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Kim Muntinga
Kritik

«Adorable Adventures» im Test: Süß, stimmungsvoll und etwas zu brav

Kim Muntinga
8/5/2026
Bilder: Kim Muntinga

In «Adorable Adventures» folge ich als Wildschweinbaby Boris meiner Nase durch eine wunderschöne Naturkulisse. Das ist charmant, stimmungsvoll und oft überraschend warmherzig, aber die zentrale Idee nutzt sich schneller ab, als mir lieb ist.

Ich stehe mit meinen viel zu kurzen Beinchen im feuchten Gras. Vor mir tanzen leuchtende Duftpartikel durch die Luft, irgendwo raschelt ein Busch, und mein kleiner Wildschweinrüssel arbeitet, als hinge mein ganzes Leben davon ab. Was in gewisser Weise stimmt. Ich bin Boris, ein Frischling, getrennt von meiner Familie und mein bester Kompass ist meine Nase.

«Adorable Adventures» hat mich in diesen ersten Minuten nicht mit großen Worten überzeugt, sondern mit einer simplen Idee: Ich sehe die Welt nicht wie ein Mensch, sondern wie ein kleines Tier, das sich auf Instinkte verlassen muss. Jeder Geruch wird zur Spur, jedes Rascheln zum Versprechen, jeder Schritt ins hohe Gras zu einer kleinen Mutprobe. Das ist charmant, manchmal fast rührend, aber auch riskant. Denn so niedlich Boris auch ist: Ein Spiel kann sich nicht allein auf große Augen und tapsige Animationen verlassen. Irgendwann muss aus dem ersten «Oh, wie süß» ein echtes Abenteuer werden.

Schon in den ersten Minuten zeigt «Adorable Adventures», worum es geht: kleine Entdeckungen, viel Natur und Boris’ Nase als wichtigstes Werkzeug.
Schon in den ersten Minuten zeigt «Adorable Adventures», worum es geht: kleine Entdeckungen, viel Natur und Boris’ Nase als wichtigstes Werkzeug.

Vom großen Wildnistraum zum kleinen Tierabenteuer

Hinter «Adorable Adventures» steckt Wild Sheep Studio, ein Name, der bei manchen noch eine ganz andere Erinnerung weckt. Das französische Team arbeitete einst an «WiLD», einem ambitionierten Open-World-Projekt für die Playstation 4, das jahrelang wie ein Versprechen durch die Branche geisterte und am Ende nie erschien. Nun kehrt das Studio mit einem deutlich kleineren Spiel zurück: einem Cozy-Adventure über Instinkt, Orientierung und Familie.

Gerade dieser Maßstabswechsel macht neugierig. Aus der großen Wildnisfantasie wird eine intime Tiergeschichte. Gleichzeitig war ich skeptisch: Niedlichkeit, Duftspuren und eine rührende Prämisse schaffen schnell Sympathie, tragen aber nicht automatisch ein ganzes Spiel. Wenn ein Spiel bewusst klein bleibt, müssen seine wenigen Ideen umso besser funktionieren.

Die Nase als wichtigste Taste

Spielerisch hängt viel an Boris’ Geruchssinn. Auf Knopfdruck werden Duftspuren sichtbar, die sich wie leuchtende Fäden durch Gras, Wald und Höhlen ziehen. Das ist mehr als nur ein netter Effekt, weil es sofort zur Figur passt: Boris orientiert sich nicht wie ein Mensch. Er liest die Welt mit der Nase.

Die Duftspuren führen nicht nur durch die Landschaft, sondern zurück zu Boris’ verlorener Familie.
Die Duftspuren führen nicht nur durch die Landschaft, sondern zurück zu Boris’ verlorener Familie.

Am besten funktioniert das, wenn mich das Spiel nicht einfach nur führt, sondern neugierig macht. Wenn eine Spur sich mit einer stärkeren Fährte kreuzt, um Felsen windet oder mich kurz vom offensichtlichen Weg abbringt, fühlt sich das Schnüffeln tatsächlich wie Suchen an. Sobald ich aber nur noch einer Partikelspur hinterherlaufe, verliert die Idee etwas von ihrem Zauber.

Auch Boris selbst lebt von diesem Gefühl. Er wuselt durchs Gras, rutscht kleine Abhänge hinunter und drückt sich durch Büsche, als wäre jeder Meter ein kleines Abenteuer. Das ist charmant, solange die Tapsigkeit gewollt wirkt. Insbesondere mit Maus und Tastatur wurde mir aber öfter die Kameraführung zum Gegner: zu hakelig, zu unruhig, zu wenig intuitiv für ein Spiel, das eigentlich fließen will. Mit Controller fühlt sich «Adorable Adventures» deutlich runder an. Plötzlich passen Bewegung, Kamera und Boris’ tapsiger Rhythmus besser zusammen.

Nicht jede Perspektive hilft beim Entdecken: Manchmal steht der Wald Boris buchstäblich im Weg und ich hatte Probleme, die Kamera per Maus zu drehen.
Nicht jede Perspektive hilft beim Entdecken: Manchmal steht der Wald Boris buchstäblich im Weg und ich hatte Probleme, die Kamera per Maus zu drehen.

Interessanter wird es, wenn die Fährten zu kleinen Situationen führen: ein Geschwisterchen, das nicht sofort erreichbar ist, ein Umweg durchs Gelände, eine Stelle, an der ich erst herausfinden muss, wie Boris weiterkommt.

Als ich meinen Bruder Gary in einer Felsspalte finde, ist das kein simples Klick-Event. Ich muss erst sein Vertrauen gewinnen, ein kleines Rätsel um seine Lieblingsbeeren lösen und ihn anschließend sicher zurück zum Basislager führen. Das sind keine schweren Aufgaben, eher sanfte Hürden. Aber sie geben dem Spaziergang Struktur und verhindern, dass ich nur von Duftpartikel zu Duftpartikel laufe.

Die Suche nach Boris’ Geschwistern funktioniert wundervoll, wenn sie solche kleinen Szenen hervorbringt.
Die Suche nach Boris’ Geschwistern funktioniert wundervoll, wenn sie solche kleinen Szenen hervorbringt.

Trotzdem muss ich sagen: Das System entfaltet sein volles Potenzial nie ganz. Je weiter das Spiel fortschreitet, desto vorhersehbarer werden die Duftspuren.

Zwischen Idylle und Brandspuren

Zum Glück trägt die Welt einiges von dem, was die Mechanik manchmal liegen lässt. «Adorable Adventures» orientiert sich am französischen Nationalpark Cévennes und macht daraus eine erstaunlich schöne, stimmige Landschaft: helle Kalksteinfelsen, dichte Wälder, schmale Bachläufe, weiches Licht, Wege, die sich natürlich durch die Umgebung ziehen.

Dabei ist diese Natur nicht nur Wohlfühlkulisse. Der Waldbrand, der Boris von seiner Familie getrennt hat, liegt wie ein Schatten über der Reise. Das Spiel wird dadurch nicht düster, aber es bekommt einen melancholischen Unterton. Zwischen all den warmen Farben und friedlichen Geräuschen steckt immer auch die Erinnerung daran, warum Boris überhaupt allein unterwegs ist.

Die Brandspuren geben Boris’ Reise einen melancholischen Unterton, ohne «Adorable Adventures» gleich zum düsteren Drama zu machen.
Die Brandspuren geben Boris’ Reise einen melancholischen Unterton, ohne «Adorable Adventures» gleich zum düsteren Drama zu machen.

Am stärksten spüre ich die Atmosphäre beim Klang. Wind, Insekten, entferntes Zwitschern und das Rascheln unter Boris’ Hufen greifen angenehm ineinander. Die Musik bleibt zurückhaltend und lässt der Natur Raum. Es gibt Momente, in denen ich dies einfach auf mich wirken lasse und genieße.

In solchen Momenten ist «Adorable Adventures» am stärksten: wenn ich nicht hetze, sondern einfach mit Boris durch diese Welt treiben darf.
In solchen Momenten ist «Adorable Adventures» am stärksten: wenn ich nicht hetze, sondern einfach mit Boris durch diese Welt treiben darf.

Max (Kurzform für Maxime), der Park-Ranger, gibt dieser Tiergeschichte einen menschlichen Rahmen. Seine englischen Voiceover-Kommentare (gesprochen von Joshua Manning) reagieren auf Boris’ Entdeckungen und klingen oft wie behutsame Beobachtungen aus einem Naturjournal: warm, aufmerksam, nie spöttisch. Gut funktioniert das, wenn er nicht erklärt, sondern begleitet. Dann ergänzt seine Stimme Boris’ stumme Perspektive, ohne sie zu übertönen.

Manchmal rutscht die Erzählung aber zu sehr ins Dokumentarische und kommentiert Dinge, die ich lieber selbst entdeckt hätte. Das stört nicht dauerhaft, zeigt aber, wie vorsichtig ein Spiel sein muss, das so stark von Instinkt und Atmosphäre lebt.

Ein kleiner Ausflug, kein langer Marsch

Nach gut drei bis vier Stunden war Boris’ Hauptreise für mich vorbei. Das ist kurz, aber für dieses Spiel nicht automatisch ein Problem. Ich hatte sogar eher das Gefühl, dass «Adorable Adventures» genau in diesem kompakten Rahmen am besten funktioniert. Länger hätte die zentrale Idee vermutlich nicht getragen. Dafür nutzt sich das Schnüffeln zu früh ab, und dafür bleiben die kleinen Rätsel zu vorsichtig.

Die Geschwistersuche bleibt spielerisch simpel, bekommt durch kleine Eigenheiten aber genug Persönlichkeit.
Die Geschwistersuche bleibt spielerisch simpel, bekommt durch kleine Eigenheiten aber genug Persönlichkeit.

Schön fand ich, dass die Suche nach Boris’ Geschwistern nicht nur als reine Checkliste funktioniert. Das Spiel versucht, jedem von ihnen zumindest eine kleine Eigenheit mitzugeben: die scheue Schwester, die erst behutsam angelockt werden muss; der vorwitzige Bruder, der eine sportliche Herausforderung braucht. Das sind keine tiefen Charakterstudien, aber kleine Porträts. Und sie reichen, damit sich die Begegnungen nicht austauschbar anfühlen.

Sammelbare Gerüche und Fundstücke geben der Welt mehr Kontext, tragen aber nicht lange über die Hauptreise hinaus. In dieser Geruchsleiste kann ich bei ausreichend Kenntnis auch Gerüche ignorieren.
Sammelbare Gerüche und Fundstücke geben der Welt mehr Kontext, tragen aber nicht lange über die Hauptreise hinaus. In dieser Geruchsleiste kann ich bei ausreichend Kenntnis auch Gerüche ignorieren.

Die Nebenaktivitäten habe ich eher mitgenommen, wenn sie gerade auf meinem Weg lagen. Fotoaufgaben, sammelbare Gerüche, Maximes Journal, Parkpflege oder Zeitrennen haben mich nicht stark genug gezogen, um gezielt alles abzuarbeiten. Gut passen sie, wenn sie meinen Blick auf die Umgebung schärfen: ein Foto hier, ein Geruch dort, ein kurzer Moment, in dem ich einen Ort bewusster wahrnehme.

Wer alles sehen will, kommt auf etwa sechs Stunden. Für zwanzig Euro ist das knapp bemessen, aber auch ein kurzes Buch, das man nicht vergisst, rechtfertigt seinen Preis. Bei «Adorable Adventures» spüre ich den knappen Umfang aber deutlicher, weil sich die zentrale Idee früh abnutzt.

Die Familienzusammenführung ist kein großer dramatischer Knall, sondern ein leiser, warmer Abschluss für Boris’ Reise.
Die Familienzusammenführung ist kein großer dramatischer Knall, sondern ein leiser, warmer Abschluss für Boris’ Reise.

«Adorable Adventures» wurde mir von Wild Sheep Studio für den PC zur Verfügung gestellt. Das Spiel ist seit dem 30. April für den PC, PS5 und Xbox Series X|S verfügbar.

Fazit

Kleine Reise mit großer Nase

«Adorable Adventures» ist ein schönes, warmherziges Cozy-Adventure, das vor allem dann überzeugt, wenn ich mich auf seinen ruhigen Rhythmus einlasse. Boris ist sofort ein sympathischer Hauptcharakter, die Welt ist stimmungsvoll gestaltet und die Idee, eine Landschaft über Gerüche statt über klassische Wegmarken zu lesen, passt wunderbar zur Tierperspektive.

Ganz ausschöpfen kann das Spiel diese Idee aber nicht. Die Duftspuren werden mit der Zeit vorhersehbar, die Rätsel bleiben sehr vorsichtig und die Nebenaktivitäten geben mir nur selten einen starken Grund, länger in der Welt zu bleiben. Auch die Kameraführung mit Maus und Tastatur stört immer wieder den Fluss, während sich das Spiel mit Controller deutlich runder anfühlt.

Trotzdem habe ich Boris’ Reise gern begleitet. «Adorable Adventures» ist kein großes Wildnis-Epos, sondern ein kurzer, liebevoller Ausflug durch eine schöne Naturkulisse. Für zwanzig Euro ist der Umfang knapp, aber wer ein entspanntes, atmosphärisches Spiel für ein oder zwei Abende sucht, bekommt hier ein kleines Abenteuer mit Herz, Hufen und einer sehr guten Nase.

Pro

  • Boris ist ein liebenswerter Protagonist mit viel Charme
  • Geruchssinn passt stark zur Tierperspektive
  • schöne, stimmige Naturkulisse
  • Geschwister-Begegnungen geben der Reise emotionale Anker
  • kompakte Spielzeit passt grundsätzlich zum Konzept

Contra

  • Duftspuren werden mit der Zeit vorhersehbar
  • Rätsel bleiben sehr leicht und vorsichtig
  • Nebenaktivitäten motivieren nur bedingt
  • Kameraführung mit Maus und Tastatur oft hakelig
  • Umfang für zwanzig Euro knapp bemessen
Titelbild: Kim Muntinga

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