
Kritik
«Nova Antarctica»: Das Indie-Game will viel und kann nichts
von Debora Pape

40 Meter über dem Abgrund hängt am Haken ein Vermögen: «Docked» verspricht harte Arbeit und strategisches Management in Port Wake. Ein Simulator, der nicht nur Maschinenliebe, sondern auch etwas Planungsgeschick erfordert.
Es ist 03:15 Uhr morgens. Draußen vor meinem echten Fenster regnet es, aber das nehme ich kaum wahr. Mein Fokus liegt auf dem Monitor, genauer gesagt auf dem sanften Schwanken eines 40-Fuß-High-Cube-Containers, der an vier dünnen Stahltrossen über dem Deck der MS Aurora tanzt. Ein falscher Hebeldruck, ein zu forsches Anfahren der Laufkatze, und ich versenke Waren im Wert eines Einfamilienhauses im Hafenbecken von Port Wake.
Willkommen in «Docked», dem neuesten Streich von Saber Interactive. Wer dachte, nach «SnowRunner» gäbe es keine Steigerung in Sachen virtuelle Plackerei, der hat noch nie versucht, einen Hafen nach einem Hurrikan zu managen.
Die Prämisse ist so klassisch wie ein öliges Blaumann-Outfit: Ich spiele in erster Linie Tommy, der nach Jahren in der Großstadt zurückkehrt, um den Trümmerhaufen aufzuräumen, den sein Vater Bill einst einen «florierenden Hafen» nannte. Port Wake liegt nach einem verheerenden Hurrikan am Boden: zerfetzte Lagerhallen, verbogene Kräne, eine Infrastruktur, die mehr Ähnlichkeit mit Schweizer Käse hat als mit einem Logistikzentrum. Zeitweise schlüpfe ich auch in die Rolle von Mark. Er ist der technische Leiter am Hafen und ein langjähriger Weggefährte des Vaters.

Dabei ist meine Aufgabe so vielschichtig wie der Hafen selbst: Ich verantworte die gesamte Logistik, bediene die schweren Maschinen beim Verladen der Container und kümmere mich gleichzeitig um die strategische Planung der Aufträge sowie den schrittweisen Ausbau der Infrastruktur.
Erstmal überrascht mich das Spiel damit, überhaupt eine Geschichte erzählen zu wollen. Simulationen begnügen sich oft damit, Systeme zu liefern und den Rest der Fantasie der Spieler zu überlassen. «Docked» dagegen gibt dem monotonen Rhythmus von Kranarbeit und Containerlogistik einen erzählerischen Rahmen. Und zwar einen angenehm bodenständigen.

Die Handlung wird nicht über lange Zwischensequenzen erzählt, sondern eher beiläufig. Funkgespräche, kurze Dialoge mit Auftraggebern, kleine Textpassagen zwischen den Missionen. Ein Spediteur, der dringend Medikamente braucht. Ein Reeder, der dem Hafen eigentlich nicht mehr traut. Ein lokaler Politiker, der unbedingt zeigen will, dass die Stadt wieder auf die Beine kommt. Oder eben die Familie, die mir Anweisungen gibt oder einfach so mit mir schnacken will.
Diese Fragmente fügen sich langsam zu einem Bild zusammen: Der Hafen ist kein bloßer Arbeitsplatz, sondern ein sozialer Knotenpunkt. Jeder Auftrag fühlt sich so an, als würde ich ein kleines Stück Vertrauen zurückgewinnen. Kein großes Drama über Helden und Schurken. «Docked» erzählt von Arbeit, Verantwortung und dem langsamen Wiederaufbau eines Systems, das durch eine Naturkatastrophe zerstört wurde.

Das passt erstaunlich gut zum Rhythmus der Simulation. Während ich Container staple, Lieferungen plane und beschädigte Maschinen ersetze, wächst Port Wake Stück für Stück wieder zu dem Hafen heran, der er einmal war. Oder zumindest zu dem, der er werden könnte, wenn ich nicht aus Versehen den nächsten Container im Wasser parke oder aus Versehen anderweitig fallen lasse.
Der Kern des Gameplays sind Jobs (Missionen) und die Maschinen, mit denen ich sie erfülle. Beispielsweise sind in einem Depot fünf Container wegen starkem Wind umgefallen und ich muss sie in einer bestimmten Zeit wieder aufstellen. Oder eine Ladung Rohre wurde per Containerschiff ans Terminal geliefert und ich muss diese auf einem LKW-Anhänger laden. Zuvor muss ich jedoch noch den Weg für diese LKWs freimachen, da alte Container im Weg rumstehen und die LKWs nicht an die Ladezone gelangen.

Pro Tag erfülle ich zwei Jobs. Dadurch ist der Spielablauf ziemlich klar vorgegeben und fest an Missionen und Aufträge gekoppelt. Ein reiner Open‑Play‑Modus, in dem man ohne Vorgaben frei den Hafen erkunden und testen kann, fehlt mir ein wenig. Abwechslung bieten dafür die Wartungs-Jobs. Die integrierten Mini-Games zur Instandhaltung der Maschinen sind eine willkommene Pause vom stressigen Verladegeschäft. Ansonsten ähneln sich die Jobs oft sehr, zumal mir das Spiel auch innerhalb der Aufträge meist genau vorschreibt, welches Gerät ich wann und wie zu benutzen habe.
Wirklich schwierig im klassischen Sinne ist «Docked» dabei selten. Die Herausforderung liegt weniger im Zeitdruck als im präzisen Umgang mit den Maschinen: Wer hektisch arbeitet, produziert schnell Schaden. Wer ruhig bleibt und die Physik respektiert, findet schnell den richtigen Rhythmus.

Um das logistische Chaos zu bändigen, stellt mir das Spiel mehrere völlig verschiedene mechanische Monster zur Seite. Jede Maschine fühlt sich einzigartig an, hat ihre eigene Charakteristik und Tücken. Es macht schlichtweg Spaß, diese Giganten zu bändigen. Ein paar möchte ich dir vorstellen. In DLCs sollen noch weitere Maschinen folgen.

Er ist das Wahrzeichen jedes Hafens. Wenn ich in die Glaskabine in 40 Metern Höhe klettere, fühlt sich die Welt unter mir winzig an. Das Gameplay hier ist ein Geduldsspiel gegen die Physik. Ich steuere die Katze – den Wagen des Krans, der den Spreader über das Schiff bewegt – über das Deck, senke den Greifer ab und muss das Pendeln der tonnenschweren Last abfangen. Wer hier zu hektisch agiert, verursacht keinen Umschlag, sondern ein Desaster.

Dieser massive Greifstapler ist mein «Mädchen für alles». Er wirkt klobig, fährt sich aber erstaunlich präzise. Trotz des riesigen Auslegers bleibt er selbst auf dem unebenen Boden nach dem Sturm stabil. Er hebt, zieht, schiebt, ohne dass ich das Gefühl habe, ständig gegen das Gewicht ankämpfen zu müssen. Perfekt, um umgekippte Container aufzurichten oder LKW millimetergenau zu beladen.

Mein persönlicher Liebling. Dieses riesige Stahlgerüst auf Beinen fährt direkt über die Containerreihen hinweg. Die Kabine klebt oben an der Seite, was die Orientierung am Anfang völlig wahnsinnig macht. Ich muss den Carrier exakt über der Last positionieren, während ich durch eine Glasscheibe zwischen meinen Füßen nach unten starre. Es ist ein Balanceakt auf acht Rädern. Ich liebe es.

Sie ist das kleinste Fahrzeug im Fuhrpark, aber das Herzstück des horizontalen Transports. Der Terminal Tractor fährt sich puristisch, laut und kraftvoll – gebaut, um Trailer souverän durch den Hafen zu ziehen. Das Ankoppeln geht schnell von der Hand, und während sie ohne Last erstaunlich flink wirkt, zeigt sie mit schwerem Trailer ihre wuchtige, kontrollierte Kraft. Sie ist keine Diva, sondern ein Arbeitstier: zuverlässig, direkt und essenziell für den Güterfluss zwischen Kai und Lagerplatz.
Der RTG ist ein gummibereifter Portalkran, der ganze Containerreihen überspannt. Er bewegt sich langsam aber majestätisch über die Blöcke, während ich die Container zentimetergenau stapeln muss. Was diesen Kran auszeichnet, ist seine enorme Arbeitsspanne: Er deckt große Bereiche des Stapelplatzes ab und ermöglicht es, selbst hohe Türme präzise umzuschichten. Er ist nicht schnell, nicht elegant, aber unschlagbar darin, Struktur in den Yard zu bringen.
Der RMG ist der wahre Ordnungsmeister im Hafen. Er ist fest an seine Schienen gebunden und genau das verleiht ihm eine klinische Stabilität, die kein anderes Gerät erreicht. Kein Schwanken, kein Ruckeln, keine Bodenunebenheit, die dazwischenfunkt. Wenn ich diesen Riesen steuere, fühlt es sich an, als würde ich ein hochpräzises Instrument dirigieren.

Die Automatisierung ist deutlich spürbar: Der Kran unterstützt mich beim Ausrichten, und wenn der Spreader mit einem sauberen Klick einrastet, ist das einer der befriedigendsten Momente im ganzen Hafenalltag. Der RMG ist oft die letzte Station, bevor ein Container per Zug auf die Weiterreise geht.
Der Clou an Docked ist die Verzahnung. Ich bin nicht nur der Fahrer, ich bin der Planer. Ich investiere in die Infrastruktur oder neue Maschinen. Ich baue ein zweites oder drittes Depot, vergrößere es oder kaufe einen zweiten Reach Stacker. Allerdings stoße ich auch hier durch das Spiel auf natürliche Grenzen.
Viele Maschinen beziehungsweise Infrastrukturmaßnahmen stehen nicht von Beginn an zur Verfügung, sondern müssen erst durch Meilensteine im Kampagnenfortschritt freigeschaltet werden. Erst, wenn bestimmte Abschnitte des Hafens wiederhergestellt sind oder neue Verträge ins Rollen kommen, öffnen sich weitere Infrastrukturknoten, die wiederum neue Geräte, Erweiterungen oder Produktionswege ermöglichen.

Zwar wirkt diese Progression nie aufgesetzt, sondern logisch. Allerdings löst sie erneut den Wunsch eines Open-Play-Modus bei mir aus.
Optisch inszeniert «Docked» den Hafen von Port Wake mit beeindruckender Größe: die hochaufragenden Stahlgerüste, der Regen auf den Containersätzen, die Lichtkegel der Arbeitsfahrzeuge. Die Maschinenmodelle sind detailreich und glaubwürdig animiert. Das Game setzt grafisch keine neuen Maßstäbe, sieht aber ausreichend gut aus.
Akustisch ist das Spiel solide: die Maschinen klingen gut. Die Hintergrundmusik wirkt etwas generisch, stört aber nicht weiter. Technisch läuft das Spiel stabil. Das Interface ist funktional, könnte aber in manchen Menüs übersichtlicher sein. Insgesamt präsentiert sich «Docked» jedoch als erstaunlich polierter Simulator.

«Docked» wurde mir von Saber Interactive für den PC zur Verfügung gestellt. Das Spiel ist seit dem 5. März für den PC, Playstation 5 und Xbox Series X|S verfügbar.
Nach mehreren Schichten in Port Wake bleibe ich mit einem Gefühl zurück, das nur wenige Simulatoren erzeugen: echte Verbundenheit. «Docked» zieht dich hinein, weil du den Hafen mit jeder Bewegung ein Stückchen ordnest und erweiterst. Die Maschinen sind hervorragend umgesetzt, die Physik ist wuchtig und die kleinen erzählerischen Einsprengsel setzen genau die richtigen Akzente.
Ganz ohne Reibung läuft das Ganze allerdings nicht. Die Progression über Meilensteine schränkt die Freiheit gelegentlich spürbar ein. Ein freier Open-Play-Modus hätte dem Spiel gutgetan. Doch das sind nur kleine Unebenheiten auf einem stabilen Fundament.
Wer mit Simulationen nichts anfangen kann, wird auch in «Docked» kaum plötzlich seine Liebe zur Hafenlogistik entdecken. Für alle anderen aber – für Menschen, die Freude daran haben, schwere Maschinen zu beherrschen und Ordnung ins industrielle Chaos zu bringen – ist «Docked» eine faszinierende und ungewöhnlich entspannte Arbeitssimulation.
Manchmal reicht es eben schon, einen Container im Morgengrauen sauber abzusetzen und zu wissen: Der Hafen lebt.
Pro
Contra
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