

Lieblingsding Beschriftungsgerät: Vorsicht, labeln macht süchtig!
Vor meinem Brother und mir ist kein Netzteil sicher. Leider auch kein Mitmensch. Denn das Gerät ist für mich Retro-Spielzeug, Ordnungshelfer und Messenger zugleich – mein Mitteilungsbedürfnis habe ich nicht immer im Griff.
«Rrrrrrrrr!» – erst schnurrt es wie ein wohlig zusammengerollter Kater. Dann streckt sich zu dem sonoren Sound langsam, aber stetig eine bedruckte Zunge aus dem Gerät. Frisch laminiertes Band, auf dem schwarz auf weiss nur das Nötigste steht: «Schrauben», «Staubsauger» oder «Kellerschlüssel». Botschaften, so kurz und knapp wie früher auf einem Pager. Aber von Dauer. Ausgedruckt, abgeschnitten und aufgeklebt, um die Welt zu ordnen. In meinem Sinne. Mit meinem Brother.
So fing alles an.

Schon klar, dass das nicht die hohe Schule des Labelns ist. Fachleute, die mit Strom- oder IT-Kabeln hantieren, setzen so ein Gerät planvoll ein. Hier droht ein tödlicher Stromschlag, dort lauert der Serverausfall, da drüben einmal ziehen, schon werden Tausende Bildschirme schwarz. Da ist es besser, die Dinge systematisch anzugehen.
Mir haben solche Menschen mit Durchblick schon häufiger den Hintern gerettet. Und vielleicht spielte bei meinem Kauf des Geräts mit rein, dass ich ein bisschen mehr wie sie sein wollte: strukturiert bis ins kleinste Detail. Es kam leider anders. Mein Hirn funktioniert anders. Ich habe mich verzettelt und verlabelt, aber zuerst verliebt.
Phase 1: «Oooh! 😍» – es heisst «touch» und berührt mich
Das liegt am Gerät selbst, das zeitlos praktisch ist. Gute Dinge müssen nicht neu erfunden werden. Sie halten sich und werden nur in Details verändert, auch wenn die Welt drumherum sich komplett wandelt. Als Brother die P-touch-Serie in den 1980er-Jahren eingeführt hat, dachte niemand daran, auf ein Display zu patschen.

Mein Modell sieht heute noch so aus, als hätte der Taschenrechner meiner Schulzeit Mumps bekommen: ein bisschen dicker und klobiger, dafür herrlich gummiert und mit richtigen Tasten, die einen echten Druck- und keinen Schwachpunkt haben. Die Sehnsucht danach teilen viele. Und auch sonst ist mein Brother immer noch state of the art: Ich glaube, sogar das Designteam des iPhone 17 Pro hat sich bei der Farbwahl davon inspirieren lassen.
Jedes Mal, wenn ich das Gerät benutze, macht mich das auf eine nostalgische Art zufrieden. Ich will Pixel-Buchstaben im Display sehen und Piktogramme im zwölften Untermenü bewundern. Dabei brauche ich das alles nicht. Ich drucke doch nur in fetter schwarzer Schrift und wundere mich, warum der Rand doch nicht so rauskommt, wie ich mir das gedacht habe. Aber das macht nichts, solange ich kleben kann.
Phase 2: Das «So! 😊»-Gefühl macht süchtig
Mein Einstieg ins Label-Game war sanft und zweckgebunden. Mit diesem Gerät, dachte ich, könnte ich ein wenig Ordnung in meine Werkzeugecke bringen. Kleine Schubfächer beschriften und einer dieser Typen werden, die genau wissen, wo sie die 18-mm-Nägel und wo die 20-mm-Nägel finden, anstatt in alten Konfi-Gläsern danach wühlen zu müssen.
«Rrrrrrrrr!» Mit jedem Label wuchs meine Begeisterung. Nachdem ich die Werkzeuge beschriftet hatte, war ich angefixt. Mein Blick auf die Dinge veränderte sich, ich liess den Keller hinter mir und wanderte in der Wohnung umher. Auf einmal sah ich überall Optimierungspotenzial.

«So, die gehen nicht mehr verloren», dachte ich mir, als ich die Trinkflaschen der Kinder gelabelt hatte. «Rrrrrrrrr!» Schnitt. Kleben. Die nächste bitte. Was macht das Weissmehl in dem unbeschrifteten Glas? «Rrrrrrrrr!» Schnitt. Kleben. «So! 😊» denken, Hände zufrieden in die Hüften stemmen. Herrlich. Die Label sind spülmaschinenfest, warum sollte ich in der Küche vor irgendwas haltmachen. Nimm das, Znünibox.
Ich glaube, dass dieser Effekt automatisch einsetzt. Wer sich ein Beschriftungsgerät kauft, tut das mit einer ersten Idee im Kopf – und findet schon zwei Wochen später, dass selbst die dritte Ersatz-Reisezahnbürste unbedingt mit Namen angeschrieben sein sollte. Für alle Fälle. Ich kam auf gute Gedanken, die mir das Leben einfacher machen. Zum Beispiel dann, wenn ich meine Zubehör-Schublade öffne und das Hersteller-Quiz «finde das passende Netzteil, wir haben es minimal verändert» nicht mehr mitspielen muss.

Ich kam auch auf schlechte Gedanken. Mir war überall zu viel Interpretationsspielraum im Raum. Doch wo aufhören? Die logische Antwort wäre gewesen: Spätestens dort, wo sich Meinung in die kleinen Botschaften mischt und den Freiraum anderer beschränkt. Ich hab’s leider nicht geschafft, der Sog des «So!»-Gefühls war zu stark.
Phase 3: «Sooo! 😤» – jetzt werden Parkbussen verteilt
Wenn du je in einem grösseren Büro gearbeitet hast, kennst du die passiv-aggressiven Botschaften, mit denen mangelnde Etikette per Etikettiermaschine gerügt wird. «Fenster beim Verlassen des Sitzungszimmers immer schliessen», «Licht aus!» oder «Spülmaschine ausräumen», gerne auch farbig, unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen. «Sooo! 😤»-Botschaften, die unterschwellig ein kleines Wutschnauben an unbekannte Täterinnen und Täter mitschicken. In dem Wissen, dass sich die schmutzigen Tassen doch wieder neben der Spüle stapeln werden.

Diese Grenze habe ich überschritten, als mal wieder mein schönes, mit Namen angeschriebenes Ladekabel verschwunden war. Beim Griff hinter die Sofalehne vergeblich zu angeln und ein einsames Netzteil vorzufinden, ärgerte mich. Das mit «Michael» angeschriebene Multikabel aus dem Chaos meines Sohnes zu fischen, nervte noch mehr. Na warte. «Rrrrrrrrr!» Schnitt. Kleben.
«Finger weg :-)», gab es nun kurz über dem Stecker als Appell ans Gewissen zu lesen. Drei rote Ausrufezeichen habe ich mir zwar gedacht, aber verkniffen, dafür sollte ein gütiger Boomer-Smiley über mein Kabel wachen. Ich kam mir schon beim Anbringen leicht komisch vor, trotzdem hatte die Aktion im ersten Moment einen therapeutischen Effekt: «Sooooo!» Das musste mal gedruckt werden.

Seither frage ich: «Wer hat mein Finger-weg-Kabel?» und verteile Label wie Parkbussen. Zum Beispiel, wenn der Inhalt des Badezimmerschranks nach und nach auf die Waschmaschine wandert. Ich kann freie Flächen, die frei bleiben sollen, ja schlecht mit Nato-Draht schützen. Also versuche ich es mit Worten. Genauer: mit zu vielen Worten. «Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!»
Phase 4: «Soouahaha! 🤪» – das wird man ja wohl noch labeln dürfen
Das Beschriftungsgerät hat irgendwo zwar ein Warnsymbol für Starkstrom, aber keines für Sarkasmus im System. Da ich mit freundlichen Hinweisen, verkappten Drohungen und dämlichen Smileys nicht weiterkam, wurden meine Botschaften länger und ich wurde zum Schwurbler. Die Sätze quollen nur so aus meinem Brother. «Soouahaha! 🤪» – es war ellenlanger Blödsinn. Bis irgendwann die Waschmaschine freundlich um einen freien Kopf bat, um ungestört ihrer Arbeit nachgehen zu können.
In der Sache hatte und habe ich recht. Alles rumliegen und von anderen wegräumen zu lassen, gehört sich nicht. Mein gesteigertes Mitteilungsbedürfnis mittels laminierter Bandwurmsticker auszuleben, gehörte sich allerdings auch nicht. Ich war wie der Verwirrte in der Fussgängerzone, der auf einer Bank stehend zeternd zu Passanten predigt, die ungerührt ihrem Alltag nachgehen und im besten Fall durch ihn hindurchsehen.

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich selbst durchschaut habe. Eine Überdosis ist keine Lösung, sondern ein Problem.
Phase 5: «Sorry! 😔» – Etikettenschwindel eingestehen
Etiketten helfen dort, wo Menschen Orientierung brauchen und suchen. Sie verändern nicht die Personen, die mit ihnen zu tun haben, und sie sind auch kein analoger Ersatz für Twitter X, um Meinungen in die Welt zu pusten.
Meine Label-Phase hatte schon mit einem schönen kleinen Selbstbetrug begonnen. Es ist eine Sache, eine Schublade fein säuberlich zu beschriften. Und eine andere, sich auch daran zu halten. Wenn «Schrauben» draufsteht und ein paar Nägel drin sind, sieht von aussen schliesslich immer noch alles tiptop in Ordnung aus. Ich bin nicht ordentlicher als am Anfang meiner Etikettiererei.
Meine Netzteile kann ich jetzt auseinanderhalten. Entwirren muss ich die Kabel immer noch, weil ich sie jedes zweite Mal wieder nicht richtig aufgewickelt habe. Mein Finger-weg-Kabel ist längst gebrochen. Die Trinkflaschen sind nach wie vor alle paar Wochen verschwunden. Karma is a bitch. Ich werde mir künftig zweimal überlegen, wann ich zum Brother greife, und mir eines hinter die Ohren schreiben:
labeln und leben lassen.
Bin ich der einzige Label-Sheriff weit und breit oder sagst du «I feel you brother»?
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
Alle anzeigen



