
Hintergrund
Warum Kinder ihre Eltern erschrecken – und was sie dabei lernen
von Michael Restin

Kleine Kinder lügen unbeholfen. Es sei denn, sie fühlen sich dazu gezwungen. Dann schwindeln schon Vierjährige aus Selbstschutz meisterhaft.
In den ersten Lebensjahren haben Kinder ein unverkrampftes Verhältnis zur Wahrheit. Das weisst du, sobald dein Nachwuchs das erste Mal lauthals im Bus körperliche Merkmale von Mitfahrenden kommentiert: «Der Mann da drüben ist aber …» oh oh, denkst du und lächelst halb erschrocken, halb entschuldigend, bevor du froh bist, wenn der Satz nur mit «… alt!» endet. Dass Wahrheiten verschwiegen, verbogen, verleugnet werden können, ahnen Dreijährige in der Regel noch nicht.
Schön wäre, wenn die Kinder auch in den folgenden Jahren bei der Wahrheit bleiben, aber einen eleganteren Umgang damit lernen würden. Die Fähigkeit zur Lüge kommt früh genug in ihr Leben – ungefähr bis zum Schulalter ist es bei den meisten so weit. Es ist ein schleichender Prozess, die einen beherrschen sie früher, die anderen später. Die dafür nötigen Fähigkeiten sind auch ein Zeichen von Reife, Intelligenz und, ja, auch Training.
Was weiss ich, was wissen die anderen? Wie behalte ich meinen Wissensvorsprung für mich und setze ihn zu meinem Vorteil ein, ohne mich in Widersprüche zu verstricken? Lügen ist komplex und steht auf keinem Lehrplan. Zumindest nicht direkt. Gründe dafür, dass die Kinder sich darin üben, gibt es viele: Angst, Höflichkeit, Unsicherheit, Berechnung – und Erziehung. Wie sie es mit der Wahrheit halten, hängt stark von den Orten und Menschen ab, die den grössten Einfluss auf sie haben. Das sind die Eltern und Geschwister zuhause sowie ihr Umfeld in der Schule, das sich von Forschenden einfacher beurteilen lässt.
Die Psychologin Victoria Talwar interessiert sich dafür, warum und unter welchen Bedingungen sich Kinder eher fürs Lügen entscheiden. In ihrer bekanntesten Studie untersuchte sie drei- bis vierjährige Vorschulkinder aus Einrichtungen mit unterschiedlichen Erziehungskonzepten: eine davon war sehr autoritär und arbeitete mit strengen Strafen. Die andere war libertärer, eher auf Ausgleich und Verständnis bedacht.
In der einen Schule käme man mit einer Lüge vermutlich glimpflicher davon, in der anderen möchte man keinesfalls erwischt werden. Das änderte zwar nichts an der Neugier der Kinder, die gleichermassen in eine Falle tappten, die ihnen im Rahmen der Studie gestellt wurde: Im Raum allein gelassen, schauten sie trotz ausdrücklichen Verbots nach einem unter einem Tuch versteckten Spielzeug. Unterschiedlich war ihre Reaktion hingegen auf die Frage: «Hast du nachgeschaut?»
Kinder der strengen Schule logen zu 95 Prozent und waren für ihr junges Alter erschreckend gut darin. Sie hielten Blickkontakt und liessen sich auch durch die Nachfrage «Was glaubst du, welches Tier unter dem Tuch ist?» nicht aus der Ruhe bringen. Sie erfanden plausible Erklärungen, warum sie wussten, um welches Spielzeug es sich handelte, ohne das Spicken zu gestehen. Kinder aus der milderen Schule sagten deutlich häufiger die Wahrheit – und wenn sie es mit Lügen versuchten, waren sie oft unbeholfen.
Statt mehr Anstand provozierten die strengen Regeln also raffiniertere Lügengeschichten. Das ist eine komplexe Leistung für ein vierjähriges Kind. Die meisten sind erst mit sechs oder sieben Jahren so weit, sie stringent zu erzählen. Aber die Kinder der autoritären Schule lernten nicht, moralisch richtig zu handeln, sondern wurden geschickter darin, die eigene Haut zu retten. Es scheint so zu sein: Je mehr Mut zur Wahrheit nötig ist, desto weniger Menschen bringen ihn auf.
Eine aktuelle Studie aus Singapur zeigt, dass auch der Erziehungsstil der Eltern einen erkennbaren Einfluss darauf hat, wie sich das «Schummelverhalten» über die Zeit entwickelt. Bei viereinhalbjährigen Kindern liess sich anhand dessen überraschend gut vorhersagen, ob sie als Sechsjährige bei einem Ballwurfspiel in einem unbeobachteten Moment betrügen würden, um einen Preis zu gewinnen.
Besonders strenge, kontrollierende Väter waren ein Indiz dafür, dass die Kinder den Erfolg über die Moral stellen würden (übrigens etwas, das Donald Trump beim Golfen noch heute macht). Das Kind hat Angst, den Erwartungen nicht zu entsprechen, und schützt sich mit allen Mitteln vor dem gefühlten Versagen.
Empathische Mütter können diesen Effekt abfedern. Sind sie ebenfalls streng, hat das laut der Studie eher einen Effekt auf die Selbstkritik als aufs aktive Schummeln: Das Kind sucht die Schuld bei sich, wird traurig und zieht sich zurück. Weil die Mütter statistisch gesehen mehr Zeit mit den Kindern verbringen, kalibrieren sie auch stärker den moralischen Kompass der Kinder, wenn es um Höflichkeitslügen geht.
Sich artig für ein Geschenk zu bedanken, das einem überhaupt nicht gefällt, ist eine hohe Kunst für Kinder. Deshalb sieht Victoria Talwars Standard-Experiment so aus: Die jungen Probandinnen und Probanden erhalten für Kinderaugen Enttäuschendes wie ein gebrauchtes Stück Seife und werden gefragt: «Gefällt es dir?»
Sogar Dreijährige bringen laut Talwars Forschung zur Hälfte schon eine Höflichkeitslüge über die Lippen. Bei den Sieben- bis Elfjährigen sind es 85 Prozent, oft formvollendet mit einer freundlichen Begründung serviert, was sie an der popeligen Seife so fasziniert.
Diese edle Form der Lüge, die als sozialer Schmierstoff dient, ist anspruchsvoll: Wer die eigene Enttäuschung kaschieren und gleichzeitig eine andere Geschichte präsentieren kann, versteht viel über sich und andere. Wenig überraschend sind autoritär erzogene Kinder tendenziell nicht so gut darin – ihr Lügen-Fokus liegt darauf, Strafen zu entgehen.
Kinder lernen, die Konsequenzen ihres Verhaltens abzuschätzen, und verhalten sich entsprechend. Für die Erkenntnis, dass Vertrauen ein Schlüssel zu ehrlichem Verhalten ist, muss man keine Studien zu Rate ziehen. Kann man aber, sie tragen Titel wie Trusting young children to help causes them to cheat less. Hier sind zum Abschluss drei konkrete Tipps, die sich leicht lesen, aber nicht immer so leicht umsetzen lassen:
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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