
Sonys «True RGB»: Rebellion gegen die OLED-Dominanz
Sony hat mich nach London eingeladen, um mir zu erklären, warum RGB-Mini-LED OLED schlagen wird. Der Mann, der das beweisen soll, heisst Akiyama Hideki. Er ist Ingenieur – und vermutlich der beste Backlight-Entwickler der Welt.
Das neue Wunderkind der TV-Welt steht in einer abgedunkelten Halle in London, flankiert von einem Referenzmonitor im Wert eines Kleinwagens. Er heisst Bravia 9 Mark II – ein RGB-Mini-LED-Fernseher, oder wie Sony es neuerdings nennt: True RGB.
Der Mann, der uns Journalisten durch die Technologie führt, heisst Akiyama Hideki. Er ist kein grosser Redner, kein Marketingmensch, kein Direktor mit Anzug und Powerpoint-Lächeln. Er ist Ingenieur. Senior Manager Engineering im Sony-Hauptsitz in Tokio, genau gesagt, und zuständig für die Entwicklung des Hintergrundlichts bei LCD-Fernsehern. Und nach allem, was ich an diesem Tag gehört habe, wohl einer der brillantesten TV-Menschen der Welt.
Schliesslich soll er massgeblich dafür verantwortlich sein, wie wir in Zukunft unsere Filme und Serien zu Hause geniessen werden – dank seinem neuen Algorithmus.

Der Tag besteht aus einer Stunde Präsentation und einem langen Nachmittag voller Demos, Gespräche und Interviews. Kein einziges Mal fällt dabei das Marketing-Unwort der Dekade «KI». Nicht einmal aus Versehen. In einer Branche, wo selbst Faszienroller neuerdings «KI-gestützt» sind (kein Witz!), grenzt das fast an Rebellion.
Genau wegen solcher Sachen mag ich die Bude einfach.
RGB-Mini-LED: Was steckt hinter dem Namen?
Kommen wir aber gleich zum Kern der Sache. RGB-Mini-LED. Und wieso es das Zeug hat, OLED-Fernseher im Premium-Segment zu übertrumpfen. Das sagt übrigens nicht nur Akiyama (oder Akiyama-san, wie er hier von den Sony-Leuten genannt wird), sondern auch ich, seit ich den Bravia 9 Mark II vergangenes Jahr an der IFA hinter verschlossenen Türen sehen durfte.
Du musst wissen: Jeder LCD-Fernseher hat ein Hintergrundlicht, das Backlight. Es gibt den Pixel ihr Licht und bestimmt, wie hell, kontrastreich und farbtreu das Bild wirkt. Bei herkömmlichen Mini-LED-Fernsehern besteht dieses Backlight aus blauen LEDs. Deren Licht wird dann durch eine Phosphor- oder Quantum-Dot-Schicht in Weiss umgewandelt – im Falle von Quantum Dots in ein besonders reines – und danach spalten Farbfilter dieses weisse Licht wieder pixelgenau in Rot, Grün oder Blau auf. Je nachdem, was es grad braucht, um die Farben zu mischen, die du auf dem Fernseher siehst.
RGB-Mini-LED macht das anders. Statt eines einzigen blauen LEDs sitzen jetzt direkt je ein rotes, grünes und blaues Sub-LED im Backlight. Jedes davon einzeln ansteuerbar, jedes für sich. Sony zeigt uns das vor Ort anhand von zwei TVs, deren Pixel-Schicht entfernt und nur das Backlight übrig gelassen wurde.
Links ein Mini-LED-TV mit blauen LEDs. Quantum-Dots wandeln das Blau später in reines Weiss um. Rechts ein RGB-Mini-LED-TV, wo die LEDs selbst schon Rot, Grün und Blau erzeugen können.
Das ist mehr als ein technisches Detail. Denn wenn die Farbe bereits im Backlight fast stimmt, muss der Farbfilter davor weniger korrigieren – und das Ergebnis auf dem Bildschirm (der untere Fernseher im Video oben) wird präziser, reiner und kräftiger. Schliesslich entsteht die Farbe ja nicht mehr nur vor dem Backlight, sondern bereits in ihm.
Neben kräftigeren Farben und besseren Blickwinkeln führt das auch zu deutlich weniger Blooming, also jenen typischen Lichtkränzen, die entstehen, wenn helle Objekte auf dunklem Hintergrund leuchten. Wie das genau funktioniert, lässt sich gut an einem Beispiel erklären: Eine rote Laterne vor schwarzem Hintergrund.
Bei einem herkömmlichen Mini-LED-Fernseher strahlt das Backlight hinter dieser Laterne weiss. Die Leuchtkristalle in den LCD-Pixeln, die schwarz bleiben sollen, schotten es so gut ab wie möglich, aber ein bisschen Licht dringt immer durch. Das ist das Blooming, das wir sehen. Bei einem RGB-Mini-LED-Fernseher hingegen strahlt das Backlight hinter der roten Laterne bereits rot. Dieses Rot ist von Natur aus weniger hell als weisses Licht und wird entsprechend besser von den Leuchtkristallen abgeschottet. Blooming verschwindet nicht vollständig – aber unser Auge nimmt es deutlich weniger wahr.

Ganz neu ist RGB-Mini-LED nicht. Hisense zeigte seine Version bereits an der CES im Januar 2025, Samsung präsentierte dort mit «Micro RGB» sogar ein 115-Zoll-Monster für 30 000 Franken. Aber dass Sony heute, im Jahr 2026, den Markennamen «True RGB» gewählt hat und nicht einfach «RGB Mini-LED» wie alle anderen, ist kein Zufall.
Es ist eine Ansage.
Ein Algorithmus, den Akiyama von Grund auf geschrieben hat
Long story short: Das ganze Gerede rund um Farbgenauigkeit, Kontrast und Volumen hat sich irgendwie ins Backlight verschoben. Genau darum ist Akiyama, der Backlight-Ingenieur, plötzlich der wichtigste Mann im Raum.
Wenn er redet, wird’s technisch. Aber es lohnt sich, dranzubleiben, denn was er erklärt, ist vermutlich das Wichtigste, was Sonys True RGB von der Konkurrenz unterscheidet: nämlich sein Sensing-Algorithmus. Und es ist gleichzeitig das unmöglichste und unsexieste Feature zum Erklären.
Ich bitte also Akiyama, es mir so einfach wie möglich zu formulieren. Er lacht kurz – dann hält er inne und sammelt seine Gedanken. Ich merke sofort: Er ist es nicht gewohnt, mit Journalisten wie mir zu sprechen. In seiner Welt redet man mit Ingenieuren. Die sprechen seine Sprache. Ich nicht. Er probiert’s trotzdem, und ich folge gebannt seinen Worten beim Versuch zu begreifen, was er mir da eigentlich sagen will.

Quelle: Sony
Rote, grüne und blaue LEDs verhalten sich physikalisch völlig unterschiedlich, beginnt er. Rote LEDs zum Beispiel verlieren Effizienz, wenn sie warm werden. Grüne LEDs hingegen reagieren nicht linear auf Stromerhöhung – X mehr Strom bedeutet also nicht automatisch X mehr Licht. «Blaue LEDs aber sind unsere Freunde», sagt er dann sympathisch. Sie sind die stabilsten der drei und auch der Grund, warum Mini-LEDs blaue LEDs als Backlight benutzen, bevor’s in reines Weiss umgewandelt wird.
Kurz: Rote, grüne und blaue LEDs verhalten sich unterschiedlich. Das klingt nach einem Randproblem. Ist es aber nicht. Um zu verstehen, warum, müssen wir einen Schritt zurückmachen.
Ein Beispiel. Ein sattes Gelb in einem Pixel entsteht, wenn dessen Subpixel Rot und Grün gemeinsam leuchten, Blau aber nicht. Ein zartes Rosa braucht viel Rot, wenig Grün, etwas Blau. Und ein perfektes Neutralgrau – das anspruchsvollste von allen – entsteht nur dann, wenn Rot, Grün und Blau in exakt dem richtigen Verhältnis zueinander leuchten. Stimmt dieses Verhältnis nicht, ist das Grau kein Grau mehr. Es ist ein leicht grünlicher, rötlicher oder bläulicher Schimmer.
Genau diese Verhältnisse gehen verloren, wenn man die Physik der LEDs ignoriert. Weil sich Rot, Grün und Blau so unterschiedlich verhalten – je nach Temperatur, je nach Betriebsdauer, je nach aktuellem Stromfluss – ändern sich die richtigen Verhältnisse laufend. Ein Grauton, der beim Einschalten noch perfekt war, ist nach einer Stunde Betrieb leicht verschoben. Das Bild, das man sieht, stimmt dann nicht mehr mit dem überein, was Filmemachende gemeint haben.

Sonys Sensing-Algorithmus, den Akiyama selbst von Grund auf geschrieben hat, setzt genau hier an. Er überwacht in Echtzeit Spannung, Strom und Wärme jeder einzelnen LED – und korrigiert die Ansteuerung laufend. Das ist mehr als simples Dimmen. Das ist permanente Kompensation. «Dieser Algorithmus, er war die schwierigste Mission meines gesamten Sony-Lebens», fügt der Ingenieur noch an.
Dann nimmt Akiyama Blatt und Stift hervor und beginnt, Diagramme zu zeichnen. «Für dieses Rosa müsste ich Rot auf 80 Prozent reduzieren, aber weil die roten LEDs gerade 45 Grad warm sind und dadurch Effizienz verloren haben, gebe ich ihnen zweieinhalb Prozent mehr Strom, damit das Ergebnis trotzdem stimmt», kommentiert er währenddessen.
«Das ist ja verrückt», sage ich. «Wir reden hier von tausenden von Mikrometern kleinen Dioden, die gleichzeitig überwacht und gesteuert werden. Dafür müsste man ja einen unheimlich starken Prozessor haben.» Akiyama lächelt. Sony gilt nicht umsonst als Leader der Branche, wenn es um TV-Prozessoren geht. Genau das zahlt sich hier aus.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Samsung, LG und Hisense steuern ihre RGB-LEDs natürlich auch individuell. Aber sie kompensieren nicht in Echtzeit, «weil ihnen der Sensing-Algorithmus fehlt», wie Akiyama bestätigt. Ihre Versionen von RGB-Mini-LED werden deshalb nie dieselbe Farbgenauigkeit erreichen wie Sonys True RGB. So die reichlich komplizierte Theorie.
True RGB. Na, fällt der Groschen?
Warum Sony gewartet hat
Sony hätte seinen RGB-Mini-LED-Fernseher schon früher bringen können, sagt Akiyama. Sein erster Prototyp existierte bereits 2021. Aber man hätte ihn wohl kaum verkaufen können, weil er schlicht zu gross, zu laut und zu unfertig war. Am Rande des Events habe ich auch mit Charlie Ohama gesprochen, Sonys Head of Home Entertainment für Europa – und er erinnert sich gut daran: «Wir wollen nicht die Ersten sein. Wir wollen die Ersten sein, die RGB-Mini-LED perfektionieren.»
Mehr zum Gespräch mit Charlie – über True RGB, den Veränderungen im TV-Markt und einiges mehr – liest du in den nächsten Tagen in einem separaten Interview.

Quelle: Sony
«Our goal isn't to be first. It's to be true», steht auch auf einer Präsentationsfolie. Später frage ich Akiyama, was das in der Praxis bedeutet – und wo die ehrlichen Grenzen sind.
Die Versprechen sind nämlich gross. So wird mir anhand von Messgeräten gezeigt, wie der Bravia 9 Mark II den genau gleichen Stromverbrauch hat wie Sonys QD-OLED-Fernseher, dem Bravia 8 Mark II, aber bei doppelter Helligkeit. Das Farbvolumen – die Menge an Farben, die ein Display bei verschiedenen Helligkeitsstufen gleichzeitig darstellen kann – ist gegenüber herkömmlichem Mini-LED doppelt so gross und gegenüber QD-OLED sogar viermal so gross. Und Farbverläufe, etwa bei Sonnenuntergängen, sollen dank dem verbesserten Prozessor ebenfalls deutlich weicher wirken.

Einen Punkt aber räumt Akiyama offen ein: Weisser Text auf schwarzem Hintergrund, zum Beispiel bei Untertiteln, bleibt weiterhin eine Herausforderung. Kein Wunder: Dort ist das Backlight ja nach wie vor weiss, und True RGB ist noch immer ein LCD-Fernseher, mit all seinen physikalischen Grenzen.
Aber was für einer.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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