

Lasst die schlechten alten Kopfhörer in Frieden ruhen
Seit Jahren lese ich immer wieder vom angeblichen Retro-Trend bei Kopfhörern. Doch der Trend bleibt eine Randerscheinung – aus guten Gründen.
We Are Rewind hat einen Retro-Kopfhörer vorgestellt – das Nachfolgemodell des EQ-001. Er bietet 14 Stunden Akkulaufzeit bei einem Gewicht von nur 66 Gramm. Die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers beträgt 49 Euro.

Quelle: We Are Rewind
Sind Retro-Kopfhörer ein Trend?
Retro-Kopfhörer wie die obige Neuheit liegen angeblich im Trend. Bluetooth ist dabei die Ausnahme; meist verwenden sie ein Kabel. Immer mal wieder ist zu lesen, dass Kabel jetzt ein modisches Statement seien. Schon 2022 und 2023 traten verschiedene Models demonstrativ mit Kabelkopfhörer in der Öffentlichkeit oder sogar auf dem Laufsteg auf.
In unserem Shop zeigen die Verkaufszahlen tatsächlich eine Trendwende zum Kabel: Sank der Anteil der kabelgebundenen Kopfhörer zwischen 2016 und 2024 stetig, stieg er in den letzten beiden Jahren wieder an.
Ich behaupte trotzdem, dass dieser Retro-Trend nur sehr klein ist und künstlich aufgeblasen wird.
Drahtlos ist noch immer beliebt
Zunächst einmal: Kabelgebunden und retro ist nicht dasselbe, wie das Beispiel von Rewind zeigt. Im High-End-Bereich sind Kabel die Norm, auch bei modern ausgerichteten Modellen. Auch USB-Audio würde ich keinesfalls als «retro» bezeichnen. Der Trend zu mehr kabelgebundenen Modellen kann viele Ursachen haben. Das gilt besonders fürs Jahr 2026, wo nur die Verkäufe bis Mitte Mai berücksichtigt sind. Als Weihnachtsgeschenk werden vermutlich andere Geräte gekauft als unter dem Jahr – eher etwas Teures als ein Spontan-Billigkauf. Viele Kabel-Kopfhörer wie der untenstehende sind in erster Linie billig. Diese wären dann übervertreten.

Aber selbst wenn ich kabelgebunden mit retro der Einfachheit halber gleichsetze, erkenne ich nur einen schwachen Trend. Im laufenden Jahr liegt der Anteil der verkauften Kopfhörer mit Bluetooth-Funktion bei 75 Prozent. Angesichts der Tatsache, dass Smartphones in der Regel keinen Audioanschluss mehr haben, dürfte das auch niemanden erstaunen.
Vermutung: Drahtlos-Hype flacht ab, Kabel bleibt zeitlos
Ich vermute, ein weiterer Punkt für die relative Zunahme von Kabelkopfhörern liegt darin, dass sich der technische Fortschritt bei den Bluetooth-Kopfhörern verlangsamt hat. Soundqualität und aktive Rauschunterdrückung bewegen sich bei den Top-Modellen schon länger auf hohem Niveau. Bei der Ladegeschwindigkeit hat vor allem der Wechsel zu USB-C viel gebracht; seither gibt es nur noch kleine Fortschritte. Ich habe immer noch den Sony WH-1000XM4 aus dem Jahr 2020 und bin damit völlig zufrieden.
Im letzten Jahrzehnt kauften deshalb viele alle paar Jahre etwas Neues. Mittlerweile ist der Hype abgeflacht. Apple hat nach fünf Jahren die AirPods Max ohne wesentliche Verbesserungen neu herausgebracht. Das sagt nicht nur etwas über Apple aus, sondern auch etwas über das Kopfhörer-Business insgesamt.
Bei den Kabelkopfhörern gab es keinen solchen Hype, der nun abflachen könnte. Für bestimmte Zwecke waren sie immer erste Wahl und sind es auch heute noch. Etwa im niedrigsten Preissegment, im audiophilen Bereich oder beim Monitoring von Aufnahmen, wenn der Sound verzögerungsfrei zu hören sein muss. Hier dürfte die Nachfrage deshalb stabil geblieben sein.
Modisch? Gerne – aber nicht auf Kosten der Funktion
Kopfhörer können durchaus ein modisches Statement sein. Schliesslich werden sie gut sichtbar in der Öffentlichkeit getragen.
Aber ihren Job sollten sie trotzdem auf gewohntem Niveau machen. Bei diesen On-Ear-Schaumstoffdingern dürfte das kaum möglich sein. Umgebungslärm wird nicht abgeschirmt, und wenn du laut aufdrehst, hören alle mit. Die Dinger sitzen unregelmässig auf den Ohren. Die Kabel verwickeln sich und brechen mit der Zeit. Irgendwann fängt auch der Schaumstoff an zu zerbröseln.
Wer meine Audio-Artikel liest, weiss: Ich bin durchaus für Audio-Nostalgie zu haben. Aber den Billig-Kopfhörern des letzten Jahrhunderts weine ich keine Träne hinterher.
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.
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