
Unser Roadtrip hatte eine Route. Bis ich Gropius entdeckt habe
Wir sind zu einem Roadtrip aufgebrochen. Als Kunsthistorikerin mit einer gewissen Obsession für Architektur begann ich, hier und da einen kleinen Umweg in unsere Route einzubauen. Ein Gropius-Haus hier, ein Aalto dort, dann Saarinen, Pei, Gehry ... Und plötzlich entstand eine zweite Reise innerhalb unserer Reise, von der ich dir in einer Artikelserie erzählen möchte. Den Anfang macht Gropius.
Ursprünglich wollten wir endlich die Familie besuchen, bei der ich 1996/97 als Austauschschülerin in Vermont gelebt hatte. Obwohl inzwischen 29 Jahre vergangen sind, sind wir immer in Kontakt geblieben. Unglaublich, ich weiss. Wenn wir schon den Atlantik überquerten, konnten wir auch Montréal einbauen, wo ein Freund von uns lebt. Und New York? Da wollten die Kids unbedingt hin. So entstand Stück für Stück unser Roadtrip: Montréal, Vermont, Maine, Boston und New York.
Bei der Routenplaung begann ich allerdings, die Karte mit anderen Augen zu betrachten. Und entdeckte nur wenige Kilometer vor Boston das Haus von Walter Gropius. Ab diesem Moment gab es kein Zurück mehr: Meine architektonische Schatzsuche hatte begonnen. Die Kids, sagen wir mal, teilten meine Begeisterung nur bedingt. Aber das visionäre Haus des Bauhaus-Gründers sollte selbst sie umhauen.

Quelle: Courtesy of Historic New England, David Bohl, 2009.
Gropius House – das Bauhaus landet im Wald
Aber was hat Walter Gropius eigentlich in den USA verloren? Das fragst du dich vielleicht gerade. Tatsächlich war auch ich überrascht, ausgerechnet in Lincoln, einem beschaulichen, grünen Städtchen in Massachusetts rund zwanzig Kilometer von Boston entfernt, auf das vom Bauhaus-Gründer entworfene Wohnhaus zu stossen, das heute ein Museum ist.
1933 schliesst das Bauhaus unter dem Druck des NS-Regimes. Paradoxerweise trägt der Versuch, die Ideen der Moderne zu zerstören, dazu bei, sie in der ganzen Welt zu verbreiten. Viele Lehrende und Studierende emigrieren in die USA, nach Grossbritannien, in die Schweiz und anderswo. 1937 wird Gropius an die Harvard Graduate School of Design berufen, ein Jahr später baut er sein Haus in Lincoln.
Das Spannende daran: Er verpflanzt das Bauhaus von Dessau nicht einfach nach Massachusetts. Das Haus ist weiss, geradlinig und reduziert, greift aber zugleich typische Materialien und Lösungen aus Neuengland auf – angefangen bei der Holzverkleidung. Gropius sucht nach einer Moderne, die mit dem Ort in Dialog tritt, und hat gleichzeitig sichtlich Spass daran, günstige Industriematerialien in unerwarteten Zusammenhängen einzusetzen. Etwa bei der Wendeltreppe aussen am Haus: Sie sieht aus wie die Feuertreppe einer Fabrik, führt aber zur Terrasse des Zimmers seiner Tochter Ati Gropius – damit sie von ihrem Zimmer direkt ins Freie und hinunter in den Garten gelangen konnte. Der Traum jedes Teenagers.


Quelle: Alessandra Ruggieri De Micheli.
Das Bauhaus zieht ein
Doch erst drinnen steigt die Begeisterung so richtig. Der Eingang wirkt beinahe unscheinbar: eine kleine Tür, eine Wand aus Glasbausteinen, durch die natürliches Licht fällt. Dann öffnet sich der Raum, und ein Zimmer führt fast wie von selbst ins nächste.
Los geht es im Arbeitszimmer von Walter und Ise Gropius. Die beiden arbeiteten Seite an Seite. Unter dem langen Fenster mit Blick ins Grüne steht noch heute der Double Desk, den Marcel Breuer 1925–1926 entwarf. Als die Gropius nach Massachusetts zogen, nahmen sie ihn mit. Walter plante den Raum so, dass der Schreibtisch genau dort seinen Platz fand.


Quelle: Alessandra Ruggieri De Micheli.
Auf dem Boden wartet ein weiteres kleines Meisterwerk: der Isokon Penguin Donkey, 1939 von Egon Riss für die damals neuen Penguin-Taschenbücher entworfen. Ein Objekt, das perfekt zeigt, worum es im Design der Moderne geht: ein konkretes Problem, gelöst mit einer eleganten, organischen Form.
Gleich nebenan öffnet sich das Wohnzimmer zur Landschaft. Riesige Fensterfronten fluten den Raum mit Licht. Damals waren die Scheiben noch einfach verglast – und wie wir bei der Führung erfahren, wurde es im Winter ziemlich kalt im Haus. Doch die Vision war klar: Räume öffnen, Licht hereinlassen und Innen und Aussen miteinander in Dialog bringen.
Und genau hier haben wir plötzlich dieses seltsame Gefühl: Das Haus ist fast neunzig Jahre alt und könnte trotzdem gestern entworfen worden sein.

Quelle: Alessandra Ruggieri De Micheli.
Dass das Haus bis heute so modern wirkt, liegt auch an den Möbeln. Viele stammen von Marcel Breuer, zunächst Schüler und später Lehrer am Bauhaus. Für seine Entwürfe experimentierte er mit Stahlrohr und liess sich dabei unter anderem vom Fahrradbau inspirieren. Überhaupt versammelt das Haus einige der grossen Namen des Designs des 20. Jahrhunderts. Beim Blättern in der von Historic New England herausgegebenen Publikation über das Haus entdecke ich zwei kleine Anekdoten: Breuers Isokon Long Chair war Gropius' Lieblingssessel. Den Womb Chair von Eero Saarinen schenkten ihm Freunde zum siebzigsten Geburtstag. Was wir da noch nicht wissen: Einige dieser Namen werden uns auf der Reise wieder begegnen.

Quelle: Alessandra Ruggieri De Micheli.
Vom Wohnbereich kommen wir ins Esszimmer. Tisch und Stühle stammen ebenfalls von Breuer. Unser Guide zeigt uns ein viel unscheinbareres Detail: einen Museumsspot, eingelassen in die Decke und genau auf die Mitte des Tisches gerichtet. Die Teller werden beleuchtet, als wären sie Ausstellungsstücke in einer Vitrine. Denkbar einfach, funktional und zugleich theatralisch. Wow.


Quelle: Alessandra Ruggieri De Micheli.
Form follows function
Daneben liegt die Küche – und die schlägt einen völlig anderen Ton an. Keine Inszenierung: Hier regiert Effizienz. Fast wie in einer kleinen Profiküche sind die Arbeitsschritte klar getrennt: Vorbereitung und Abwasch im einen Raum, Kochen im anderen. Selbst Kochen war für Gropius offenbar ein Designproblem, das es zu lösen galt.


Quelle: Alessandra Ruggieri De Micheli.
Im Obergeschoss setzt sich die Bauhaus-Philosophie im Alltag fort: kaum verschwendeter Platz in den Fluren, dafür grosszügige Zimmer, nach Osten ausgerichtet, um das Morgenlicht einzufangen. Am meisten beeindruckt mich jedoch die Lösung im Elternschlafzimmer. Eine Glaswand trennt das bewusst unbeheizte Schlafzimmer vom beheizten Ankleide- und Badbereich. So konnten Walter und Ise kühl schlafen und morgens buchstäblich einen Schritt ins Warme machen. Eine fast banale Lösung – und doch typisch Bauhaus: erst beobachten, wie wir leben, dann den Raum an unsere Bedürfnisse anpassen.


Quelle: Alessandra Ruggieri De Micheli.


Quelle: Alessandra Ruggieri De Micheli.
Wir treten wieder hinaus ins Grüne von Lincoln – ziemlich begeistert. «Das war eine der besten Führungen, zu denen du mich je mitgeschleppt hast», sagt meine Tochter.
Tja, hat einen das Architekturfieber erst einmal gepackt, will man mehr. Und am nächsten Tag wartet in Cambridge schon der nächste Leckerbissen auf uns.
Tatsächlich war das Gropius House für uns alle eine Überraschung. Für mich, weil ich nicht damit gerechnet hatte, mitten in den Wäldern Neuenglands auf ein Stück Bauhaus zu stossen. Und für die Kids, die entdeckt haben, wie faszinierend die Vision eines Architekten wie Walter Gropius sein kann.
Ich würde sagen, unsere architektonischen Abstecher haben schon mal vielversprechend begonnen. Und jetzt sind wir erst recht gespannt, was uns in Cambridge erwartet. Aber das ist eine andere Geschichte.
Du reist gerne und hast wie ich ein Faible für Architektur? Dann folge mir: Im nächsten Artikel erkunden wir die architektonischen Highlights auf dem MIT-Campus.
Ich feile mit Leidenschaft an Texten und adaptiere sie kreativ ins Italienische. Stillstehen kann ich nicht: Wenn ich nicht gerade in die Tasten haue, bin ich mit meinem Boxer unterwegs oder schleppe meine Familie zu Gipfeln und architektonischen Umwegen, die nicht immer auf Begeisterung stossen. Aber am Ende gewinnt la bellezza immer.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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