Deine Daten. Deine Wahl.

Wenn du nur das Nötigste wählst, erfassen wir mit Cookies und ähnlichen Technologien Informationen zu deinem Gerät und deinem Nutzungsverhalten auf unserer Website. Diese brauchen wir, um dir bspw. ein sicheres Login und Basisfunktionen wie den Warenkorb zu ermöglichen.

Wenn du allem zustimmst, können wir diese Daten darüber hinaus nutzen, um dir personalisierte Angebote zu zeigen, unsere Webseite zu verbessern und gezielte Werbung auf unseren und anderen Webseiten oder Apps anzuzeigen. Dazu können bestimmte Daten auch an Dritte und Werbepartner weitergegeben werden.

Cottonbro/Pexels
Hintergrund

Verlustfrust: Warum wir nicht loslassen können (und wie es trotzdem klappt)

Anna Sandner
19/5/2026

Dinge auszusortieren, fällt oft verdammt schwer. Dass wir an vollen Kellern, ungenutzten Abos oder teuren Fehlkäufen festhalten, liegt an einem psychologischen Mechanismus: der Verlustaversion. Dahinter steckt ein steinzeitlicher Reflex unseres Gehirns, den du überlisten kannst.

Ich habe einen alten Entsafter im Keller stehen. Seit Jahren. Seit sehr vielen Jahren, wenn ich ehrlich bin. Ich benutze ihn nie, er steht im Weg und staubt vor sich hin. Eigentlich müsste das Ding längst auf den Flohmarkt oder in die Entsorgung. Trotzdem überlebt er jede Ausmist-Aktion, entgeht jedem Flohmarktbesuch und staubt weiter ein. Sobald ich daran denke, ihn wegzugeben, meldet sich eine Stimme in mir: «Vielleicht fange ich nächste Woche ja doch wieder an, mir jeden Morgen frischen Saft zu pressen.»

Kommt dir das bekannt vor? Warum halten wir an Dingen und Überzeugungen fest, die uns eigentlich nur belasten? Etwa aus Dummheit oder mangelnder Disziplin? Nein, wir kämpfen mit einem psychologischen Mechanismus, der tief in uns allen verwurzelt ist: der Verlustaversion.

Die Psychologie der Verlustaversion: Die Angst vor dem Verlust wiegt doppelt

Die Theorie der Verlustaversion (auf Englisch: Loss Aversion) wurde 1979 von den beiden Kognitionspsychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky begründet. Sie fanden in ihren Studien heraus, dass Menschen Gewinne und Verluste emotional völlig unterschiedlich bewerten. Sie konnten das sogar konkret beziffern: Ein Verlust schmerzt uns psychologisch betrachtet etwa doppelt so stark, wie uns ein gleich hoher Gewinn erfreut.

Würdest du auf der Straße 50 Euro finden, wäre die Freude sicherlich groß. Würdest du die 50 Euro abends wieder verlieren, wärst du am Boden zerstört über den Verlust – obwohl du nicht weniger hast als vor deinem unerwarteten Fund. Obwohl du also den gleichen Wert gewonnen und wieder verloren hast, überwiegt am Ende der Frust über den Verlust.

Etwas zu finden ist toll, es wieder zu verlieren, doppelt so schlimm.
Etwas zu finden ist toll, es wieder zu verlieren, doppelt so schlimm.
Quelle: Shutterstock

Dieses scheinbar unlogische Empfinden hat einen evolutionären Grund. In der Steinzeit war es für unsere Vorfahren überlebenswichtig, knappe Ressourcen wie Nahrung oder einen sicheren Unterschlupf nicht zu verlieren. Wer seinen Besitz leichtfertig abgab, riskierte sein Leben. Die Chance auf einen zusätzlichen Gewinn (etwa einen weiteren Apfel) war nett, aber nicht zwingend überlebensnotwendig. Unser Gehirn lernte also: Verlieren ist gefährlich. Genau dieses steinzeitliche Erbe schlägt heute noch zu, wenn wir versuchen, den Dachboden auszumisten oder uns von alten Gewohnheiten zu lösen.

Evolutionäres Erbe: Die Spitzmaus mit Verlustfrust

Wie tief dieses evolutionäre Programm in uns verankert ist, beschreibt der Hirnforscher Stefan Kölsch sehr anschaulich in seinem Konzept des sogenannten «Verlustfrusts». Kölsch leitet seinen Verlustfrust direkt aus der Verlustaversion ab und macht in seinem Buch «Die dunkle Seite des Gehirns» deutlich, wie sehr unser Unterbewusstsein uns steuert.

Um das zu erklären, nutzt er in Vorträgen gerne das Bild einer Spitzmaus, die einen Käfer gefangen hat. Wenn diese Spitzmaus nun direkt vor sich einen noch viel größeren und dickeren Grashüpfer sitzen sieht, wird sie den Käfer dennoch nicht loslassen, um nach dem Grashüpfer zu schnappen. Warum? Weil ihr Unterbewusstsein weiß: Den Käfer hat sie sicher. Lässt sie ihn los, könnte der Grashüpfer entkommen und sie ginge leer aus.

Die Spitzmaus illustriert ein altes Überlebensprinzip: Sicherheit schlägt Risiko.
Die Spitzmaus illustriert ein altes Überlebensprinzip: Sicherheit schlägt Risiko.
Quelle: Martin Koebsch/Shutterstock

Genau wie die Spitzmaus reagieren wir mit echtem Stress, Frust und negativen Emotionen, wenn uns ein Verlust auch nur droht. Dieses unbewusste Festhalten an der sicheren Beute ist der Grund, warum wir uns so schwer von unserem physischen Besitz (wie ich von meinem Entsafter) trennen können.

Dieser evolutionär sinnvolle Überlebensmechanismus wird uns im modernen Alltag oft zum Verhängnis. Unternehmen wissen ganz genau um unsere Verlustaversion. Ein klassisches Beispiel sind kostenlose Probeabos für Streaming-Dienste. Du meldest dich für einen Gratis-Probemonat an. Das kostet dich nichts, fühlt sich also wie ein Gewinn an. Ist der Monat aber vorbei, müsstest du das Abo aktiv kündigen, um nicht zu zahlen. Dein Gehirn bewertet diese Kündigung plötzlich als den «Verlust» eines liebgewonnenen Dienstes. Um diesen schmerzhaften Verlust zu vermeiden, lassen wir das Abo lieber weiterlaufen – und tappen prompt in die Falle.

Wie du dein Gehirn überlistest: 3 psychologische Tricks für den Alltag

Wenn wir also wissen, dass unser Gehirn uns Streiche spielt, wie können wir uns dann wehren? Hier kommen ein paar alltagstaugliche Tipps aus der Verhaltenspsychologie, die das Loslassen erleichtern:

1. Perspektivenwechsel

Frage dich nicht, was du verlierst, wenn du einen Gegenstand weggibst. Weiter kommst du mit dieser Frage: «Wenn ich diesen Gegenstand heute nicht besitzen würde, wie viel Geld würde ich jetzt gerade dafür bezahlen, um ihn zu bekommen?» Meistens lautet die Antwort dann nämlich: gar nichts.

2. Abstand gewinnen

Wenn du dich über etwas ärgerst (etwa über ein gekündigtes Abo oder eine verpasste Chance), versuche, den Verlustfrust aktiv zu stoppen. Stefan Kölsch rät dazu, die Emotion bewusst wahrzunehmen, tief durchzuatmen und die Aufmerksamkeit stoisch auf das Hier und Jetzt zu lenken. Das mag dir anfangs unmöglich erscheinen, wird aber durch Übung immer leichter.

3. Die Probe-Trennung

Packe Dinge, von denen du dich schwer trennen kannst, in eine Kiste und stelle sie außer Sichtweite. Wenn du in den nächsten sechs Monaten nicht einmal an den Inhalt gedacht hast, kannst du die Kiste ungesehen entsorgen. Der Verlustschmerz fällt dann deutlich geringer aus, weil du dich innerlich bereits distanziert hast.

Buchtipp: Wie du dein Unterbewusstsein besser verstehst

Die dunkle Seite des Gehirns (Deutsch, Stefan Kölsch, 2024)
Fachbücher

Die dunkle Seite des Gehirns

Deutsch, Stefan Kölsch, 2024

Wenn du tiefer in solche unbewussten Mechanismen eintauchen möchtest, empfehle ich dir «Die dunkle Seite des Gehirns» von Stefan Kölsch. Das Buch dreht sich um weit mehr als nur den Verlustfrust. Kölsch zerlegt darin, wie unser Unterbewusstsein unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle und unsere Entscheidungen steuert. Er beleuchtet negative Gedankenschleifen, Ängste, festgefahrene Konflikte und die ewige Frage, warum wir oft Dinge tun, von denen wir genau wissen, dass sie uns schaden.

Er schlägt dabei ständig die Brücke von der Steinzeit direkt in unseren Alltag. Du erfährst, warum unser Gehirn so heftig auf Bedrohung oder soziale Kränkungen reagiert und warum es so verdammt schwer ist, alte Verhaltensmuster abzulegen. Du bekommst hier also keinen Ratgeber mit schnellen Checklisten geliefert, sondern ein solides Fundament, um dein eigenes emotionales Innenleben besser zu verstehen.

Die Sprache ist bildhaft und alltagsnah. Trotzdem fühlt sich das Buch stellenweise an wie eine richtig gute Uni-Vorlesung: dicht, detailreich und theoretisch fundiert. Wenn du also Lust auf tiefe Zusammenhänge hast, bist du hier genau richtig. Auf dieser wissenschaftlichen Basis liefert Kölsch am Ende konkrete Ratschläge für den Alltag.

Begleitend zum Buch erklärt Kölsch auf Youtube, wie unser Unterbewusstsein uns unbemerkt beeinflusst.

Und was mache ich nun mit meinem Entsafter?

Ich habe ihn gestern Abend fotografiert und online zum Verschenken inseriert. Wenig später war er auch schon weg. Genauso wie der kleine Verlustschmerz, der im Nu verflogen ist. Geblieben sinddafür der freie Platz im Keller und das wunderbar befreiende Gefühl, der Steinzeit in meinem Kopf ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Titelbild: Cottonbro/Pexels

5 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Wissenschaftsredakteurin und Biologin. Ich liebe Tiere und bin fasziniert von Pflanzen, ihren Fähigkeiten und allem, was man daraus und damit machen kann. Deswegen ist mein liebster Ort immer draußen – irgendwo in der Natur, gerne in meinem wilden Garten.


Hintergrund

Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

Alle anzeigen

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

  • Hintergrund

    Fünf Gründe, warum dir ein Kuss so guttut

    von Olivia Leimpeters-Leth

  • Hintergrund

    Keine Panik:  Angst hat auch positive Aspekte

    von Janina Lebiszczak

  • Hintergrund

    Farbe, Form, Geruch: Lass uns über Kinderkacke sprechen

    von Katja Fischer

Kommentare

Avatar