
Meinung
«Andor» bricht ein Tabu
von Luca Fontana

Marvel wollte mit «Wonder Man» vieles anders machen – leiser, persönlicher und aufrichtiger. Herausgekommen ist eine der besten Serien des Studios seit Jahren. Und womöglich genau deshalb eine, die kaum jemand sehen wird.
So richtig warm wurde ich mit keinem einzigen Trailer zu «Wonder Man». Die waren alle … okay? Und Marvel war in letzter Zeit oft genau das: okay. Nur okay. Dazu das Timing: Erst kürzlich hat Seth Rogens «The Studio» Hollywood genüsslich zerlegt und gefeiert. Nichts blieb unberührt, niemand ungeschoren. Nicht Charlize Theron. Nicht Ron Howard. Ja, nicht mal Regie-Legende Martin Scorsese.
Und jetzt kommt «Wonder Man» mit einer ähnlichen Idee.
Vor diesem Hintergrund befürchtete ich eine weichgespülte Möchtegern-Satire Marke Disney. Vor allem, weil sie sich im Vorfeld sogar selbst zu rechtfertigen versuchte: «Eine Superhelden-Serie für alle, die keinen Bock mehr auf Superhelden-Slop haben», hiess es in einem Trailer. Für mich schrie das nach Meta ohne Risiko. Wer hat schon Bock darauf?
Leute, seid nicht so voreingenommen wie ich. Marvel war lange nicht mehr so gut. Tatsächlich halte ich «Wonder Man» nicht nur für etwas vom Besten, was Marvel je produziert hat, sondern auch vom Aufrichtigsten – und genau deshalb wird die Serie es schwer haben.
Der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen «The Studio» und «Wonder Man» liegt in seinem Blickwinkel. In Rogans lauter Vorschlaghammer-Satire schauen wir Hollywood von oben beim Funktionieren zu: Es geht um Studio-Bosse, Produzentinnen und Marketingabteilungen, die sich selbst ins Elend entscheiden, verschieben und kalkulieren. «Wonder Man» hingegen wählt eine eher leise Perspektive von unten.
Im Zentrum steht Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen II), ein Schauspieler, der seine Superheldenkräfte versteckt und seit Jahren versucht, in Hollywood Fuss zu fassen. Meist ohne Erfolg. Simon scheitert nämlich nicht an fehlendem Talent, sondern an sich selbst: Er überdenkt selbst einfachste Rollen, stellt zu viele Fragen und wird als schwierig wahrgenommen. Schauspielerei ist für ihn halt nicht bloss Karriere. Sie ist seine Leidenschaft. Sein Lebensinhalt.
Seine Berufung.

Eines Tages scheint es das Schicksal endlich gut mit ihm zu meinen: Als sich plötzlich eine unerwartete Chance ergibt, trifft er auch noch auf den berühmt-berüchtigten Trevor Slattery (Ben Kingsley), einen alten Profi der Branche. Trevor betont gern, er sei nie ein Terrorist gewesen – nur jemand, der einmal einen gespielt habe. Für einen echten Terroristen. Zwischen den beiden entwickelt sich rasch eine Mentor-Schüler-Beziehung, und für Simon öffnen sich Türen, die zuvor verschlossen schienen.
Was er allerdings nicht weiss: Ganz so zufällig war diese Begegnung nicht …
Was «Wonder Man» im Innersten zusammenhält, ist keine urkomische Überzeichnung Hollywoods wie in «The Studio», und schon gar keine Superhelden-Fantasie, die sich reibungslos ins MCU einfügen liesse. Es ist die Beziehung zwischen Simon und Trevor. Eine Freundschaft, die sich langsam formt, vorsichtig tastend, ohne Ironie als Schutzschild.
Gerade Simon schliesst man sofort ins Herz. Er begegnet Trevor mit einer Mischung aus Bewunderung und kindlicher Offenheit. Trevor wiederum nimmt die Rolle des väterlichen Mentors mit der Erfahrung eines Mannes ein, der den Betrieb kennt. Er erklärt, korrigiert und ermutigt «seinen» Schützling. Und gerade in den gelegentlich zu pathetischen Gesprächen zeigt sich der Kern der Serie: Schauspielerei wird hier nicht romantisiert, sondern ernst genommen – als Handwerk, das Menschen prägt und manchmal auch aufreibt.

Ein schöner emotionaler Kern. Hinzu kommt noch die Spannung, die zwischen jeder einzelnen Zeile liegt. Beide tragen ein Geheimnis mit sich herum, das sie nicht offenlegen. Für uns als Zuschauende ist klar: Diese Nähe steht auf wackligem Fundament. Irgendwann wird etwas kippen. Vertrauen wird geprüft werden. Und trotzdem – oder gerade deshalb – fühlt sich diese Freundschaft echt an.
Dass sich «Wonder Man» so konsequent auf diese Beziehung konzentriert, trotz vereinzelter satirischer Spitzen, ist vielleicht ihre mutigste Entscheidung. Eine davon ist besonders schön: Ausgerechnet ein Regisseur, der wie eine Karikatur von Martin Scorsese wirkt, will aus einem Marvel-Superheldenfilm «echtes» Kino machen – jenem Genre, das Scorsese einst öffentlich abkanzelte.

Ansonsten verzichtet die Serie darauf, jede Szene mit Pointen aufzuladen, wie’s «The Studio» getan hat. Sie lässt stattdessen Nähe entstehen, weil sie darauf vertraut, dass genau das ausreicht. Wer hätte das bei Marvel je gedacht?
Das eigentliche Paradox von «Wonder Man» liegt nicht in der Serie selbst, sondern in ihrem Umfeld. Marvel hat hier, davon bin ich überzeugt, vieles richtig gemacht. Die Zurückhaltung. Der Fokus auf Figuren. Die Weigerung, jede Beobachtung sofort in einen Gag oder eine Pointe zu verwandeln. All das fühlt sich bewusst entschieden an. Genau deshalb wirkt «Wonder Man» so aufrichtig.

Gleichzeitig ist diese Serie in einem Umfeld gelandet, das auf ganz andere Reflexe trainiert ist. «The Studio» zum Beispiel passt perfekt zu Apple TV: Die Serie ist laut, weil sie von oben erzählt. Sie kann es sich leisten, gnadenlos zu sein, weil sie aus der Chefetage heraus schiesst und weil sie die Absurdität dieses Systems persifliert, das sich einerseits über Prestige, Autorenschaft und klare kreative Handschriften definiert, andererseits auch brutal geldgetrieben ist.
«Wonder Man» hingegen erzählt von Aussenseitern. Das heisst: Eine ähnlich krasse Gagdichte würde sich wie Spott anfühlen. Als würde man auf Menschen treten, die ohnehin schon kämpfen. Ob das zu Disney+ passt, einer Plattform, deren Marvel-Publikum über Jahre gelernt hat, bestimmte Dinge zu erwarten? Dinge wie Tempo, Spektakel, Wiedererkennbarkeit und Anschlussfähigkeit?

Genau hier wird es spannend und heikel zugleich. «Wonder Man» wird diese Erwartungen nämlich enttäuschen, weil sie sich ihnen gar nicht erst anbiedert. Damit landet die Serie zwischen Stuhl und Bank: Fürs klassische Marvel-Publikum wird sie möglicherweise zu leise, zu wenig eindeutig. Für Menschen, die genau diese Ruhe schätzen, ist sie vielleicht am falschen Ort und wird durch ihr Raster fliegen.
Meine Befürchtung ist deshalb weniger, dass Marvel hier eine falsche Entscheidung getroffen hat, sondern dass man aus den Reaktionen die falschen Schlüsse ziehen könnte. Falls «Wonder Man» trotz bisher hervorragender Kritiken in den Streamingzahlen hinter den Erwartungen zurückbleibt, liesse sich das leicht als Beweis gegen Anspruch lesen.
Dabei wäre genau das die falsche Lehre.
Dieses Spannungsfeld erinnert mich stark an «Andor». Auch dort hatte Disney+ plötzlich eine Serie im Programm, die sich radikal von dem entfernte, was viele mit «Star Wars» verbinden. Sie hatte keine Märchenstruktur, kaum Nostalgie, wenig Fanservice. Stattdessen Politik, Machtmechanismen, Faschismus und Widerstand. Ein erwachsenes, unbequemes «Star Wars», das sich mehr für Systeme interessierte als für Helden.
Auch bei «Andor» stellte sich früh die Frage nach den Zahlen. Ob diese Serie ihr Publikum findet. Ob Anspruch sich auszahlt und ob man bereit ist, einem Franchise Raum zu geben, das nicht sofort belohnt wird. Zum Glück hat sich «Andor» mit der Zeit herumgesprochen, wurde entdeckt, diskutiert und weiterempfohlen. Aber diese zweite Zuschauer-Welle kam nicht automatisch. Sie musste sich ihren Platz erarbeiten.
Genau deshalb hoffe ich, dass «Wonder Man» nicht zum falschen Gradmesser wird. Dass man nicht vorschnell schliesst, anspruchsvollere, leisere Marvel-Serien hätten grundsätzlich kein Publikum. Denn diese Serie zeigt, dass Marvel sehr wohl noch anders kann. Und es wäre tragisch, wenn ausgerechnet diese Aufrichtigkeit am Ende dafür sorgen würde, dass man sich wieder enger an das klammert, was vermeintlich sicher funktioniert.

«Andor» jedenfalls hat gezeigt, dass Geduld belohnt werden kann. Die Frage ist nur, ob man sie auch diesmal aufbringt.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
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