

Leider nur zwei Sterne: Der schönste Wasserkocher hat einen Makel
Kaum ein Produkt hätte ich lieber in den Himmel gelobt als den Wasserkocher von Aarke. Er ist zeitlos schön und dürfte auf ewig in meiner Küche stehen. Dafür müsste er nur seinen Job machen – doch drei Defekte sind zwei zu viel.
Diesen Text wollte ich nie schreiben. Ich wollte nicht mal einen neuen Wasserkocher, sondern meinen alten reparieren. Einen letzten Versuch und ein gebrochenes Scharnier später war ich reif für einen Neukauf. Es sollte nicht weniger als der Wasserkocher fürs Leben werden. Beständig, schön und mit möglichst wenig Plastikteilen. Ein Arbeitstier mit der Anmut eines Araber-Hengsts. All das scheint die Marke Aarke in ihren Produkten zu vereinen.
Seit der Carbonator Pro das Wassersprudeln in meiner Familie zum Erlebnis macht, bin ich Fan. Deshalb sollte mit dem Aarke Kettle fortan der passende Wasserkocher in der Küche stehen. Wer billig kauft, kauft bekanntlich zweimal. Also habe ich sowohl den K-Tipp-Testsieger für knapp 40 Franken als auch den Stiftung-Warentest-Favoriten für gut 20 Franken ignoriert und das Fünf- bis Zehnfache investiert.

Edel, edler, Aarke
Der Kettle besteht hauptsächlich aus Edelstahl mit einigen Details aus BPA-freiem, lebensmittelechtem Kunststoff und Silikon. Am Dichtungsring des Temperaturfühlers kommt das Wasser damit in Kontakt. Am Deckel trifft der Wasserdampf auf Kunststoff. Das stört mich nicht. Ich stelle auch keinen metallischen Geschmack des Wassers fest, den manche kritisieren, sondern freue mich an den äusseren Werten.
Da ist der elegante Sockel mit dem integrierten Schalter, an dem ich die Temperatur wählen und den Wasserkocher starten kann. Auf diesem Sockel thront die gut 1,3 Kilogramm schwere doppelwandige Kanne. Sie wird von aussen nicht zu heiss und drinnen brodelt das Wasser angenehm leise. Ist die Wunschtemperatur erreicht, stellt sich der Wasserkocher einfach ab und verzichtet, wenn ich den Sound per langem Tastendruck deaktiviere, auf jegliches Gepiepse. Eine Wohltat.

Im Inneren sind der minimale Füllstand von 0,5 Litern und der maximale von 1,2 Litern markiert. Da die Kanne gut isoliert ist, bleibt das Wasser auch lange warm, die aktuelle Temperatur lese ich an den dezent weissen LEDs ab. Der Deckel öffnet sich weit, die Taste dafür greift das Design des Schalters im Sockel auf. In jedem Detail spüre ich den Qualitätsanspruch.
Mehr Metall, mehr Schrauben
Die beiden schwedischen Gründer Jonas Groth und Carl Ljungh sind Industrie-Designer und wollten Produkte entwerfen, die ästhetisch, hochwertig und reparierbar sind. Beim Wasserkocher hiess das, die Konstruktion von Grund auf neu zu denken: weg mit sichtbaren Schweissnähten und, wo immer möglich, Kunststoffen. Das treibt den Preis, aber Kompromisse passen nicht zur Unternehmensphilosophie.
Wir entscheiden uns niemals für eine Kostensenkung, indem wir Schrauben oder Materialien reduzieren, ganz im Gegenteil.
Im Gespräch mit Manufactum heisst es weiter: «Wir fügen noch mehr Material hinzu, mehr Metall, mehr Schrauben, von Jahr zu Jahr, um die Qualität zu steigern und es langlebiger und einfach besser zu machen. Am Ende zahlt sich das aus. Davon sind wir fest überzeugt.» Ich finde das unterstützenswert. Es ist ein schöner Gegenentwurf zur Wegwerfmentalität.
Mich stört auch nicht, dass der Wasserkocher in China produziert wird. Geht ja nicht anders. Oder? Jetzt, da ich mich intensiver damit befasse, stelle ich fest: Es gibt Marken wie Ottoni Fabbrica, Ritterwerk oder Dualit, die das für weniger Geld in Italien, Deutschland und Grossbritannien schaffen. Mich stört vor allem, dass meine Frau schon nach drei Monaten ruft: «Dein teurer Wasserkocher ist kaputt!» Das trifft mich wirklich, denn sie beäugt meine Design-Käufe traditionell skeptisch.

Ein Defekt ist nur der Anfang
Zunächst spinnt die LED-Anzeige. Das Licht springt hektisch zwischen den Temperaturstufen hin und her. Wasser kochen möchte der Aarke in diesem Zustand nicht mehr. Dann scheint sich das Gerät wieder zu erholen. Ab und an braucht es einen Tastendruck mehr, bis er anspringt. Schliesslich funktioniert er nur noch nach dem Zufallsprinzip – und schlussendlich geht gar nichts mehr.
Dumm gelaufen, kann aber passieren, denke ich mir. Auch nach dem ersten Defekt wollte ich diesen Text nicht schreiben. Ich wollte den Aarke Kettle zur Reparatur bringen. Deshalb habe ich ihn eines Dienstags mit ins Büro genommen, um ihn nach der Arbeit im Shop abzugeben. Dass es anders kam, habe ich unserem wöchentlichen Teammeeting zu verdanken.

«Den haben wir auch», sagt meine Kollegin Darina, als ich das Gerät auf den Tisch packe, und schiebt hinterher: «Er war schon zweimal defekt.» – Wie bitte? Erzähl mir mehr, Darina! «Der erste hat beim Aufkochen ohrenbetäubend gequietscht und gepfiffen, etwa so wie die alten Wasserkocher in Filmen.» Der zweite habe ungefähr ein Jahr durchgehalten, bevor er ein ähnliches Eigenleben entwickelte wie meiner. «Vor zwei Wochen gingen beim Aufkochen unten immer die Temperaturanzeiger aus und er stellte sich wieder ab.» Etwa zehn Startversuche später sei er dann wieder angesprungen. Kommt mir bekannt vor. Toi, toi, toi.
Drei Defekte sind zwei zu viel
Zwei Luxus-Kocher, drei Defekte? Ab diesem Moment wollte ich diesen Text schreiben. Wir versuchen in unseren Reviews, euch ehrliche und hilfreiche Alltagserfahrungen zu schildern. Und diese Geschichte ist nicht von langer Hand geplant, sondern mitten aus dem Leben. Das siehst du auch an der miesen Fotoqualität. Sorry dafür. Die Bilder habe ich kurzentschlossen mit meinem alten iPhone 10 geschossen, bevor ich den Wasserkocher zurückgegeben habe.

Als die Frage kommt, ob ich es austauschen oder den Kaufpreis erstattet haben möchte, zögere ich kurz – Geld oder Liebe? Schweren Herzens entscheide ich mich für das Geld. Ein Defekt kann immer vorkommen. Drei sind ein Muster. Und wenn ich mir die Garantiefallquote unter den Wasserkochern bei Galaxus anschaue, liegt Aarke auf den hinteren Plätzen im roten Bereich: Anfang April auf Platz 64 von 74 Marken, momentan sieht es so aus.

Ich will keinen persönlichen Frust ablassen. Mir ist kein Schaden entstanden. Ich will aber darauf hinweisen, dass bei der Zuverlässigkeit noch Luft nach oben ist.
Keine Antwort, keine Erklärung
Am liebsten würde ich dir auch eine gute Erklärung dafür liefern. Deshalb habe ich der Pressestelle von Aarke am 1. April geschrieben, auf meine Erfahrungen und die Garantiefall-Quote verwiesen. Es hätte ja sein können, dass irgendein Problem bekannt ist, ein Detail bereits verbessert wurde oder so etwas zumindest geplant ist. Leider kam bis heute ausser einer automatischen Antwort nichts zurück.
Bei Presse- und Medienanfragen werden wir Ihre Nachricht schnellstmöglich prüfen und uns bei Ihnen melden, falls sich eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit ergibt. In allen anderen Fällen leiten wir Ihre Nachricht an das zuständige Team in unserem Unternehmen weiter.
Deshalb kann ich aufgrund eigener Erfahrungen und Zahlen nur mutmassen, dass dieser wunderschöne Wasserkocher, der 2023 auf den Markt kam, noch zu Kinderkrankheiten neigt. Trotz durchschnittlich drei Jahren Entwicklungszeit, die Aarke in neue Produkte investiert.

Im Alltag gescheitert
Das ist schade, wenn der Anspruch so hoch ist, wie Gründer Ljungh gegenüber Manufactum formuliert: «Wir brauchen grundsätzlich nicht noch mehr Dinge auf der Welt. Was wir hingegen brauchen, sind bessere Produkte. Produkte, die den alltäglichen Anforderungen und dem ästhetischen Blick für lange Zeit standhalten. So investiert man in die Zukunft.»
Was die Ästhetik angeht, sind die Designer am Ziel. Der Rest kann ja noch werden. Die Marke hat Zukunft. Der Ansatz ebenfalls. Aarke bedeutet im Samischen übrigens «alltäglich» – und im Alltag ist der Wasserkocher bei mir leider gescheitert. Meine Frau wartet ab, was ich als Nächstes anschleppe, und kocht sich ihr Teewasser derweil im guten alten Topf.
Fazit
Wunderschön, aber leider defektanfällig
Der Wasserkocher von Aarke ist meiner Meinung nach der schönste auf dem Markt. Er kocht leise, nervt nicht mit Piepsen, ist von schwerer Qualität und hat den Einsatz von Kunststoff aufs Minimum reduziert.
Bei mir war er schon nach drei Monaten defekt, eine Kollegin hatte bereits zweimal Probleme damit und die Garantiefallquote ist generell zu hoch für ein Produkt, das über 200 Franken kostet. Die schwedische Marke will Produkte verkaufen, die zeitlos gut aussehen, reparierbar sind und lange halten.
Leider ist Letzteres ein Problem. Deshalb gibt es schweren Herzens nur zwei Sterne: einen für das Design, einen für den Qualitätsanspruch des relativ jungen Unternehmens.
Pro
- Kunststoff nur an Temperatursensor und Deckel (Dichtung)
- leise
- wunderschön
Contra
- hohe Garantiefallquote (16.4.26: 3,6 %, Rang 57 von 70)
- drei Defekte an zwei Kochern im Garantiezeitraum

Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
Unsere Expertinnen und Experten testen Produkte und deren Anwendungen. Unabhängig und neutral.
Alle anzeigenDiese Beiträge könnten dich auch interessieren

Hintergrund
«Irgendwann repariere ich das mal» (ganz bestimmt)
von Michael Restin

Produkttest
Kinder- und Hundehaushalt: Besteht der Bissell Spotclean Hydrosteam Pro den Fleckentest?
von Ann-Kathrin Schäfer

Produkttest
Heiss im Herbst: Darum überzeugt mich die Thermosflasche von 24 Bottles
von Martin Jungfer