. Gefährlich wird es, wenn andere diese Überzeugungen gezielt für ihre Zwecke ausnutzen. Im 103. «Lucky Luke»-Abenteuer wird daraus ein Geschäftsmodell.
Achtung: Dieses Review enthält Spoiler.
Wenn aus Glauben ein Geschäft wird
Lucky Luke rettet im kleinen Ort Faith den Prediger Reverend Watine vor Banditen. Der wittert seine große Chance. Mit Lucky Luke will er seinen Traum von der reichsten Kirche in Kansas verwirklichen. Schließlich schießt der Cowboy schneller als sein Schatten, spricht mit seinem Pferd und verlangt für seine guten Taten keinen Cent. Watine erklärt diese Fähigkeiten kurzerhand zu Wundern und Lucky Luke zum Heiligen.
Der Cowboy ist davon wenig begeistert. Er versucht, die vermeintlichen Wunder zu erklären, doch seine Anhänger wollen davon nichts wissen. Stattdessen entsteht mit dem Lukismus eine neue Glaubensgemeinschaft. Die Menschen verehren ihn, kleiden sich wie ihr Idol und kaufen vermeintliche Reliquien. Während Lucky Luke verzweifelt versucht, den Unsinn aufzuklären, klingeln bei anderen die Kassen.

Quelle: Achdé / Lucky Comics / Story House Egmont
Besonders amüsant finde ich, dass Lucky Luke bei seiner eigenen Verehrung praktisch nichts zu melden hat. Seine Anhänger deuten seine Taten nach Belieben und legen ihm Überzeugungen in den Mund. Was ihr Heiliger tatsächlich denkt oder sagt, interessiert sie herzlich wenig. Hauptsache, der Glaube stimmt und das Geschäft läuft.
Die Parallelen zur Gegenwart sind kein Zufall. In einem Interview mit der «Welt» ziehen Autor Jul und Zeichner Achdé Vergleiche zum Personenkult um Donald Trump. Sie sprechen darüber, wie Religion, Macht und wirtschaftliche Interessen zusammenwirken. Jul geht es dabei weniger um den Glauben. Er will kritisieren, wie sich Leichtgläubigkeit ausnutzen lässt. Die absurde Verschwörungserzählung vom Beginn zeigt, wie treffsicher ihm solche Anspielungen gelingen können.
Diesen Ansatz finde ich spannend. Doch gerade angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Bezüge hätte ich mir mehr Biss gewünscht. Jul verspottet zwar geldgierige Prediger und ihre Anhänger, kratzt bei den Mechanismen religiöser Manipulation aber häufig nur an der Oberfläche. Mich hätte beispielsweise interessiert, wie weit die Gläubigen für ihren neuen Heiligen gehen würden und welche Macht die Prediger dadurch gewinnen könnten.
Viele Ideen, aber zu wenig Tiefgang
Mit Faith ist der religiöse Wahnsinn längst nicht ausgestanden. Auch in Beliefs Junction und bei einem indigenen Stamm wird Lucky Luke als Heiliger verehrt. Die Umstände unterscheiden sich, doch das Muster bleibt ähnlich: Der Cowboy tut etwas Gutes, seine Mitmenschen sehen darin ein Wunder und schon hat er eine neue Schar von Anhängern am Hals. Was anfangs noch amüsant ist, nutzt sich mit der Zeit ab.
Dabei hätte Jul genügend Stoff, um die Geschichte abwechslungsreicher zu gestalten. Neben dem Lukismus greift er auch die Vertreibung indigener Menschen auf. Ein skrupelloser Geschäftsmann versucht, sich mithilfe pockenverseuchter Decken ihrer Ländereien zu bemächtigen. Lucky Luke organisiert daraufhin eine Impfkampagne und wird dafür einmal mehr als Wundertäter verehrt.

Quelle: Achdé / Lucky Comics / Story House Egmont
Schade nur, dass Jul aus diesem ernsten Thema so wenig macht. Die gezielte Verbreitung einer Krankheit und die Ausbeutung schutzloser Menschen bieten reichlich Stoff für Gesellschaftskritik. Statt diese Aspekte zu vertiefen, handelt er sie für meinen Geschmack zu schnell ab.
Auch die Nebenfiguren können das nicht auffangen. Viele bleiben auf ihre Rolle als leichtgläubige Anhänger, geldgierige Geschäftemacher oder schrullige Dorfbewohner beschränkt. Ein Pokerspieler etwa verspottet Religion zunächst als langweilige Geldverschwendung. Als er später wegen Falschspiels gehängt werden soll, verspricht er, sich jeder Religion anzuschließen, die ihn rettet. Prompt befreit ihn ein Heuschreckenschwarm aus seiner misslichen Lage. Fortan verehrt er Lucky Luke als Heiligen. Die absurde Bekehrung hat durchaus Witz, doch danach verschwindet die Figur wieder aus der Geschichte.

Quelle: Achdé / Lucky Comics / Story House Egmont
Das Ende macht es nicht besser. Lucky Luke entkommt seinen Verehrern vergleichsweise mühelos und landet schließlich bei einer Amish-Gemeinschaft. Sein Kommentar, wie angenehm es sei, Menschen zu treffen, denen Religion nicht so wichtig ist, soll wohl eine letzte Pointe setzen. Mich hat sie eher irritiert. Schließlich spielt der Glaube im Leben der Amischen eine zentrale Rolle. Vielleicht zielt der Witz darauf ab, dass sie Lucky Luke nicht ebenfalls zum Heiligen erklären. Nach der langen Reise durch die verschiedenen Glaubensgemeinschaften hätte ich mir trotzdem einen stärkeren Abschluss gewünscht.
Für ein paar gute Lacher reicht es trotzdem
Bei aller Kritik hatte ich mit «Heiliger Lucky!» meinen Spaß. Jul trifft mit seinem absurden Humor immer wieder ins Schwarze. Besonders die herrlich albernen Wortspiele rund um «Yolo» und «Muh» haben mich zum Lachen gebracht. Die Gags sind so bescheuert, dass sie schon wieder gut sind. Auch die Naivität der Dorfbewohner sorgt regelmäßig für komische Momente. Nicht jeder Witz zündet, doch langweilig wird es selten.
Eine weitere Stärke sind Achdés Zeichnungen. Sie versprühen den vertrauten Charme der Lucky-Luke-Comics. Die ausdrucksstarke Mimik, die detailreichen Westernkulissen und die visuellen Pointen passen wunderbar zur Geschichte. Herrlich absurd ist etwa die Szene, in der plötzlich sämtliche Bewohner in der Kleidung des Cowboys herumlaufen. Auch der Gegensatz zwischen den begeisterten Anhängern und ihrem sichtlich genervten Heiligen ist zeichnerisch gelungen. Optisch habe ich an diesem Band nichts auszusetzen.

Quelle: Achdé / Lucky Comics / Story House Egmont
Lucky Luke und Jolly Jumper funktionieren als Duo ebenfalls gewohnt gut. Während sich der Cowboy zunehmend über seine Verehrung ärgert, bleibt sein vierbeiniger Begleiter schlagfertig wie eh und je. Am Ende ist es sogar Jolly Jumper, der seinem Reiter aus der Patsche hilft.
Fazit
Eine gute Idee mit angezogener Handbremse
«Heiliger Lucky!» ist für mich ein solider Lucky-Luke-Band mit einer originellen Grundidee, einigen herrlich absurden Gags und hervorragenden Zeichnungen. Die Satire über blinden Glauben, Personenkult und religiöse Geschäftemacherei hätte allerdings deutlich bissiger ausfallen dürfen. Hinzu kommen wiederholte Handlungsmuster, wenig ausgearbeitete Nebenfiguren und ein schwacher Abschluss.
Wer Lucky Luke mag, wird auch mit diesem Abenteuer seinen Spaß haben. Neueinsteiger können ebenfalls problemlos zugreifen. Innerhalb der Reihe landet der Band für mich aber nur im Mittelfeld. Jul wagt sich an interessante gesellschaftliche Themen, zieht seine Kritik jedoch nicht konsequent durch.
Pro
- originelle Grundidee mit aktuellen gesellschaftlichen Bezügen
- herrlich absurde Gags und gelungene Wortspiele
- hervorragende Zeichnungen von Achdé
Contra
- zu harmlose Religions- und Gesellschaftskritik
- wiederholende Handlung und oberflächlich behandelte Nebenthemen
- blasse Nebenfiguren und wenig überzeugendes Ende
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