
Meinung
400 Millionen reichen nicht: James Gunns «Superman» enttäuscht
von Luca Fontana

Sonys Filmchef, Tom Rothman, weiss genau, wie man das Kino rettet: weniger Werbung, günstigere Tickets und ein besseres Erlebnis. Opfer bringen sollen dabei alle – ausser er selbst. Soll das ein Witz sein?
Las Vegas, CinemaCon 2025. Die grösste Branchenkonferenz der Kinowelt, wo Hollywood einmal im Jahr den Kinobetreibern zeigt, was kommt – und was sie sich davon versprechen dürfen. Tom Rothman, CEO von Sony Pictures, betritt die Bühne und sagt seinen Gastgebern, mehr oder weniger freundlich, dass sie ihren Job nicht richtig machen.

Zu viel Werbung vor dem Film. Zu teures Popcorn. Zu wenig Rücksicht auf das Erlebnis. «Ihr müsst raus aus der Werbefalle», schimpft er. Die Leute kämen inzwischen sogar absichtlich zu spät zum Film, nur um die endlosen Werbungen zu vermeiden – und sähen dabei nicht mal mehr die Trailer. Und dann der vielleicht kühnste Satz des Abends: Kino müsse wieder erschwinglich werden.
Ich nicke zustimmend und verdrehe gleichzeitig die Augen.
Klar hat Rothman recht. Vollkommen recht. Das Kinoerlebnis ist kaputt, und zwar gründlicher, als man es mit ein paar Appellen reparieren kann. Wenn da zwanzig Minuten Werbung vor einem Film kommen (mindestens!), dessen Ticket über 20 Franken kostet und ein Popcorn mit Getränk nochmals mit 15 Franken zu Buche schlagen, dann ist das kein schöner Kinoabend mehr, sondern ein Grund, zu Hause zu bleiben und Netflix zu schauen.
Rothman benennt den Systemfehler klar und ohne Beschönigung. Gut so. Nur hat er dabei vergessen, in den Spiegel zu schauen: Die Studios – Sony eingeschlossen – sind massgeblich dafür verantwortlich, dass Kinobetreiber überhaupt in diese Lage geraten sind.
Grund dafür ist die Art, wie Studios und Kinos die Ticketeinnahmen untereinander aufteilen. Im langjährigen US-Schnitt behalten Studios etwa 50 Prozent der gesamten Kinoeinnahmen – klingt fair, ist es aber nicht.
Das geht so: Bei Blockbustern sollen die grossen Studios gar bis zu 90 Prozent der Ticketeinnahmen am Startwochenende verhandeln, sagen Insider – ausgerechnet zur umsatzstärksten Zeit. Die Beteiligung sinke erst in den anschliessenden Wochen auf unter 50 Prozent, wenn der Film eh immer weniger einspielt. Wer diese Konditionen ablehnt, darf den Film schlicht nicht zeigen.

Was bleibt den Kinobetreibern also? Popcorn. Softdrinks. Und eben diese endlosen Werbeblöcke vor dem Film, über die Rothman so eloquent klagt. Nur: Rothman darf sich nicht wundern. Werbeblöcke sind kein Gier-Problem der Kinobranche allein. Sie sind eine Überlebensstrategie in einem Modell, das die Studios selbst entworfen haben.
Denn wer den Kinos den Löwenanteil der Ticketeinnahmen wegnimmt und dann den Kopf schüttelt, weil die Betreiber anderswo Geld suchen, der zündet das Haus an und schimpft anschliessend über den Wasserverbrauch der Nachbarn.
Was in Rothmans Rede komplett fehlt – und was niemand in Las Vegas laut ausgesprochen haben dürfte –, ist die eigentliche Frage: Wann wird ernsthaft über eine Neuverhandlung des Revenue-Splits gesprochen?
Solange Studios die Ticketeinnahmen zu ihren Gunsten aufteilen und gleichzeitig die Streaming-Fenster immer enger setzen – Filme landen heute oft schon nach wenigen Wochen auf den Plattformen –, bleibt für die Kinos kaum Spielraum. Kein Spielraum bedeutet: keine Investitionen ins Erlebnis, keine günstigeren Tickets und keine kürzeren Werbeblöcke. Wer die Kinos besser machen will, muss ihnen die wirtschaftliche Grundlage dafür geben. Das ist keine romantische Idee, sondern simple Arithmetik.
Rothman weiss das. Er ist seit Jahrzehnten im Geschäft, er kennt die Zahlen, er kennt die Verträge. Seine Rede war trotzdem mutig – denn es braucht tatsächlich jemanden mit seiner Machtposition, der diese Dinge öffentlich ausspricht. Nur bleibt sie das, was sie ist: ein moralischer Appell ohne wirtschaftliche Grundlage.
Gut klingt’s trotzdem.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
Hier liest du eine subjektive Meinung der Redaktion. Sie entspricht nicht zwingend der Haltung des Unternehmens.
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