
Hintergrund
Die wichtigsten Produkte aus 50 Jahren Apple
von Samuel Buchmann

1971 basteln ein Highschool-Schüler und ein Student ein illegales Gerät, das AT&Ts Telefonnetz austrickst. Steve Jobs und Steve Wozniak ahnen nicht, dass sie damit den Grundstein für eines der wertvollsten Technologieunternehmen der Welt legen.
Ein Magazinartikel, ein paar Elektronikteile und zwei junge Männer mit krimineller Energie – so beginnt die Geschichte von Apple.
Steve Wozniak ist 21 und studiert Elektrotechnik an der UC Berkeley, als er im Oktober 1971 einen Artikel im Esquire liest. Der Text, «Secrets of the Little Blue Box», beschreibt, wie sogenannte Phone Phreaks – frühe Hacker – das AT&T-Telefonnetz mit selbstgebauten Geräten manipulieren, um kostenlos Ferngespräche zu führen. Damals kostet ein einziger Anruf oft einen ganzen Tageslohn.
Der Held des Artikels ist John T. Draper, bekannt als «Captain Crunch». Er entdeckt, dass eine Plastikpfeife aus einer Packung Cap'n-Crunch-Cornflakes exakt den Ton erzeugt, der AT&Ts System überlistet.
Wozniak baut eine präzisere Version des Geräts, die er im Magazin gesehen hat. Sie funktioniert. Damit beginnt eine Geschichte, die weit über ein illegales Telefon-Gadget hinausgeht.
Über einen gemeinsamen Freund trifft Wozniak den fünf Jahre jüngeren Steve Jobs – einen Highschool-Schüler mit einem untrüglichen Geschäftssinn. Wozniak löst technische Rätsel, Jobs erkennt Chancen. «Steve sah das grosse Ganze», erinnert sich Wozniak. «Wo ich ein cooles Problem sah, sah er ein Geschäft. Das war von Anfang an die Magie unserer Partnerschaft.»
Jobs und Wozniak feilen an ihrer Verkaufsstrategie. Jobs gibt den Geschäftsmann, Wozniak den Technikzauberer. Gemeinsam ziehen sie durch Wohnheime von Universitäten und führen ihre Erfindung vor. «Nenn mir einen Ort auf der Welt», fordert Jobs potenzielle Kunden heraus. «Irgendeinen.»
London. Tokio. Moskau. Sekunden später ertönt das internationale Freizeichen. Jobs meint später zu seinem Biografen Walter Isaacson: «Unsere Routine war perfekt. Zusammen waren wir unschlagbar. »

Doch nicht immer läuft alles glatt. Einmal demonstrieren sie die Box in einer Pizzeria und ziehen die Aufmerksamkeit eines Polizisten auf sich. «Mein Herz schlug so laut, ich dachte, es springt aus meiner Brust», erinnert sich Wozniak. «Steve blieb cool, steckte die Box in die Tasche und redete weiter, als wäre nichts passiert.»
Die beiden verkaufen die Boxen im Bekanntenkreis – ein lukrativer Nebenverdienst für Studenten. Doch der wahre Wert liegt woanders. «Zwei Teenager konnten für hundert Dollar eine Box bauen und damit eine Infrastruktur kontrollieren, die mehrere hundert Milliarden Dollar wert war – das gesamte Telefonsystem der Welt. Das war magisch», schwärmt Jobs. Wozniak erzählt immer wieder, dass er die Funktionsweise demonstriert, indem er den Papst anruft und sich als US-Aussenminister Henry Kissinger ausgibt.
Jobs zieht später ein klares Fazit: «Ohne die Blue Boxes hätte es kein Apple gegeben. Wir haben gelernt, technische Probleme zu lösen und etwas in Produktion zu bringen.»
Die Lektionen aus der Blue-Box-Zeit lesen sich wie ein Entwurf für Apple: Wozniaks technische Brillanz trifft auf Jobs' geniale Ideen. Sein Talent für dramatische Präsentationen – später Markenzeichen jeder Apple-Keynote – zeigt sich schon damals.
Am 1. April 1976 gründen Jobs und Wozniak Apple. Ihre Produkte sollen die Art und Weise, wie wir mit Technologie interagieren, revolutionieren. Kaum jemand weiss, dass alles mit zwei jungen Männern und einer kleinen blauen Box begann. Dass das Unternehmen in der Garage der Eltern gegründet wurde, ist übrigens ein Mythos, wie Wozniak selbst sagt:
Jobs bringt es 2005 in seiner Stanford-Rede treffend zum Ausdruck: «Man kann die Punkte nicht vorausschauend verbinden. Nur rückblickend. Man muss darauf vertrauen, dass sie sich irgendwann verbinden.»
Apple ist heute eines der wertvollsten Technologieunternehmen der Welt. Die entscheidenden Etappen der Firmengeschichte haben sich rückblickend perfekt aneinandergereiht. An deren Ursprung liegt die Blue Box.
Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist meine Leidenschaft.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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