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Keystone / Paul Sakuma
Hintergrund

Linus Torvalds – der wohltuend andere Tech-Leader

David Lee
22/6/2026

Der Linux-Erfinder ist ein Tech-Nerd wie aus dem Bilderbuch – und doch erfrischend anders als die meisten bekannten Figuren der Tech-Branche. Ein Versuch, dieser Ausnahmeerscheinung gerecht zu werden.

Viele Tech-CEOs sind mir unsympathisch. Es geht ihnen um Geld und Macht, neue Technologien sind nur das Vehikel dazu. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – lassen sie keine Gelegenheit aus, sich selbst als Weltverbesserer darzustellen. Der gegenwärtige KI-Hype ist nur die neueste Folge der ewig gleichen Geschichte: So viele Daten sammeln wie möglich, gerne auch illegal, dann daraus etwas basteln, wonach niemand gefragt hat, und es dann mit aller Gewalt auf den Markt drücken.

In ihrem Bemühen, Anhänger um sich zu scharen, gebärden sich viele Leader aus dem Silicon Valley wie Sektenführer. Glauben ist wichtig. Glaube an die Zukunft, daran, dass Technologie alles besser macht. Und vor allem: Glaube an den eigenen Erfolg und die eigene Überlegenheit.

Die grosse Ausnahme

All das trifft auf Linus Torvalds nicht im Geringsten zu. Was keineswegs selbstverständlich ist. Er ist ein typischer Nerd und hat auch viele Jahre im Silicon Valley gelebt. Sein Nerdtum schliesst, ganz dem Klischee entsprechend, auch mangelhafte Sozialkompetenz mit ein – und lange Zeit auch ein fehlendes Interesse, daran etwas zu ändern. Er hätte also gute Voraussetzungen gehabt, um ein weiteres Tech-Arschloch zu werden.

Aber der Linux-Erfinder hat eine völlig andere Motivation für sein Schaffen. Er ist nicht daran interessiert, reich zu werden. Es ist ihm egal, wenn er nicht als brillantester Kopf oder Weltretter dargestellt wird – eigentlich mag er es, von Leuten umgeben zu sein, die klüger sind als er. Linus ist kein Egomane, er taugt nicht zum Sektenführer. Linus nimmt sich nicht zu ernst; er hat Humor. Warum sonst sollte ein Journalist auf die Idee kommen, ihm die zehn dümmsten Fragen zu stellen, die ihm in den Sinn kommen?

Linus' Gastauftritt beim anderen bekannten Tech-Linus gibt einen guten Einblick in seine Persönlichkeit. Er wirkt ehrlich und nicht vom Ehrgeiz zerfressen wie all die Karriere-Streber. Wenn er sagt, sein Leben sei nicht besonders stressig, glaube ich es ihm. Ebenso, wenn er sagt, es sei für ihn völlig okay, faul zu sein – und wenn jemand etwas besser mache als er, müsse er nicht versuchen, das zu kopieren.

Am Hungertuch nagt Linus Torvalds übrigens nicht. Sein Vermögen wird auf etwa 50 Millionen US-Dollar geschätzt. Doch im Vergleich zum absurden Reichtum eines Elon Musk – schätzungweise mehr als eine Billion – ist das nichts.

Ursache und Wirkung

Linux ist ein freies Betriebssystem, quelloffen und kostenlos. Hinter diesem Produkt steht kein gewinnorientiertes Unternehmen, das an der Börse laufend Rekordzuwächse generieren muss. Dadurch kann Linus Torvalds in der Öffentlichkeit und in seiner täglichen Arbeit anders auftreten.

Aber vermutlich ist die Nonprofit-Organisationsform von Linux eher die Folge als die Ursache von Linus Torvalds Wesen. Linus war schon Linus, bevor es Linux gab. Er hätte ähnlich wie Bill Gates seine Programmierfähigkeiten auch dafür verwenden können, zum CEO eines milliardenschweren Unternehmens zu werden. Oder es zumindest zu versuchen. Er tat es aber nicht. Warum? Kurz gesagt: Weil es ihn nicht interessierte und weil er nie glaubte, dadurch glücklich zu werden.

Im Buch «Just for fun» erzählt Linus seinen Werdegang. Es ist eine Art Autobiografie, verfasst in Zusammenarbeit mit dem Journalisten David Diamond. Ich halte das Buch für eine glaubwürdige Quelle, da es Linus – im Unterschied zu den Silicon-Valley-CEOs – völlig fremd ist, etwas zu beschönigen. Ich hatte im Gegenteil den Eindruck, dass er einige Dinge schlechter darstellt, als sie eigentlich sind.

Der Finnland-Faktor

Linus Torvalds wuchs in Finnland auf. Das Land im Norden Europas funktioniert in vielen Dingen grundlegend anders als die USA, teilweise geradezu gegensätzlich, und das hat Linus geprägt.

Finnland ist egalitärer und weniger auf gnadenlosen Wettbewerb ausgerichtet. Privatschulen gibt es kaum, die öffentlichen Schulen haben einen sehr guten Ruf. Den grössten Teil der Schulzeit werden die Schüler nicht nach Leistung getrennt. Linus wuchs als Nerd unter Nichtnerds auf. Er war nicht der angesehenste und beliebteste Schüler, aber er wurde – soweit ich das aus der selbstironischen Beschreibung schliessen kann – auch nicht gemobbt. Seine sehr grosse Nase habe nur ihn selbst gestört, die übrigen Kinder seien mit ihren eigenen Problemen beschäftigt gewesen. Ausserdem hätten auch alle anderen einen ziemlich üblen Kleidungsstil gehabt.

Mit Computern kam Linus erstmals durch seinen Grossvater mütterlicherseits, Leo Waldemar Törnqvist, in Kontakt. Der kaufte sich 1981, im Alter von 70 Jahren, einen Commodore VIC-20.

Der Commodore VIC-20 war der Computer, auf dem Linus Torvalds seine ersten Programmiererfahrungen machte.
Der Commodore VIC-20 war der Computer, auf dem Linus Torvalds seine ersten Programmiererfahrungen machte.

Finnen seien generell technologieaffin, schreibt Linus. Er verweist auf die legendäre Schweigsamkeit seiner Landsleute: Wegen deren Abneigung, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren, sei Finnland der perfekte Markt für Handys.

Die finnischen Winter sind nach Torvalds Beschreibung langweilig, es ist ständig dunkel und kalt. «But there was an indoor sport that got me through the winter: programming.» Programmieren war der Indoor-Sport, dank dem er es durch den Winter schaffte.

Wie damals üblich, musste man beim VIC-20 selbst programmieren, damit der Computer überhaupt etwas tat. Linus hat zu programmieren begonnen, weil es ihn interessierte und es ihm Spass machte. Daran scheint sich bis heute wenig geändert zu haben.

Spass als Motivation

Die Einleitung des Buchs gehört zu den lustigsten Dingen, die ich die letzten Monate gelesen habe. Wir sind mit dem erwachsenen Linus und seiner Familie im Auto unterwegs. Die eine Tochter muss aufs Klo, die andere will Schokoladeneis, Linus' Frau braucht einen Kaffee. Dazwischen bespricht Linus mit seinem Co-Autoren das Konzept des Buchs, das man gerade liest. Linus' Idee:

Wir können im ersten Kapitel den Leuten den Sinn des Lebens erklären. So ködern wir sie. Sobald sie angebissen und das Buch gekauft haben, füllen wir den Rest mit beliebigem Mist.
Just for Fun

Und das setzen sie dann auch um – sofern man unter «beliebigem Mist» Linus' Autobiografie versteht. Unbeirrt von den Fragen, ob die Windeln gewechselt werden müssen und ob genug Benzin im Tank ist, breitet Linus seine Theorie über das Leben aus. Demnach durchläuft alles, was Menschen tun, drei Entwicklungsstufen: Zuerst wird etwas zum Überleben gemacht. Sobald das Überleben gesichert ist, geht es um die Stellung im sozialen Gefüge. Und sobald auch das geklärt ist, geht es um Unterhaltung.

Davids Nachfrage, was das mit dem Sinn des Lebens zu tun habe, kann Linus nicht beantworten. Aber abschliessend findet er:

Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass wir alle hier sind, um Spaß zu haben. Wir können uns also genauso gut zurücklehnen, entspannen und die Fahrt genießen.
Just for Fun

Spass ist eine wichtige Motivation für Linus' Arbeit – wichtiger als Geld.

Mittelfinger und Beschimpfungen

Das heisst aber nicht, dass Linus Torvalds seine Arbeit nicht ernst nimmt. Manchmal vielleicht sogar zu ernst. Zu den kontroversen Eigenschaften des Programmier-Genies gehören seine legendären Wutausbrüche. Findet Linus etwas nicht gut, äussert er das eher undiplomatisch – um es diplomatisch zu sagen. Der Linus, der Nvidia den Mittelfinger zeigt, der Leute, die jahrelang am Kernel mitgearbeitet haben, als «Wichser» bezeichnet oder findet, sie sollen verdammt noch mal die Fresse halten, könnte ja auch mal etwas «zurücklehnen, entspannen und die Fahrt geniessen».

Zugegeben, diese Ausbrüche können lustig sein. Insbesondere wenn sie nicht einen selbst treffen, sondern jemanden, dem man es von Herzen gönnt. Ich denke, dass das von Torvalds in der Vergangenheit durchaus auch eine Art PR-Trick war.

Dieses Bild wird er nie mehr los: Linus zeigt Nvidia den Mittelfinger.
Dieses Bild wird er nie mehr los: Linus zeigt Nvidia den Mittelfinger.
Quelle: Screenshot Youtube / SiliconNews

Aber es traf nicht immer nur solche, die es verdient hatten. Bei der Arbeit am Linux-Kernel wurden Linus' beleidigende Ausfälle zum Problem. Sie waren zu einem Grossteil öffentlich, da er sie über die Linux-Kernel-Mailinglist vom Stapel liess. Linus verteidigte seinen Kommunikationsstil als typisch finnisch und bezeichnete Höflichkeit als nutzlos oder gar unaufrichtig. Im Internet könne man nicht subtil sein, wenn man gehört werden wolle, fand er.

Lange Zeit zeigte Linus trotz wachsender Kritik keinerlei Einsicht. Doch dann kam eine überraschende Wende.

Ein Moment der Selbstreflexion

2018 entschuldigte sich Linus für sein langjähriges Verhalten. Seine leichtfertigen Angriffe in E-Mails seien unprofessionell und unangebracht gewesen, insbesondere dann, wenn sie persönlich waren. Er erklärte, dass er die Gefühle anderer Menschen zu wenig verstehe und kündigte an, eine Auszeit zu nehmen, um Empathie und angemessene Reaktionen auf andere zu lernen.

Dieser Wandel kam natürlich nicht von einem Moment auf den anderen. Linus hatte den jährlichen Kernel Summit verpasst – angeblich, weil er seinen Terminkalender nicht im Griff hatte. Er gab aber auch zu, froh darüber gewesen zu sein, und hoffte insgeheim, dem Gipfeltreffen gleich ganz fernbleiben zu können. Damit kam er nicht durch, aber wichtiger: Sein Versäumnis und die Freude darüber gaben ihm selbst zu denken und waren der Ausgangspunkt für zahlreiche Gespräche. Und dabei stellte Linus fest, dass er einige Leute und ihre Beweggründe völlig falsch eingeschätzt hatte.

Ich glaube darüber hinaus, dass Linus das Gewicht seiner Stimme unterschätzt hat. Linus ist die Autorität schlechthin, wenn es um den Linux-Kernel geht. Jemand in seiner Position muss nicht herumpoltern, um gehört zu werden. Und selbstverständlich kann man Klartext sprechen, ohne Leute zu beleidigen und zu verletzen. Was er wohl auch nicht auf dem Radar hatte: Durch Beleidigungen ziehen sich wertvolle Personen zurück, und stattdessen kommen Menschen, denen es Spass macht, andere zu verletzen.

In einer E-Mail an die BBC erklärte Linus kurz darauf den Hintergrund für seinen Gesinnungswandel etwas genauer. Es waren nicht bloss interne Scherereien, die den Ausschlag gaben. Sondern er merkte, dass immer mehr Leute auf seiner Seite standen, mit denen er absolut nichts zu tun haben wollte.

«Ich mag Vorbehalte gegen übermässige politische Korrektheit haben, aber ich will auf keinen Fall so gesehen werden, als gehöre ich zum gleichen Lager wie der Abschaum im Internet, der meint, es sei in Ordnung, ein weisser nationalistischer Nazi zu sein, und der ein wirklich ekliges frauenfeindliches, homophobes oder transphobes Verhalten an den Tag legt.»

Klartext. Typisch finnisch eben.

Der Linux-Pinguin Tux nahm 2009 ebenfalls eine Auszeit, sein Stellvertreter war der Tasmanische Teufel Tuz. Damit wollte Linus Torvalds auf die Bedrohung der Tierart aufmerksam machen.
Der Linux-Pinguin Tux nahm 2009 ebenfalls eine Auszeit, sein Stellvertreter war der Tasmanische Teufel Tuz. Damit wollte Linus Torvalds auf die Bedrohung der Tierart aufmerksam machen.
Quelle: Andrew McGown

Linus bleibt Linus

Linus ist kein anderer Mensch seit 2018 – das hat er selbst auch von Anfang an klargestellt. Er ist und bleibt der Nerd, der sich mehr für Technik als für menschliche Gefühle interessiert. Er hat lediglich etwas dazugelernt und ein wenig an seinem Verhalten gearbeitet.

Es kommt noch immer gar nicht so selten vor, dass Linus herumschimpft und vom Leder zieht. Aber doch seltener als früher und wohl auch gezielter. In einem etwa drei Jahre alten Fall traf es jemanden, der die New York Times ohne konkreten Anlass als «woke communist propaganda» bezeichnete. Solchen Anti-Woke-Kriegern ist es ja sehr wichtig, dass man andere beleidigen darf. Insofern passt das, «moron of the first order».

Mein Gesamteindruck: Linus mag kommunikativ zuweilen etwas ungeschickt – oder wie er selbst es wohl ausdrücken würde, ein «verfickter Idiot» – sein, ist aber im Grunde ein guter Typ. Und ein angenehmer Gegenpol zu den hochglanzpolierten Tech-Milliardären mit ihrem Investoren-Sprech.

Titelbild: Keystone / Paul Sakuma

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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