
«Digger» ist eine Zumutung – und das ist gut so
Alejandro González Iñárritus neuer Film ist eine beissende Satire, die vieles richtig macht. Tom Cruise spielt in der Hauptrolle so gut wie lange nicht mehr. Leider kommt «Digger» nicht gegen die Realität an.
Keine Sorge: Diese Filmkritik ist spoilerfrei. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «Digger» läuft ab dem 1. Oktober im Kino.
«Was zur Hölle habe ich gerade gesehen?!», fragte ich mich, nachdem ich den ersten «Digger»-Trailer geschaut hatte. Auf eine gute Art, wohlgemerkt – eine, die neugierig macht. Ein weiterer Trailer untermauerte diesen Eindruck. Und nun, nachdem ich den Film gesehen habe, wiederhole ich mich gerne und mit Nachdruck: «Was zur Hölle habe ich gerade gesehen?!»
Darum geht's
Digger Rockwell (Tom Cruise) ist ein exzentrischer und milliardenschwerer Erdölmagnat. Doch Digger hat Mist gebaut: Er hat eine Katastrophe ausgelöst, die alles zu zerstören droht. Und bevor es zu spät ist, will er beweisen, dass er der Retter der Menschheit ist. Das ist in etwa die offizielle Inhaltsangabe von Warner Bros. – dabei belasse ich es. Jedes Wort über die Handlung von «Digger» könnte eines zu viel sein. Und ich will mein Spoiler-Versprechen schliesslich nicht brechen.
Drum: Willst du mehr über den Film wissen, schau ihn dir an. Du wirst es nicht bereuen. Hoffentlich.

Quelle: Warner Bros. Entertainment
Ein unverkennbarer Iñárritu
2015 gewann Alejandro González Iñárritu («Amores Perros», «Babel») mit «Birdman» den Oscar für die beste Regie. Im Jahr darauf wiederholte er diesen Erfolg mit «The Revenant» und wurde so zum dritten Regisseur in der Filmgeschichte, der diesen Oscar zweimal hintereinander gewann. Anschliessend wurde es ruhiger um den Mexikaner. Nach «Bardo» (2022) liess er es sogar offen, ob er überhaupt wieder einen Film drehen werde. Und nun meldet er sich mit einem Paukenschlag namens «Digger» zurück. Zum Glück!
Lange Einstellungen ohne Schnitt, die Bildsprache und -farbe, bizarre Einschübe und eine verschachtelte Erzählweise – dieser Film trägt unverkennbar Iñárritus Handschrift. Sein langjähriger Kameramann Emmanuel Lubezki zieht uns mit seinen Bildern einmal mehr mitten ins Geschehen. Wo es was zu zeigen gibt, hält er immer noch ein paar Sekunden länger drauf und verfällt nie in Hektik. Das wirkt immersiv, stellenweise gar hypnotisch. Der Soundtrack von Cosmo Sheldrake trägt das Seinige dazu bei.

Quelle: Warner Bros. Entertainment
Ein Ensemble in Bestform
«Digger» steht und fällt mit dem Schauspiel. Hier kann Iñárritu auf ein erlesenes Ensemble zurückgreifen. Als titelgebender Digger Rockwell drückt Tom Cruise dem Film natürlich seinen Stempel auf. Er erinnert nicht nur optisch ein wenig an seinen Les Grossman in «Tropic Thunder»; er darf sich auch ähnlich austoben. Sein Digger kommandiert, wütet, beschwichtigt und redet sich um Kopf und Kragen – und geht emotional doch nie ganz in die Tiefe. Es ist Cruises beste schauspielerische Leistung seit Jahren, keine Frage. Aber ob es nach mehreren Nominierungen endlich für den langersehnten Darsteller-Oscar reicht (abgesehen vom Ehren-Oscar für sein Lebenswerk 2025)?
Der restliche Cast brilliert ebenfalls. Allen voran Riz Ahmed («Sound of Metal»), der sich einige intensive und mitreissende Wortduelle mit Cruise liefert. Sandra Hüller, John Goodman, Sophie Wilde oder Jesse Plemons haben zwar kleinere Rollen. Doch sie alle erhalten ihre Momente, in denen sie umso grösser auftrumpfen. Diesem Ensemble zuzuschauen, macht von A bis Z einen Heidenspass. Es harmoniert wunderbar – auch wenn von Harmonie im Film nicht viel zu sehen ist.

Quelle: Warner Bros. Entertainment
Satire, die spät dran ist
Das Drehbuch hat Iñárritu zusammen mit Sabina Berman, Alexander Dinelaris und Nicolás Giacobone geschrieben. Mit Letztgenanntem hat er unter anderem schon für «Birdman» zusammengearbeitet. Genau an diesen Film muss ich während «Digger» immer wieder denken. Geschliffene Dialoge, verbale Schlagabtausche, surreale Momente, der Humor und das Drama – in all diesen Dingen ähneln sich die beiden Filme zum Teil sehr. Doch während «Birdman» auf verschiedenen Ebenen enorm selbstreferenziell ist und sich am ehesten als Symbol für den Verfall des Hollywood-Kinos lesen lässt, geht Iñárritu nun deutlich weiter.
«Digger» richtet sich an uns alle; er hält der Gesellschaft schonungslos den Spiegel vor. In seinen besten Momenten regt der Film zum Nachdenken über das eigene Handeln an. In seinen schlechteren Momenten empfinde ich den erhobenen Mahnfinger etwas zu belehrend. Aber vielleicht braucht der eine oder die andere genau das. Überhaupt bin ich nicht ganz sicher, wie sehr Iñárritu seinem Publikum vertraut und wie viel er ihm zutraut. Denn irgendwann fängt der Film an, sich selbst zu erklären, was in meinen Augen unnötig ist. Schade, hier wäre weniger definitiv mehr gewesen.

Quelle: Warner Bros. Entertainment
Das grösste Problem von «Digger» ist aber ein anderes – eines, das er sich mit den späteren Staffeln von «The Boys» teilt: Er kommt ein paar Jahre zu spät. Mit seiner satirischen, ins Absurde gezogenen Gesellschaftskritik will der Film wehtun und wachrütteln, dabei hat ihn die Realität längst rechts überholt. Etwas pauschal gesagt: Die Welt ist derzeit so absurd und zynisch, dass sie sich kaum mehr karikieren lässt. Und so verpufft der Wahnsinn von «Digger» zu einem erheblichen Teil. Weil er gegen den Wahnsinn der Wirklichkeit nicht ankommt. Das sollte uns zu denken geben und macht den Film trotzdem sehenswert. Wie heisst es so schön: Besser spät als nie. Oder um es mit Immanuel Kant zu sagen:
«Es ist niemals zu spät, vernünftig und weise zu werden; es ist aber jederzeit schwerer, wenn die Einsicht spät kommt, sie in Gang zu bringen.»
Fazit
Satire mit dem Vorschlaghammer, nicht mit einem Augenzwinkern
«It's ridiculous … and it's scary. It's funny and it's stupid. It's a lot of fun to watch.» Diese Zitate aus dem Trailer umschreiben in aller Kürze, was «Digger» alles ist. Dass das Zuschauen so grossen Spass macht, ist nicht zuletzt dem hochkarätigen Cast um den besten Tom Cruise seit Jahren zu verdanken. An dieser Stelle möchte ich Riz Ahmed ins Rennen um den Oscar für den besten Nebendarsteller schicken. Mark my words.
Alejandro González Iñárritus neuester Film ist eine bildgewaltige, hypnotische und stellenweise beklemmende Satire. Dass diese eher mit dem Vorschlaghammer als mit der feinen Klinge zuschlägt, ist gewollt und angebracht. Schwerer wiegt, dass der Film mit der Absurdität der Realität nicht mithalten kann. Trotzdem – oder gerade deshalb – solltest du ihn dir ansehen. Und sei es nur wegen der Überraschung, die alle auf dem falschen Fuss erwischen wird.
«Digger» polarisiert, verstört und hallt noch lange nach. Es sei denn, die Wirklichkeit hat dich schon zu sehr abgestumpft. Dann bleibt nur ein Schulterzucken.
Ich bin Vollblut-Papi und -Ehemann, Teilzeit-Nerd und -Hühnerbauer, Katzenbändiger und Tierliebhaber. Ich wüsste gerne alles und weiss doch nichts. Können tue ich noch viel weniger, dafür lerne ich täglich etwas Neues dazu. Was mir liegt, ist der Umgang mit Worten, gesprochen und geschrieben. Und das darf ich hier unter Beweis stellen.
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