

Schmuck, der nicht ans Ohr will – sondern an die Vase
Vasen, Kreolen oder Armreife – Schmuck wandert gerade vom Körper ans Objekt und damit ins Wohnzimmer. Drei Labels zeigen, warum das mehr ist als ein ästhetischer Gag.
Ich habe ein Doppelleben geführt, ohne es zu merken. Morgens Ohrringe angesteckt, abends dieselben Formen auf Vasen und Gefässen bewundert. An der Mexico City Art Week 2026 und den 3daysofdesign in Kopenhagen 2025 ist mir aufgefallen: Schmuck und Objekt wachsen gerade zusammen.
Hoop-Ohrringe
Baron y Vicario aus Mexiko arbeitet mit Kunstharz – einem Material, das der Meister hinter der Marke seit über 25 Jahren erforscht. Die Gefässe der Marke haben Henkel, die aussehen wie Ohren, mit Ösen darin, die wie Ohrringe wirken.





Das klingt verspielt, hat aber Tiefe: Das Stück «Mazunte» ist zum Beispiel nach einem Ort an der mexikanischen Pazifikküste benannt, wo Schildkröten nisten. Der Name stammt aus dem Náhuatl und bedeutet so viel wie «hier legt die Schildkröte ihre Eier ab».
Fruchtige Charm-Anhänger
Nicht weit davon entfernt – im übertragenen Sinne – arbeitet die Künstlerin Kora Moya Rojo. Ihre Vase «Ofrenda», entstanden in Zusammenarbeit mit Ago Projects, ist aus niedrig gebrannter glasierter Keramik und übersät mit kleinen Ringen, an denen Früchte wie an einem Charm-Armband baumeln: Erdbeeren, Limettenscheiben, Blüten. Wie ein Marktstand, der sich an eine Vase geheftet hat. Die Stücke sind ihre ersten in Keramik – die Spanierin ist eigentlich Ölmalerin. Und das siehst du: Ihre Bildsprache aus floralen, kulinarischen und fast religiösen Motiven hat sie einfach ins Dreidimensionale übersetzt.


Den Titel hat sie bewusst gewählt: «Ofrenda» – Opfergabe – ist ein Konzept, das sie seit Längerem beschäftigt. «Ich finde es faszinierend, wie verschiedene Kulturen Opfergaben in ihre Rituale einbinden – nicht nur um Verstorbene zu erinnern, sondern als Akt der Dankbarkeit», sagt sie. Die hängenden Anhänger sind eine persönliche Auswahl: Objekte und Lebensmittel, die ihr etwas bedeuten – leicht verfremdet, sodass sie vertraut und fremd zugleich wirken. Inspiriert von den Märkten Mexico Citys, wo sie lebt. Die Vase symbolisiert den Körper, die Anhänger seinen Schmuck. Früchte und Blüten trägst du, statt sie zu essen und plötzlich bekommen sie Bestand.
Filigrane Hänger
Den vielleicht poetischsten Ansatz verfolgt das guatemaltekische Studio Nada Duele. Bei «Sudor Silente» hängen mundgeblasene Glastropfen an Eisennägeln, die in Tongefässe getrieben wurden. Jeder Tropfen ein eingefrorener Schweissmoment – und gleichzeitig ein Anhänger, der nie abgenommen wird.


Drei Stimmen, ein Impuls: Objekte als Schmuckträger. Goldene Armreife als Griffe, Ösen wie Kreolen, Anhänger wie Perlen – die Grenze zwischen Regal und Schmuckkästchen wird gerade neu verhandelt. Auch im Galaxus-Sortiment zeigen erste Vasen, dass der Trend längst angekommen ist.
Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Vom neuen iPhone bis zur Auferstehung der Mode aus den 80er-Jahren. Die Redaktion ordnet ein.
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