

Kevin, der Einbrecherschreck: Die dritte Generation der Schweizer Erfindung im Test
Ein Lautsprecher mit Licht- und Soundeffekten soll Einbrecher wie einst bei «Kevin – Allein zu Haus» in die Flucht schlagen. Bei den Filmen wurden die Fortsetzungen nicht besser. Der Kevin.3 entwickelt sich dagegen weiter.
Seit wir einmal Einbrecher im Haus hatten, mache ich mir keine Illusionen mehr. Wenn gerade kein Kevin McCallister den Langfingern die Hölle heiss macht, sind normale Fenster und Balkontüren in Nullkommanichts aufgebrochen, sobald die Wohnung verlassen wirkt. Deshalb ist Abschreckung für mich wichtiger als jede Alarmanlage. Es soll immer bewohnt aussehen, sonst gleicht das speziell in der dunklen Jahreszeit einer Einladung für Diebe. Grund genug, alles interessant zu finden, was präventiv mehr Sicherheit verspricht. So wie der Kevin.3.

Den Anwesenheitssimulator des Schweizer Unternehmens Mitipi habe ich auf dem Radar, seit 2019 eine Kollegin die erste Generation getestet hat. Das kleine Gerät arbeitet mit Licht und Schatten, kann Bewegungen oder einen laufenden Fernseher imitieren und Alltagsgeräusche abspielen. Alles in einem, alles möglichst unkompliziert. Das aktuelle Testgerät, der Kevin.3, wurde mir vom Hersteller zur Verfügung gestellt. Es soll vielseitigere Effekte bieten und stromsparender als seine Vorgänger sein. Ich habe mir genauer angesehen, was die Anwesenheitssimulation leistet, wie sie sich entwickelt hat und wo ihre Grenzen liegen.
Ganz schön klein, der Kevin!
Kevin ist kompakter, als ich erwartet hatte: 21,2 Zentimeter breit, 10,2 Zentimeter hoch und 9,2 Zentimeter tief. Ich kann mir nicht helfen, aber ich stelle ihn mir auf dem eleganten Sideboard eines älteren Ehepaars vor. Nicht, weil er altmodisch aussieht, sondern weil er zugleich hochwertig und unprätentiös erscheint. Er wirkt ziemlich erwachsen, mit klaren Kanten und nur wenigen Knöpfen. An der schmalen Oberseite sind lediglich drei runde eingelassen, die kaum auffallen, sich aber über Rillen ertasten lassen.

Das drei Meter lange Kabel des Netzteils verschafft mir Bewegungsspielraum, denn der richtige Standort des Geräts ist entscheidend für seine Wirkung. Der Stromverbrauch soll deutlich geringer sein als beim Vorgänger. Der Hersteller gibt an, dass der Kevin.3 mit 9 Watt auskommt. Als Mittelwert ist das möglich. Im Betrieb messe ich im Laufe einer Stunde Werte zwischen 3,8 und 16,3 Watt, wenn Licht- und Soundeffekte aktiv sind.
Kein Smart Home: Kevin macht's alleine
Einen eingebauten Akku hat der Kevin.3 nicht, er verfügt lediglich über Wifi, Bluetooth und einen Lichtsensor. Kevin spielt zwar Geräusche aus seinem 32 GB grossen Speicher ab, aber er lauscht nicht und lässt sich auch nicht in ein bestehendes Smart Home einbinden. Der Hersteller hält das System aus Datenschutzüberlegungen geschlossen. Nach dem Einschalten grüsst das Gerät freundlich: «Hello, Kevin here!» Schon kann es mit dem Einrichten losgehen.
Offline lässt es sich über die drei Knöpfe konfigurieren und bedienen. So kann ich eine Simulation starten, den Bluetooth-Lautsprecher aktivieren oder die Lampe einschalten. Praktischer ist es jedoch, die App zu nutzen und darüber Einsatzzeiten und Szenarien zu planen. Das ist der Punkt, an dem acht von zehn ältere Ehepärchen ihre Kinder oder Enkel anrufen. Konto erstellen, Standortzugriff erteilen, Geräte koppeln, Kevin in der App hinzufügen. Routine für viele, aber eben nicht für alle. Bei mir funktioniert der Prozess reibungslos.

Die Lichteffekte sind das Highlight
Der Kevin.3 sollte 15 bis 60 Zentimeter von einer Wand entfernt stehen und diese im Dunkeln als Leinwand nutzen können. Das heisst: Andere starke Lichtquellen in der näheren Umgebung stören. Zudem muss die Simulation von aussen gut zu sehen sein. Gleichzeitig darf das Gerät keinesfalls beim ersten Blick durchs Fenster ins Auge fallen. Ein klareres Zeichen, dass niemand zu Hause ist, gäbe es kaum. Ideal steht er im Hochparterre oder im ersten Stock.
Als ich Kevins Werk das erste Mal bei Dunkelheit von der Strasse aus betrachte, bin ich beeindruckt. Zum einen ist er als einzige Lichtquelle im Raum hell genug, um den etwa 40 Quadratmeter grossen Wohn- und Essbereich bewohnt wirken zu lassen. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich tatsächlich glauben, dass jemand durch die Wohnung geht. Im Video siehst du eine Szene aus dem Demo-Modus, der Effekt verstärkt sich aus der Entfernung an der Wand oder Decke betrachtet.
Dank der unterschiedlich ausgerichteten Lichter an seiner Rückseite kann er Bewegungen simulieren, indem er Schatten über die Wand wandern lässt. Und das realistischer als in der berühmten Partyszene aus «Kevin – Allein zu Haus».
Die «bewegten Personensilhouetten mit Schatteneffekten» sind patentiert und gegenüber dem Vorgängermodell verbessert worden. Da sie sich nicht im Zehnsekundentakt wiederholen, sondern nur gelegentlich zu passenden Soundeffekten bewegen, wirkt das Resultat täuschend echt. Verantwortlich dafür ist die obere LED-Reihe, deren warmweisses Licht relativ hell ist. Die untere LED-Reihe ist farbig und kann einen laufenden Fernseher simulieren.


Natürlich kann, wer ein paar smarte Lichter in der Wohnung hat, diese auch damit durch entsprechende Szenen bewohnt wirken lassen. Bei Philips Hue gibt es dafür zum Beispiel die Automatisierung «Anwesenheit simulieren», die auf Basis deiner üblichen Gewohnheiten Lichter an- und ausschaltet. Und einen TV-Simulator gibt es einzeln auch günstig. Bei uns ist das der Bestseller in der Kategorie Einbruchschutz.

Der kleine Kevin.3 ist insofern konkurrenzlos, dass er eine einfach zu bedienende All-in-one-Lösung ist und ein echtes Schauspiel liefert. Mit dem Nachteil, dass er jeweils nur einen Raum bespielt. Dazu gehören auch entsprechende Geräusche, die zu den Lichtszenen passen. Wann das Gerät etwas von sich gibt, lässt sich in der App beeinflussen – und natürlich könnte ich auch mehrere Kevins für verschiedene Räume erfassen.
Selten Grüezi, viel Hello, Update in Sicht
Etwas enttäuscht bin ich, weil Kevin mich bei der Installation zwar auf Schweizerdeutsch begrüsst, im Alltag aber meistens Englisch spricht, wenn Stimmen in die Geräusche gemischt werden. Bis zu vier Wochen kann er theoretisch Szenarien erfinden, ohne sich zu wiederholen. Viermal länger als der Vorgänger. Morgens werden beispielsweise Zähne geputzt, abends läuft der Fernseher, zu Essenszeiten klappert Geschirr und plappern Menschen. Was vorrangig zu hören ist, hängt von meinen individuellen Einstellungen sowie der Uhrzeit ab.
Damit ich Kevin.3 nicht jedes Mal manuell starten muss, wenn ich das Haus verlasse, kann ich die Geofencing-Option aktivieren oder Routinen erstellen. Geofencing bedeutet, dass Kevin automatisch aktiv wird, sobald ich die Wohnung verlasse. Genauer gesagt: Wenn mein Smartphone mit dauerhaft aktivierter Standortfreigabe einen bestimmten Radius von 250 bis 300 Metern um die Wohnung verlässt. Gehe ich nur in der Nachbarschaft einkaufen, muss ich ihn also trotzdem selbst in der App starten. Bin ich regelmässig unterwegs oder in den Ferien, kann ich alternativ mit einem Wochenplan Kevins Einsatzzeiten definieren.


Sprachlich ist Kevin.3 auf dem Papier vielseitiger als bei meinem Praxistest. Nun ist es in Zürich nicht ungewöhnlich, dass sich Menschen auf Englisch unterhalten. Aber ich wundere mich, weil mir Schweizerdeutsch nur in der Demo unterkommt. Hersteller Mitipi wurde 2018 als Spin-off der Helvetia Versicherung gegründet, ist von Zürich nach Fribourg gezogen und hat inzwischen Tochtergesellschaften in der EU und den USA. Vergisst Kevin.3 seine Muttersprache?
Zwar lässt sich die App auf Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch und Niederländisch nutzen. Was Kevin spricht, beeinflusst diese Einstellung aber nicht. Ich schreibe an Mitipi und CEO Patrick Cotting antwortet mir, dass die aktuellen Sprachversionen von den Simulationseinstellungen abhängen würden. Variiere ich die Regler, kann sich auch die Sprache ändern. 70 Stunden an Aktivitäten und Simulationen seien in Englisch, Deutsch und Schweizerdeutsch auf jedem Gerät gespeichert.

Ausserdem soll es bald ein Update mit neu programmierten KI-generierten Geräuschen und Sounds geben: «Diese kommen noch in diesem Jahr mit einem der nächsten Software-Updates und stehen allen zur Verfügung, auch den aktuellen Besitzern eines Kevin.3.» Sie sind also nicht einer neuen Gerätegernation vorbehalten, Kevin entwickelt sich weiter und in Zukunft wird die bevorzugte Sprache wählbar sein.
Für den Moment hört es sich bei mir meistens so an: Relativ junge Frauenstimmen lachen und tauschen sich auf Englisch über Alltägliches aus. Wechsle ich in den Einstellungen vom «vollen Haus» zu «Einsiedler», höre ich vornehmlich Schritte, Schubladen, Küchengeräusche. Und ein Hintergrundrauschen, das ich wahrnehme, solange ich mich in der Nähe befinde. Aus der Entfernung oder hinter einer Tür fällt dieses nicht auf.
Eigene Aufnahmen täuschen sogar mich
Einbrechern ist vermutlich egaler als mir, welche Stimmen und Sprachen zu hören sind. Für mich wird Kevins Soundkulisse viel realistischer, sobald ich selbst Aufnahmen mache und diese hochlade. Ich zeichne zum Beispiel unsere Unterhaltung während des Abendessens auf und bin ein paar Tage später ehrlich überrascht, als ich die Tür aufschliesse, in die Wohnung komme und ein Wirrwarr vertrauter Stimmen höre. Da meine eigene dabei ist, fällt mir schnell wieder ein, dass ich Kevin damit gefüttert habe.
Das funktioniert folgendermassen: Ich zeichne auf und benenne die Szene. Dann wähle ich für den Lichteffekt eine der Kategorien Hausarbeit, TV, Alltag, Küche, Hobby, Bad und Musikinstrument. Danach ein paar passende Tags, zum Beispiel Kochen und Abendessen. Die gewünschte Zeit definiere ich grob über vier Schieberegler für Morgen, Nachmittag, Abend und Nacht. Schliesslich bestimme ich ein Zimmer für die Szene. Kevin behandelt hochgeladene Aufnahmen prioritär und die Schieberegler sind intuitiv zu bedienen.


Wer gerne die volle Kontrolle hat, vermisst vielleicht die Möglichkeit, den exakten Zeitpunkt für eine bestimmte Aktion festzulegen. «Eine noch genauere Zeitdefinition nach Stunden werden wir in einem nächsten Update gerne berücksichtigen, wenn dies der Wunsch der Kunden ist», schreibt mir Patrick Cotting dazu.
Hört man das überhaupt?
Je nach Wohnsituation und Standort des Geräts dringen die Geräusche nicht nach draussen und sind erst nach Betreten der Wohnung zu hören. Die Lautstärke über den normalen Gesprächspegel zu erhöhen wäre möglich, klingt in meinen Ohren aber falsch. Stehe ich im Treppenhaus, höre ich gedämpfte Geräusche, obwohl Kevin einige Meter vom Eingangsbereich entfernt ist. Auch wenn mich die Lichteffekte mehr begeistern, finde ich die Geräuschkulisse gut.
Sollte jemand – wie schon einmal geschehen – durchs Fenster ins Nachbarzimmer einsteigen und dann Gespräche oder Geräusche in der Wohnung hören, könnte er oder sie sich für den strategischen Rückzug entscheiden. Vielleicht sogar eher als durch eine auslösende Alarmanlage mit Fensterkontakten. Geübte Einbrecher wissen dabei sofort, woran sie sind. Und vor allem: dass sie alleine sind. In diesem Punkt wird Kevin schon eher für Verunsicherung sorgen.
Was Kevin (noch) nicht kann

Kevin schreckt ab. Er lässt sich nicht in ein bestehendes Smart Home integrieren und er bewacht auch nichts. Betritt jemand den Raum, löst er keinen Alarm aus. Bis auf den Helligkeitssensor hat er nichts an Bord, um seine Umgebung zu interpretieren. Das kann man gut oder schlecht finden, es ist aber ein bewusster Entscheid des Herstellers. Man verzichtet bislang zugunsten der Privatsphäre auf Kameras, Mikrofone und weitere Sensoren. Das soll sich künftig ändern.
Mitipi plant, auch Funktionen zur Einbruchserkennung zu integrieren, auf die das Gerät reagiert: «Wir arbeiten an einem eigenen Sensor- und Kamerasystem, das dann direkt mit Kevin interagiert und ganz gezielt Laute wie Hundebellen von sich gibt, sobald jemand an der Tür klingelt oder in die Nähe des Hauses kommt», schreibt mir der CEO.
Aus Sicherheits- und Privatsphärenüberlegungen solle es eine eigens entwickelte Lösung werden. Der Grossteil der Daten bleibe lokal auf dem Gerät gespeichert und der Rest werde in der Schweiz gehostet, heisst es dazu bei it-markt.ch. Die Markteinführung der neuen Generation des Kevin ist für 2027 vorgesehen.
Was Kevin nebenbei kann
Auch wenn ich anwesend bin, habe ich ein bisschen was von Kevin. Als indirekte Beleuchtung sorgt das Gerät für warmweisses Stimmungslicht. Prädikat: brauchbar und angenehm. Als Bluetooth-Lautsprecher könnte ich ihn ebenfalls nutzen. Aber das mache ich nicht, weil ich wie die meisten mehr als eine besser klingende Alternative zu Hause habe. Gefällt mir die graue, magnetisch angebrachte Frontabdeckung nicht mehr, könnte Kevin auch die Farbe wechseln.
Was kein Kevin kann
Den Briefkasten leeren und die Umgebung des Hauses in Schuss halten, in der Einbrecher gerne testen, ob jemand zu Hause ist. Wird eine verschobene Fussmatte wieder zurechtgerückt? Bleibt in den Garten geworfener Abfall liegen? Absolute Sicherheit gibt es nicht. Aber je mehr Menschen ein Auge auf dein Zuhause haben, wenn du unterwegs bist, desto besser. Das kann kein Kevin ersetzen, selbst wenn er künftig bellen sollte, sobald sich jemand dem Gebäude nähert.
Sicherheitssysteme erhöhen lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass sich Einbrecher lieber ein anderes Ziel suchen. Das kostet im Falle des Kevin in etwa so viel wie die bei Galaxus beliebteste Alarmanlage von Ring mit zusätzlichen Einbruchsmeldern für sechs Fenster.
Fazit
Viel Licht, huschende Schatten und Geräusche – Kevin.3 simuliert gut
Wenn du eine passende «Bühne» hast, glänzt Kevin. Ideal ist ein Fenster, das von der Strasse aus gut sichtbar, aber schlecht von aussen einsehbar ist. Dazu eine helle Wand oder Decke, an der die Schatten tanzen können. Dann sieht es im Dunkeln von draussen betrachtet tatsächlich so aus, als wäre nicht nur Licht an, sondern tatsächlich jemand zu Hause, der ab und zu durch die Wohnung geht. Kevin kann nicht Alarm schlagen, sondern will Einbrecher von vornherein abschrecken.
Die App ist übersichtlich und intuitiv zu bedienen, verzichtet aber auf Untermenüs und Detaileinstellungen. In ein bestehendes Smart Home lässt sich Kevin.3 nicht integrieren. Unter dem Strich ist das Gerät eine einfach zu bedienende Lösung für alle, die beim Einbruchschutz auf Abschreckung setzen und mehr als zeitgeschaltete Lichter wollen.
Pro
- drei Jahre Garantie
- Verarbeitung und Qualität
- vielseitig, wiederholt sich nicht
- realistisches Licht- und Schattenspiel
Contra
- bei Sprache/Sounds noch Luft nach oben (Update ist angekündigt)
- kann nur abschrecken, nicht Alarm schlagen
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
Unsere Expertinnen und Experten testen Produkte und deren Anwendungen. Unabhängig und neutral.
Alle anzeigen





