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Hintergrund

30 Jahre «Tomb Raider»: Wie ich Lara verlor und wiederfand

Kevin Hofer
25/10/2026

Am 25. Oktober 1996 erschien «Tomb Raider» zuerst für Sega Saturn, kurz darauf für PC und Playstation. 30 Jahre später gehört Lara Croft zu den bekanntesten Figuren der Gaminggeschichte.

Ich bin zwölf, als ich 1996 in dieser Höhle in den Anden stehe und mich verliebe. Nicht in die Protagonistin Lara Croft, sondern in das Spiel «Tomb Raider». Zum ersten Mal in meinem jungen Gamerleben habe ich das Gefühl, im Spiel zu sein.

Ich kann kaum glauben, wie locker und leichtfüssig sich Lara bewegt. Durch ihre Kletterkünste erlangt das Spiel eine ungekannte Vertikalität. Damit nicht genug: Die Gefechte mit den Fledermäusen, Wölfen und Dinos lassen mein Adrenalin in die Höhe schiessen. Aus heutiger Perspektive ist das alles selbstverständlich überholt. Die Tank-Steuerung ist alles andere als dynamisch, die Kämpfe mit automatischem Zielen kaum fordernd.

Als der T-Rex auf mich zugerannt kam, habe ich mir fast in die Hosen gemacht.
Als der T-Rex auf mich zugerannt kam, habe ich mir fast in die Hosen gemacht.
Quelle: Crystal Dynamics

Fordernd sind hingegen die Rätsel. Heute schreien mich Objekte, mit denen ich interagieren kann, quasi an. 1996 gibt es sowas nicht. Dass sich manche Blöcke verschieben lassen, muss ich selbst herausfinden. Vor den Block stellen, Aktionstaste gedrückt halten, Steuerkreuz drücken. Bis ich das begriffen habe, vergehen Stunden.

Von denen habe ich bis heute unzählige in die «Tomb Raider»-Spiele gesteckt. Obwohl die Liebe nach den ersten drei Teilen erlosch, flammte sie mit der Survivor-Trilogie in den 10er Jahren wieder auf. Mit dem kommenden Remake des ersten Teils, «Legacy of Atlantis» dürfte mein Feuer erneut brennen.

30 Jahre, viele Gesichter. Lara hat sich im Lauf der Zeit stänig neu erfunden.
30 Jahre, viele Gesichter. Lara hat sich im Lauf der Zeit stänig neu erfunden.
Quelle: Crystal Dynamics

Aus Laura Cruz wird Lara Croft

Den ersten Teil entwickelt Core Design, ein britisches Studio, das bis dahin vor allem für «Rick Dangerous» bekannt ist. Das Kernteam besteht aus fünf Personen: Serienschöpfer Toby Gard, Paul Douglas, Gavin Rummery, Neal Boyd und Heather Gibson. Hilfe bekommen sie punktuell, etwa für die Saturn-Portierung oder die Musik.

Die Heldin sieht anfangs ganz anders aus. Einen männlichen Helden verwirft das Team als zu «Indiana Jones»-lastig, also soll die südamerikanische Söldnerin Laura Cruz übernehmen. Erst im Lauf der Entwicklung wird daraus die Britin Lara Croft. Ihren Nachnamen soll das Team aus einem englischen Telefonbuch haben. Als Vorbilder dienen Comicfigur Tank Girl und Sängerin Neneh Cherry. Frühe Konzeptzeichnungen zeigen Lara mit einem Strauss abgetrennter Köpfe. Ganz schön punkig für die Countess of Abingdon.

Mit den Köpfen in der Hand wirkt Lara knallhart.
Mit den Köpfen in der Hand wirkt Lara knallhart.
Quelle: Crystal Dynamics

Ohnehin ist in der Frühphase vieles anders. Laras Vater heisst noch Lord Henshingly Croft, den Vornamen Richard bekommt er erst für den Kinofilm von 2001. Ihre Eltern leben noch und meiden ihre Tochter bloss, weil ihnen ihr unaristokratischer Lebensstil missfällt. Und laut offizieller Biografie fürchtet Lara genau eine Sache auf dieser Welt: den Corgi ihrer Tante, der sie mehrfach gebissen hat.

Bei ihrem Debüt besteht Lara aus rund 250 Polygonen. Über die Jahre wächst die Zahl auf 6292 in «Legend» und 32 816 in «Underworld» (2008), was 2010 einen Guinness-Weltrekord als «detailliertester Videospielcharakter» einbringt. Bei «Rise of the Tomb Raider» (2015) sind es 200 000. Ein anderes Detail ist heute kaum vorstellbar: Im ersten Teil fehlt Laras berühmter Pferdeschwanz. Er kollidierte ständig mit ihrem Körper, weshalb ihn die Entwickler wieder entfernten.

Meine Liebe bröckelt

«Tomb Raider II» bringt 1997 Fahrzeuge in die Serie. Wer meinen Text zum Remaster gelesen hat, weiss, wie wenig ich davon halte. Neu ist ebenfalls Winston, Laras Butler. Im Spiel ist er technisch gesehen ein Gegner, weil er Lara ständig hinterherläuft. Ich und viele andere sperren ihn im Tiefkühlraum von Croft Manor ein. Denn beim Hindernisparcours im Garten kommt er mir ständig in die Quere und verhindert so neue Bestzeiten. Der Gag wird später Kanon. In einem DLC von «Rise of the Tomb Raider» gibt es eine Notiz, in der sich Winston über seine Beinahe-Unterkühlung beschwert.

Die Steuerung der Fahrzeuge im zweiten Teil war der Graus.
Die Steuerung der Fahrzeuge im zweiten Teil war der Graus.
Quelle: Crystal Dynamics

Teil 3 erscheint im November 1998. Erstmals ist ein Teil nicht mehr strikt linear und ich wähle zu Beginn zwischen drei Schauplätzen. Inzwischen bin ich 14 und als klassischer Spätzünder gerade dabei, meine Vorliebe für das weibliche Geschlecht zu entdecken. Da kommt mir das Sexsymbol Lara gerade recht. Dass ihre Oberweite ein Programmierfehler war, ist übrigens ein Mythos. Toby Gard antwortete auf eine deplatzierte Interviewfrage sarkastisch, daraus wurde die Legende. Lange halten mich Laras Brüste aber nicht. Das Gameplay, die Aufmachung und Geschichte sind einfach mehr vom selben. Wie auch die kommenden Teile.

Mit Teil 3 hat Lara definitiv den Status als Sexsymbol erreicht.
Mit Teil 3 hat Lara definitiv den Status als Sexsymbol erreicht.
Quelle: Crystal Dynamics

Lara-Mania: Vom Spiel zum Popstar

Lara wird nach dem Erfolg der ersten Teile zum Phänomen weit über die Spielebranche hinaus. Hier einige Beispiele:

  • Im Juni 1997 posiert sie im Magazin «The Face» in virtuellen Outfits von Gucci und Alexander McQueen. Bis April 2025 soll sie über 2300 Magazincover geziert haben.
  • Skateboards, Boxershorts, Zahnbürsten, Pralinen und Luxus-Füllfederhalter. Kaum ein Produkt, das nicht mit Lara bedruckt wird.
I'm a Barbie girl, in a Barbie world – Jup, auch eine Barbie Lara gibt es.
I'm a Barbie girl, in a Barbie world – Jup, auch eine Barbie Lara gibt es.
Quelle: Crystal Dynamics
  • Auch ihren Namen darf Lara weitergeben. So wachsen etwa Lara-Tulpen in Amsterdam. Ein Rennpferd darf hingegen nicht nach ihr benannt werden. Die Angst ist zu gross, der Gaul könnte gleich am ersten Hindernis scheitern.
  • 2002 unterschreibt nicht eine Darstellerin, sondern die digitale Lara einen Talentvertrag bei der Agentur Creative Artists Agency.
  • Paramount sichert sich im März 1998 die weltweiten Rechte für die Verfilmung. Angelina Jolie lässt sich für die Rolle von SAS-Soldaten trainieren und holt ihren echten Vater Jon Voight als Lord Croft vor die Kamera. Nach einem zweiten Teil schläft die Filmreihe ein, erlebt aber 2018 einen Reboot. Dieses Mal mit Alicia Vikander in der Hauptrolle. Aktuell laufen die Dreharbeiten für eine Live-Action-Serie auf Amazon Prime mit Sophie Turner als Lara.
Lara-Models gab es im Laufe der Jahre viele – und auch Schauspielerinnen. Alicia Vikander – hier im Bild – ist bereits wieder von Sohpie Turner abgelöst worden.
Lara-Models gab es im Laufe der Jahre viele – und auch Schauspielerinnen. Alicia Vikander – hier im Bild – ist bereits wieder von Sohpie Turner abgelöst worden.
Quelle: Crystal Dynamics

Absturz und Neustart

Von 1996 bis 2003 erscheint jedes Jahr ein neuer Teil. Das rächt sich. «The Angel of Darkness» (2003) hat allein mehr Grafiker als das komplette Vorgängerteam Mitarbeitende und wird trotzdem zum Tiefpunkt. Miese Kritiken und technische Probleme am Laufband. Dabei steckt Ambition drin. Lara schleicht erstmals und kauft ihre Waffen bei einem Pariser Pfandleiher. Die Musik nimmt Komponist Peter Connelly in den Abbey Road Studios auf. Ein Gag am Rand: Die Mona Lisa im Louvre-Level trägt Connellys Gesicht nach einer durchzechten Nacht, eingeschmuggelt von Programmierer Andrea Cordella.

Nach Teil 3 habe ich abgehängt. «The Angel of Darkness» habe ich nie gespielt.
Nach Teil 3 habe ich abgehängt. «The Angel of Darkness» habe ich nie gespielt.
Quelle: Crystal Dynamics

Der Neustart kommt 2006 mit «Legend» von Crystal Dynamics. Toby Gard kehrt als Co-Autor zurück und Zip und Alister am Headset sorgen dafür, dass Lara nicht mehr mit sich selbst reden muss. Das Remake des ersten Teils «Anniversary» (2007) führt ein Jahr später das erste freie Zielen der Serie ein. Für «Underworld» (2008) macht Crystal Dynamics die Bewegungsaufnahmen mit Turnmeisterin Heidi Moneymaker, die später Stammstuntfrau vieler Marvel-Filme wird.

Dank Turnmeisterin Moneymaker werden die Bewegungen von Lara realistischer
Dank Turnmeisterin Moneymaker werden die Bewegungen von Lara realistischer
Quelle: Crystal Dynamics

Diesen ersten Reboot verpasse ich komplett. Nicht wegen mangelndem Interesse, sondern Zeit. Im Gegensatz zu Kollege Phil, der wegen «World of Warcraft» eine Extrarunde im Studium drehen musste, lege ich damals meinen Fokus aufs Lernen statt Zocken.

Die Survivor-Trilogie macht aus Lara eine Überlebende

2009 sichert sich Square Enix die Rechte an «Tomb Raider» vom finanziell angeschlagenen Eidos. Der 2013er-Reboot heisst intern «Tomb Raider: Ascension» und ist ursprünglich ein Survival-Horror-Spiel auf einer Insel. Das Team kommt zum Schluss, dass das zu weit entfernt von «Tomb Raider» ist, und tauscht den Horror gegen das Überleben. Die Insel bleibt, weil sie Lara alles wegnimmt. Aus demselben Grund müssen die Doppelpistolen dem Bogen weichen, der Werkzeug und Waffe zugleich ist. Eine Million Exemplare verkaufen sich in 48 Stunden, bis heute sind es 14,5 Millionen. Damit ist es das erfolgreichste Spiel des Franchise.

Der Pfeilbogen ist der heimliche Star von «Tomb Raider» (2013).
Der Pfeilbogen ist der heimliche Star von «Tomb Raider» (2013).
Quelle: Crystal Dynamics

Mir gefällt die Neuausrichtung. Ich mag besonders, dass Lara menschlich wird. In den ersten Spielen ist sie die herzlose Terminatrix. Der Titel aus 2013 zeigt mir, wie sie zu dieser Person geworden ist. Die zwei Folgetitel sind zwar auch gut, bieten aber wie schon bei der originalen Trilogie mehr vom selben.

«Rise of the Tomb Raider» (2015) macht aus dem Überleben ein System, mit 16 Rohstoffen, Crafting im Laufen und «I Shall Rise» von Karen O als Titelsong. «Shadow of the Tomb Raider» (2018) kommt federführend von Eidos Montreal und baut mit Paititi den bis dahin grössten Hub der Serie. Der bleibende Beitrag des dritten Teils ist die Barrierefreiheit, denn Schwierigkeitsgrade beim Klettern, Kampf und Rätsel lassen sich getrennt einstellen, was dem Studio einen Auftritt am Game Accessibility Summit in Paris einbringt.

Mir gefällt Laras menschliche Seite in der Survivor-Trilogie.
Mir gefällt Laras menschliche Seite in der Survivor-Trilogie.
Quelle: Crystal Dynamics

Rückkehr zu den Wurzeln

2022 geht es Square Enix schlecht, weshalb der Publisher die Rechte an «Tomb Raider» der Embracer Group verkauft. Die plant, die Geschichte um Lara nach «Underworld» von 2008 mit «Tomb Raider: Catalyst» weiterzuerzählen. Zunächst erscheint aber ein zweites Remake des ersten Teils: Am 12. Februar 2027 kommt «Tomb Raider: Legacy of Atlantis».

Das Spiel entsteht bei Flying Wild Hog und Crystal Dynamics. Spannend finde ich, wie das Spiel die beiden Laras zusammenbringen wird. Die Survivor-Trilogie ist erzählerisch die Vorgeschichte zur Figur von 1996 und damit auch «Legacy of Atlantis». Bleibt Lara die kühle Terminatrix oder zeigt sie ihre menschliche Seite?

Der T-Rex feiert 2027 sein Comeback.
Der T-Rex feiert 2027 sein Comeback.
Quelle: Crystal Dynamics

An der Gamescom durfte ich bereits einen kurzen Blick auf die neue Lara werfen. Es war aber mehr Gameplay, von der Figur Lara habe ich wenig gesehen. Dafür Laras Pferdeschwanz. 1996 flog er raus, weil er mit ihrem Körper kollidierte. 2027 simuliert ihn die Engine so genau, dass er sich im Rucksack verhängen und wieder lösen kann. 30 Jahre Fortschritt, gemessen an einem Haarbüschel.

Fünf Leute haben 1996 ein Spiel gebaut, das die dritte Dimension im Wohnzimmer salonfähig machte. Von 250 Polygonen auf 200 000, vom Telefonbuchnamen zur Countess mit eigener Tulpensorte.

Alles Gute zum 30. Geburtstag, Lara. Und lass Winston bitte aus dem Tiefkühlraum, bevor er erfriert.

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Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist meine Leidenschaft.


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