

«Marvel Tōkon: Fighting Souls»: ein wunderschönes Prügelspiel mit Marvel-Figuren im Anime-Stil
«Marvel Tōkon: Fighting Souls» ist ein hervorragendes Beat ’em Up mit zugänglichen Spielmechaniken, knalliger Anime-Optik und chaotischen 4v4-Prügeleien. Leider kämpft das Playstation-Spiel auch mit technischen Problemen und ungenutztem Potenzial.
Ich kann nicht mehr.
Mein linker Daumen ist wund vom Steuerkreuz, meine rechte Hand verkrampft und mein Rücken tut von der angespannten Sitzhaltung weh. Aber ich kann meine Session mit «Marvel Tōkon: Fighting Souls» nicht mit einer Niederlage beenden.
Ein Sieg muss noch drinliegen, verdammt. Koste es, was es wolle.

«Marvel Tōkon: Fighting Souls» hat Suchtpotenzial. Hast du dich einmal mit den tiefgreifenden Spielmechaniken angefreundet, gerätst du schnell in einen Sog aus nervenaufreibenden Matches. Der bunte Anime-Stil und die spektakulär inszenierten Kämpfe verstärken diesen Effekt zusätzlich.
Perfekt ist das neueste Prügelwerk des japanischen Kultstudios Arc System Works («Guilty Gear», «Blaz Blue», «Dragon Ball FighterZ») jedoch nicht.
Vier gegen vier
Arc System Works ist bekannt für schnelle, technisch anspruchsvolle Prügelspiele mit komplexen Kampfsystemen und Combos. Auch «Marvel Tōkon: Fighting Souls» schlägt in dieselbe Kerbe.
Für komplette Neulinge mag der Start in die bunte Prügelspielwelt trotz ausführlichem Tutorial und diversen Trainingsoptionen überwältigend wirken. Dranbleiben lohnt sich aber: Auch mit wenig Kampfspielerfahrung kann man mit «Marvel Tōkon: Fighting Souls» jede Menge Spass haben.

Die grundlegende Steuerung mit Light-, Medium- und Heavy-Attacks ist schnell verinnerlicht. Diverse Block- und Kontermöglichkeiten erlauben es mir, mit perfektem Timing gegen chaotische Button-Masher vorzugehen und sie zu bestrafen.

Jeder Charakter verfügt über sogenannte «Uniques» – offensive Moves, Defensivoptionen oder temporäre Buffs, die nur dieser Charakter nutzen kann. Dazu kommen die «Skills»: Mächtige Angriffe, mit denen ich viel Schaden anrichte oder grosse Distanzen zum Gegner überbrücke.

Noch mächtiger sind die «Super-Skills» und «Ultimate-Skills» – Attacken mit spektakulär inszenierten Zwischensequenzen und enormem Zerstörungspotenzial. Um diese zu verwenden, benötige ich Energie in meiner Skill-Gauge, die ich am unteren Bildschirmrand sehe. Die Gauge fülle ich, indem ich Treffer lande oder einstecke.
Wann ich meine Super- und Ultimate-Skills einsetze, ist strategisch essenziell. Spare ich meine Energie für später, um dem Gegner den entscheidenden K.o.-Hieb zu verpassen? Oder gehe ich all-in und malträtiere den Feind sofort, sobald ich genügend Energie gesammelt habe?

So weit, so verständlich. Jetzt wird’s spannend – und chaotisch.
«Marvel Tōkon: Fighting Souls» ist ein Tag-Fighter. Das heisst: Ich prügle nicht nur mit einem Charakter, sondern stelle mir ein Viererteam zusammen. Mit vier spielbaren Figuren pro Team wagt sich Arc System Works im Gegensatz zu anderen Genrevertretern mit Zweier- oder Dreierteams an ein neues Format.
Ebenfalls ungewohnt: Während in anderen Tag-Fightern jeder Charakter seine eigene Lebensanzeige hat, teilen sich in «Marvel Tōkon: Fighting Souls» alle Teammitglieder dieselbe Healthbar.

Am Anfang eines Matches kann ich nur eines von vier Teammitgliedern einwechseln. Neue Mitglieder verdiene ich, indem ich meinen Gegner von einem Kampfbereich der Stage in den nächsten schleudere. Verliere ich eine Runde im Best-of-Three-Match, schenkt mir das Game aus Mitleid ein neues Mitglied.
Je mehr Teammitglieder ich freischalte, desto verrücktere Sachen kann ich anstellen: Ich baue sie in Combos ein, rufe sie für eigenständige Angriffe oder nutze sie zum Kontern. Dafür brauche ich Energie in der «Assemble Gauge».

Stehe ich kurz vor einer Niederlage, kann ich zudem die ultimative Attacke starten: «Tōkon Assemble». Alle vier Mitglieder greifen in einer wunderschönen Zwischensequenz an und richten verdammt viel Schaden an.

Es ist verrückt, wie chaotisch die Matches in den späteren Phasen aussehen, wenn mein Gegner und ich je vier Charaktere panisch herbeirufen. Noch verrückter ist, welche unglaublichen Combos sich mit normalen Attacken, Uniques, Skills und dem Einwechseln ausführen lassen.
Zumindest theoretisch. Ich bin noch weit weg von diesem Skill-Level. Wenn mich ein überlegener Gegner online mit eindrücklichen Combos verprügelt, bin ich nicht mal wütend. Ich schaue zu, ergötze mich an seinen unmenschlich wirkenden Verkettungen – und versuche, etwas dazuzulernen.

Besonderes Lob verdient das haptische Feedback, das die Steuerung unheimlich befriedigend macht. Ein passendes Ruckeln im Dualsense-Controller begleitet jede noch so kleine Aktion. Mal ist die Vibration subtil, mal scharf und mal so wuchtig, dass meine Hände beben.
Ach, würde doch jedes PS5-Spiel diesen wunderbaren Controller mit so viel Liebe zum Detail nutzen.
Welche Marvel-Charaktere sind dabei?
Arc System Works hat sich zum Start für eine Mischung aus gängigen Marvel-Superstars und spannenden Figuren aus der zweiten Garde entschieden.
Die Auswahl ist gelungen. Jeder Charakter fühlt sich einzigartig an, keine Spielfigur wirkt nutzlos oder völlig overpowered. Von Anfänger-Spielfiguren mit simplen Movesets (etwa Wolverine und Ms. Marvel) bis zu hochkomplexen Charakteren mit Zusatz-Gauges und mehrschichtigen Angriffen (zum Beispiel Loki und Ghost Rider) ist alles dabei.
Folgende Figuren findest du zum Start (aufgeteilt nach Teams):
«Fighting Avengers»
- Captain America
- Iron Man
- Hulk
- Black Panther
«Unbreakable X-Men»
- Storm
- Magik
- Wolverine
- Danger
«Amazing Guardians»
- Spider-Man
- Star-Lord
- Ms. Marvel
- Peni Parker
«Knights of Doom»
- Doctor Doom
- Magneto
- Green Goblin
- Carnage
«Samurai Outriders»
- Ghost Rider
- Blade
- Loki
- Deadpool
Freischaltbarer Charakter
- The Champion

Bei der Charakterauswahl bin ich nicht auf die vordefinierten Teams beschränkt. Ich kann mir aus allen Charakteren mein Traumteam zusammenstellen. Mit zunehmender Spielzeit freunde ich mich mit einer ungewöhnlichen Kombination an.
Iron Man ist mein Main. Mit seinen Distanzschüssen halte ich Gegner auf Abstand. Captain America schmeisst sein Schild unberechenbar durch die Gegend und bringt meine Gegner zur Weissglut – zumindest stelle ich mir das so vor. Doctor Doom ist einfach cool und verfügt mit seinem Magie-Schutzschild über einen spannenden Unique. Magik ist der komplexeste Charakter in meinem Team – sie erschafft Portale, mit denen ich Gegner von hinten überrasche.

Abgesehen von der spielerischen Vielfalt hat Arc System Works auch beim Charakterdesign ganze Arbeit geleistet. Die altbekannten Marvel-Figuren werden durch eine knallige Anime-Optik neu interpretiert und fühlen sich ungewohnt frisch an. Auch die bunten Stages und der gelungene Ohrwurm-Soundtrack überzeugen mit einem einzigartigen Mix westlicher und japanischer Einflüsse.
Kurzum: «Marvel Tōkon: Fighting Souls» ist ein audiovisuelles Fest und sticht mit seiner stilistischen Fusion aus dem Genre hervor.

Online ein paar aufs Maul – inklusive technischer Probleme
Möchtest du deine Fähigkeiten unter Beweis stellen, bietet «Marvel Tōkon: Fighting Souls» mehrere Online-Optionen, in denen du gegen Marvel-Fans aus der ganzen Welt antreten kannst.
Im Casual-Modus spiele ich ohne Leistungsdruck. Das Matchmaking ist gelungen. Ich habe nie das Gefühl, dass ich gegen absolute Psychopathen spiele und gewinne etwa zwei Drittel meiner Begegnungen.
Im Ranglistenmodus kämpfe ich mich von Bronze über Silver, Gold, Platinum, Diamond und Master bis zum höchsten Rang Vibranium. Auch hier: zumindest theoretisch. Das Niveau ist im Vergleich zum Casual-Modus deutlich höher. Ich wäre schon froh, wenn ich eines Tages den Bronze-Rang verlasse.
Leider kommt es immer wieder vor, dass ich sowohl in Ranked- als auch in Casual-Matches mit technischen Problemen auf meiner PS5 Pro konfrontiert werde. Die zwei schlimmsten bisher: Ein Kampf, der wortwörtlich in Zeitlupe verläuft, und ein Match, bei dem die Healthbars verschwinden und die Charaktere zu schwarzen Silhouetten werden. Geil.

Ich vermute, dass die technischen Macken mit der Cross-Play-Funktion zusammenhängen. PC-Spielerinnen und -Spieler beschweren sich seit Launch über zahlreiche technische Probleme. Aktuell liegt das Game bei einer «Mixed»-Bewertung mit lediglich 45 Prozent positiven Stimmen auf Steam.
Immerhin: Arc System Works gelobt Besserung und hat bereits einen Patch veröffentlicht, der viele dieser PC-Probleme (und im Online-Bereich damit auch PS5-Probleme) beheben soll.

Unabhängig vom gewählten Modus muss ich teilweise sehr lange warten, bis ich mit einem Gegner gematcht werde. Diesen nervigen Umstand kann ich umgehen, indem ich einer offenen Lobby beitrete.
In diesem Modus werde ich in eine Miniatur-Marvel-Welt transportiert und erkunde die Gegend als süsser Chibi-Charakter. Weil ich bereits mit vielen Menschen in einem virtuellen Raum verbunden bin, kann ich viel schneller von Match zu Match springen – zumindest für Casual-Kämpfe.

Die süsse Miniaturwelt hat Arc System Works in einen weiteren Online-Modus verwurstelt: «Arcadia Rumble». Der ist – ich kann es nicht netter formulieren – ein unspielbares Desaster, das es niemals ins Spiel hätte schaffen sollen.
Die Idee ist eigentlich cool: Ich erkunde mit neun Gegenspielern die Miniaturwelt und sammle Kämpferseelen (hallo, «Super Smash Bros.»), um mich für einen bevorstehenden Kampf zu stärken. Die Seelen geben mir Vorteile wie mehr Lebensenergie, eine bessere Defensive oder schneller ladende Skill-Gauges. Beim Erkunden versuchen mich die Gegenspieler mit Hieben oder sammelbaren Waffen auszuschalten.
Nach der Erkundung folgt ein klassischer 4v4-Kampf. Danach wiederholt sich der Prozess, bis am Ende ein Gewinner feststeht. Das Problem: Die Steuerung beim Erkunden ist unpräzise, die sammelbaren Waffen sind eine unbalancierte Katastrophe und das Spiel ruckelt ständig. So verkommen die Kämpfe in der Miniaturwelt zum reinen Glücksspiel.

Story-Modus: Cool, aber...
Auch für Solo-Spielerinnen und -Spieler gibt es einiges zu tun. Neben dem ausführlichen Trainings-Modus kann ich meine Skills in zwei Arcade-Modi schärfen. In «All Star Arena» kämpfe ich mich durch verschiedene Parcours, während ich in «Überleben» möglichst viele Kämpfe nacheinander bestreite.
Zugegeben, viel mehr als glorifizierte Fleissarbeit sind die Modi nicht. Die Aussicht auf stetig anspruchsvollere Herausforderungen, sowie die freischaltbaren Inhalte haben mich während meines Tests trotzdem bei Stange gehalten.

Das unbestrittene Highlight sind jedoch die fünf Singleplayer-Kampagnen – eine pro Marvel-Team. Jeder Storypfad besteht aus zehn Kapiteln und dauert etwa eine Stunde – je nachdem, wie blöd ich mich in den Kämpfen anstelle.
Schade nur, dass das Game immer wieder dieselbe Rahmengeschichte erzählt. Die Teams werden vom ominösen «Champion» zu einem Wettkampf eingeladen. Das beste Team darf gegen ihn antreten. Gewinnt der Champion, zerstört er die Erde. Hier hätte ich mir etwas mehr Kreativität gewünscht.

Der Story-Modus wird mit wunderschönen Anime-Zwischensequenzen und animierten Comic-Panels erzählt. Die Seiten bauen sich Schritt für Schritt auf, begleitet von kleinen Charakteranimationen, Schriftzügen, Dialogen, Soundeffekten und einem Hammer-Soundtrack.
Mein Tipp: Die Sprachausgabe auf Japanisch stellen. Es gibt nichts Cooleres, als Captain America auf Japanisch schreien zu hören.

Auch wenn beim Story-Modus mehr drin gewesen wäre, bin ich insgesamt zufrieden. Trotz repetitiver und letztlich belangloser Rahmenhandlung sorgen die einzelnen Episoden dank starker Charaktermomente (Deadpool ftw) für Unterhaltung.
«Marvel Tōkon: Fighting Souls» hat es mit seiner frischen Präsentation zudem geschafft, meine Begeisterung für das Marvel-Universum neu zu entfachen. Und das soll etwas heissen. Beim MCU bin ich schon lange raus und abgesehen von den «Spider-Man»-Games hatte ich in den vergangenen Jahren kaum Berührungspunkte mit Marvel.
Und jetzt? Jetzt möchte ich am liebsten ein eigenes «Ghost Rider»-, «Blade»-, «Doctor Doom»- und «Iron Man»-Spiel haben. Ich will mehr über diese Welten erfahren. Comics kaufen, Filme nachholen. Und das ist das grösste Kompliment, das ich «Marvel Tōkon: Fighting Souls» aussprechen kann.

«Marvel Tōkon: Fighting Souls» ist erhältlich für PS5 und PC. Das Spiel wurde mir zu Testzwecken von Sony für die PS5 (Pro) zur Verfügung gestellt.
Fazit
Gelungenes Prügelspiel für Marvel-Fans – trotz ungenutztem Potenzial und technischer Schwächen
«Marvel Tōkon: Fighting Souls» hat mich gepackt. Und das, obwohl ich ein Fighting-Game-Noob bin und mit Marvel kaum noch Berührungspunkte habe. Das Game ist eine audiovisuelle Wucht und überzeugt mit frischen Neuinterpretationen ikonischer Marvel-Charaktere im Anime-Stil. Besonderes Lob verdient auch das wuchtige haptische Feedback, das die chaotischen Kämpfe spürbar macht.
Das Kampfsystem ist zugänglich, jedoch schwer zu meistern und die Charakterauswahl überzeugt mit viel spielerischer Abwechslung. Online läuft noch nicht alles rund. Der experimentelle «Arcadia Rumble»-Modus ist ein Totalausfall und beim grundsätzlich spassigen Story-Modus wäre mit einer kreativeren Rahmenhandlung mehr drin gelegen.
Trotzdem stimmt das Gesamtpaket. Marvel- und Fighting-Game-Fans können bedenkenlos zugreifen und sich prügeln. Und wer weiss. Falls deine Marvel-Liebe mittlerweile erloschen ist, könnte «Marvel Tōkon: Fighting Souls» sie neu entfachen.
Pro
- wunderschöne Cel-Shading-Optik mit Anime-Einflüssen
- einfach zu lernen, schwer zu meistern – so sollte ein Beat ’em Up sein
- sensationell gutes haptisches Feedback
- gelungene Charakterauswahl mit einzigartigen Kämpfern
Contra
- Arcadia-Rumble-Modus ist ein unspielbares Desaster
- Story-Modus ist hübsch umgesetzt, jedoch repetitiv
- einige technische Macken

Meine Liebe zu Videospielen wurde im zarten Alter von fünf Jahren mit dem ersten Gameboy geweckt und ist im Laufe der Jahre sprunghaft gewachsen.
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