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Carmen Baumann
Ratgeber

5 Bücher, 5 Rezensionen: Die Redaktion liest die Nominierten für den Schweizer Buchpreis

Bald ist es so weit: Der Schweizer Buchpreis 2026 wird verliehen. Im Vorfeld der Verleihung hat unsere Buchredaktion die fünf nominierten Bücher gelesen. Vielleicht landet auch bald eines auf deiner Leseliste?

«Königin der Nacht» – Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss hat mich mit «Die Königin der Nacht» positiv beeindruckt. Auch wenn das Buch – wie mir meine Grossmutter im Austausch spiegelte – in Wortwahl und Sprache durchaus grob, vulgär und teils abseits jeglicher politischer Korrektheit formuliert ist: Bärfuss gelingt es, in dieses schmale Buch unglaublich viel Substanz zu packen, ohne mich als Leser zu überfordern.

Besonders stark finde ich die Verflechtung der eigenen Kindheitsgeschichte und des eigenen Seins mit komplexen, gesellschaftlichen Themen – etwa der Rolle der Mutter oder der Schweizer Politik in Bezug auf Verdingkinder und Eugenik. So entsteht ein Buch voller trauriger und tiefpersönlicher Emotionen, das gleichzeitig einen erstaunlich reflektierten Blick auf die eigene Mutter wirft, die letztlich selbst Teil eines Systems war, das sie fallen gelassen hat. Für mich völlig zu Recht nominiert. Ich liebe dünne Bücher, die mit umso mehr Tiefe noch lange in einem nachhallen!

Gelesen von Josia Jourdan

Produktbild Königin der Nacht (Deutsch, Hardcover, Lukas Bärfuss)
Belletristik

Königin der Nacht

Deutsch, Hardcover, Lukas Bärfuss

«Hauptsache kein Zeitgeist» – Hayat Erdoğan

Hayat Erdoğans Debütroman trägt mich durch 24 Stunden Innenleben der Protagonistin am 6. Februar 2023. Dem Tag, an dem ein schweres Erdbeben Teile der Türkei und Syriens zerstörte. In einem wilden Mix aus Erinnerungen, Gedankensprüngen, Tagebucheinträgen und News-Einschüben erlebe ich ihren Versuch, mit dieser Katastrophe umzugehen. Und während die Aussenwelt stillsteht, wird die innere Welt umso lauter. Ihre Gedanken kreisen, rennen, springen, überschlagen und übertrumpfen sich, und überfordern mich manchmal genauso wie die Protagonistin selbst.

Hayat Erdoğan spielt genau mit dieser Überforderung. So gut, dass ich teilweise Mühe hatte, ihr zu folgen. Zu viele Themen in zu wenig Zeit. Migration, Feminismus, Identität, Liebeskummer, Politik – und das alles in nur 24 Stunden.

Aber genau das ist für mich die Essenz dieses Buchs: die Kontrolle über den eigenen Kopf verlieren, immer fünf Gedanken gleichzeitig haben, aber keinen zu Ende denken können. Genau, wie mein Gehirn funktioniert, wenn mir etwas Schlimmes passiert.

Gelesen von Aline Piazza

Produktbild Hauptsache kein Zeitgeist (Deutsch, Hardcover, Hayat Erdoğan)
Belletristik

Hauptsache kein Zeitgeist

Deutsch, Hardcover, Hayat Erdoğan

«Die Auster» – Yael Inokai

Das perfekte Buch für einen gemütlichen, regnerischen Novembernachmittag. Yael Inokais erster Krimi packt einen sofort. Kein Wunder: Die Autorin kommt von Drehbuch und Dramaturgie, und ich sehe diesen Roman förmlich auf der Bühne oder als Film vor mir. Dazu passt Protagonistin Leonora Bloch, die nicht auf den Mund gefallen ist, perfekt.

Der Krimi beginnt am Küchentisch im Haus von Dr. Bronstett. Die 73-jährige Putzfrau Leonora Bloch hat ihren Arbeitgeber ermordet in seinem gläsernen Zuhause aufgefunden. Und sie tut, was sie seit 45 Jahren tut: Sie putzt. Sehr zum Entsetzen von Kommissarin Odile Rodinski, die den Fall aufklären muss. Leonora ist eigenwillig, manchmal merkwürdig, doch im Verlauf der Ermittlungen blitzt auch ihre fürsorgliche Seite durch. Und sie hat ihre eigenen Geheimnisse.

Gelesen von Carmen Baumann

«Das grosse Eis» – Sonja Kreis

Das Eis auf dem Bodensee knackt, gurgelt und singt – daran erinnert sich Anna noch genau. In Grönland kreischt und stöhnt das Packeis. Die Eisberge donnern, krachen und ächzen, während sie dort auf ihren Bruder wartet, den sie seit vierzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Nach dem Tod der Eltern ist Anna zu ihm gereist, um ihm ein vererbtes Gemälde zu bringen. Und so eisig wie das winterliche Aussen ist auch ihre Seelenlandschaft.

In ihrem Debütroman «Das grosse Eis» setzt Sonja Sophie Kreis die emotionalen Schollen aus Angst und Kälte poetisch und eindringlich zu einer berührenden Familiengeschichte zusammen, die sich in den Nachkriegsjahren an der deutsch-schweizerischen Grenze abspielt. Der Krieg hinterlässt seine Spuren, die Figuren entfremden sich, treiben langsam voneinander weg. Mal tun die Splitter weh, mal beginnt das Eis zu schmelzen – immer trägt die Bildgewalt von Kreis’ Sprache.

Gelesen von Linda Leitner

Produktbild Das grosse Eis (Deutsch, Hardcover, Sonja Sophie Kreis)
Belletristik

Das grosse Eis

Deutsch, Hardcover, Sonja Sophie Kreis

«Unwucht» – Sarah Elena Müller

Sie existiert, sie überlebt – aber lebt sie auch? Diese Frage stellt sich Alice tagtäglich, über Jahre hinweg. In Sarah Elena Müllers «Unwucht» begleite ich die Erzählerin in zwei Zeitsträngen: 2017 und 2025. Mittendrin und danach.

2017 steckt Alice in einer Beziehung mit Rio, der etwas mehr liebt als sie: Crystal Meth. Er ist tagelang weg, meldet sich nicht, nimmt viel und gibt dafür wenig. Alice ist am «Rock Bottom» angelangt. Acht Jahre später schreibt sie ein Buch über Rio und sich und taucht, mit genügend Abstand, noch einmal in diese Geschichte ein.

Dieses Buch ist eine Wucht. Alices Schmerz, in der Ich-Perspektive erzählt, ist spürbar: ihre Verzweiflung, ihre Hoffnungslosigkeit und trotz allem ihre Loyalität zu Rio. Gut, gibt es die zwei Zeitstränge, denn nur in der Endlosschleife dieser untröstlichen Liebe zu bleiben, wäre zu deprimierend. Der zweite Strang bringt (ein Stück weit) Perspektive und Hoffnung – dringend nötig. Und der Schreibstil ist, so ernst und niederschmetternd das Thema, tiefsinnig und zugleich leicht.

Gelesen von Carmen Baumann

Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 15. November 2026, im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.

Titelbild: Carmen Baumann

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