
Wie die Polaris in Hamburg für mich zur «Zelda»-Quest wird
Eigentlich will ich auf der Gaming-Messe Polaris Neues entdecken. Stattdessen fühle ich mich von den vielen Eindrücken erschlagen. Erst eine selbst gewählte «Zelda»-Quest verändert meinen Messebesuch.
Wohin zuerst? Zu den Bühnen, an denen sich die Menschen drängen? Zu den zahlreichen Künstlerständen? Oder doch ein Tabletop-Spiel ausprobieren? Ich stehe mitten auf der Polaris in Hamburg und weiss nicht, wo ich anfangen soll. Überall gibt es etwas zu entdecken, aber nichts zieht mich so richtig an.
Normalerweise sitze ich zu Hause am Schreibtisch und schreibe. Mit dem Trubel einer großen Messe habe ich wenig Erfahrung. An diesem verregneten Freitag Anfang Oktober bin ich allerdings zusammen mit Michelle und Kim auf der Gaming- und Cosplay-Messe Polaris unterwegs. Mein Plan: Einfach mal schauen, was mich interessiert.
Doch je länger ich durch die Hallen laufe, desto deutlicher wird mir, dass dieser Plan nicht aufgeht. Von japanischer Popkultur und Tabletop-Spielen habe ich kaum Ahnung. Cosplays finde ich interessant, aber mir fehlen die Berührungspunkte. Ich bin komplett lost.
Bis ich unerwartet über eine Quest stolpere und mich auf die Spuren von «The Legend of Zelda» begebe. Dabei finde ich nicht nur viel Sehenswertes, sondern reise auch zu mir selbst zurück.

«The Legend of Zelda» wird meine Quest
Doch zurück zum Eingang der Messe. Ich weiß nicht, wohin. Es ist einfach zu viel los. Als Kind der Achtzigerjahre kommt mir dann der Retro-Flohmarkt im ersten Stock gerade recht. Hier stapeln sich alte Konsolen und Spiele. Sofort fühle ich mich wohl.

Noch besser wird es, als mein Blick an einem schwarzen Heft mit goldenem Logo hängen bleibt. Es liegt etwas versteckt auf einer Ablage hinter einem Retrostand, fast so, als würde es auf mich warten. Ich muss den Schriftzug gar nicht lesen, um zu wissen, was ich sehe: den offiziellen Spieleberater zum N64-Spiel «The Legend of Zelda: Ocarina of Time».

Na, das ist doch was. Das Game rangiert zusammen mit «A Link to the Past» (Super Nintendo) ganz oben auf der Liste meiner absoluten Lieblingsspiele. Ich freue mich wie irre auf das «Ocarina of Time»-Remake, das in wenigen Wochen erscheint. Dafür habe ich extra Urlaub genommen. Außerdem reise ich im kommenden Jahr nach Stockholm, um dort das «Zelda»-Soundtrack-Orchester zum 40. Geburtstag meiner Lieblingsspielreihe live zu erleben. Kurz gesagt: Ich halte mich für den größten «Zelda»-Fan der Welt.
Den Spieleberater zu «A Link to the Past» besitze ich seit den Neunzigern. Das Exemplar zu «Ocarina of Time» sehe ich auf der Polaris dagegen zum ersten Mal. Ich frage den Standbesitzer, ob ich das Heft mal anschauen darf. «Klar», sagt er, zieht es aus der Schutzhülle und reicht es mir. Eine Rarität ist das Heft zwar nicht, aber ein schönes Sammlerstück, das Erinnerungen an das Spiel weckt. Hach.
Ich blättere ein wenig und frage nach dem Preis. «99 Euro», sagt der Verkäufer. Puh. Ich bin zwar ein Riesen-Fan, aber trotzdem ein Mensch der Vernunft. Bei aller Liebe: Das Heft ist nicht drin.

Doch jetzt weiß ich, was ich will. Die Messe gibt mir eine Quest und ich nehme sie an. Die Polaris wird zu meiner Spielwelt und ich begebe mich auf «Zelda»-Spurensuche. Das Ziel ist, ein schönes Andenken mit nach Hause zu nehmen. Was das genau sein soll, weiß ich noch nicht. Hauptsache, es berührt mich.
Meine Reise durch die «Zelda»-Welt
Jetzt läuft mein Real-Life-Open-World-Game «Polaris» besser. Ich fühle mich wie damals in «Ocarina of Time», als ich erstmals den Kokiri-Wald verließ und plötzlich die Hylianische Steppe vor mir lag. Das Tutorial habe ich hinter mir. Jetzt verfolge ich ein Ziel.
Die Stände, die ich zuvor nur flüchtig betrachtet habe, schaue ich mir jetzt genauer an. Auch habe ich keine Hemmungen, die Menschen auf «Zelda»-Artikel anzusprechen. Jeder Fund freut mich. Ich entdecke ein paar Spiele und Spezialeditionen, die ich längst vergessen hatte oder noch gar nicht kannte.

Die «Hyrule Edition» des Nintendo 3DS XL aus dem Jahr 2016 habe ich beispielsweise noch nie gesehen. Das wundert mich nicht, denn ich war nie ein großer Fan von Nintendos Handhelds vor der Switch. Diese goldene Edition mit dem großen Wappen finde ich jedoch wirklich hübsch. Als Studentin hätte mir damals ohnehin das Kleingeld dafür gefehlt.

Über «A Link to the Past» in der schwarz-goldenen Packung freue ich mich ebenfalls sehr. Ich habe das Game in der rot umrandeten «Super Classic Series»-Packung gekauft, die mir schon damals nicht so gut gefiel. Die Variante mit schwarzem Rand habe ich Mitte der Neunziger leider nicht gefunden, als ich endlich genug Taschengeld für die SNES und das Spiel angespart hatte.

Passend dazu finde ich an einem anderen Stand eine Super-Nintendo-Konsole mit Custom-Folie im «A Link to the Past»-Look. Die Artworks zu diesem Spiel liebe ich bis heute, weil sie die Welt größer wirken lassen, als sie technisch eigentlich sein konnte.

Eine besondere Entdeckung wartet am nächsten Stand auf mich: ein limitiertes Bundle mit dem Game Boy Advance SP im goldenen Hyrule-Design und dem Spiel «The Minish Cap». 400 Euro will der Verkäufer für dieses Bundle haben. Der UVP betrug rund 130 Euro. Ich staune – denn diese Limited Edition besitze ich selbst. Meine Eltern haben sie mir 2004 zum Geburtstag geschenkt. Eigentlich betrachteten sie meine Spiele-Liebe immer mit Argwohn, aber hier wollten sie mir eine echte Freude bereiten.
Das ist ihnen gelungen. Trotzdem war «The Minish Cap» für mich nur ein Handheld-Spiel und keines der «richtigen» Games für eine TV-Konsole. Nach dem ersten Durchspielen verschwand der Game Boy daher auch schnell in einer Schublade. Im Laufe der Zeit habe ich sogar das Netzteil verloren.
Als ich das Bundle auf der Polaris sehe, wird mir bewusst, wie sehr ich das Geschenk unterschätzt habe. Es ist nicht nur eine Limited Edition meiner Lieblingsspielreihe – sondern es zeigt mir, dass meine Eltern damals trotz ihrer Vorbehalte verstanden haben, wie wichtig mir dieses Hobby war. Jetzt möchte ich den Game Boy aufklappen und das Spiel wieder starten.
Ich frage den Verkäufer, ob er zufällig ein passendes Netzteil hat. Hat er nicht. Schade. Aber egal, dann bestelle ich eben eines. Ob mein Game Boy noch läuft, erfahre ich in ein paar Tagen.

Eine unerwartete Begegnung mit dem Horror-Kid
Mehr als eine Stunde verbringe ich an den Ständen des Retro-Flohmarkts. Dann wartet der Rest der Messe auf mich. Mit meiner Main-Quest im Kopf scanne ich die vielen Ausstellungsstände. «The Legend of Zelda» ist wahrlich kein Randphänomen: Auch einige Künstlerinnen und Künstler, die ihre Werke in der Artist Gallery anbieten, lassen sich davon inspirieren. Die Künstlerin Reyhan, die hauptsächlich altägyptisch angelehnte Motive zeichnet, hat etwa ein großes Faible für «Zelda»-Fan-Art.

Besonders staune ich, als ich irgendwo verloren im Tabletop-Bereich einen jungen Mann mit abgerissenen Klamotten in einer großen Tasche kramen sehe. Neben ihm liegt eine Maske, die ich sofort erkenne: die namensgebende Maske aus «The Legend of Zelda: Majora’s Mask». Was für eine ungewöhnliche Begegnung: Ein Horror-Kid-Cosplay habe ich noch nie gesehen und der Mann wirkt jünger als das Spiel aus dem Jahr 2000.

Quelle: Nintendo
Ich spreche ihn an und frage, wie er auf die Idee für das Kostüm gekommen ist. Durch den Umgebungslärm hat er wohl meine Frage nicht richtig verstanden und erklärt mir stattdessen, wie er die Maske angefertigt hat: Sie stammt aus dem 3D-Drucker und das virtuelle Modell hat er selbst erstellt. Nur mit der Bemalung ist er nicht so zufrieden: Die Farben kommen nicht so markant heraus wie beim Vorbild.
Auch das restliche Kostüm hat er selbst angefertigt. Besonders wichtig war ihm, dass das Resultat nicht wie frisch aus dem Klamottenladen aussieht. Deswegen hat das Gewand Löcher und Flecken, die es tatsächlich viel authentischer wirken lässt. Ich bin jedenfalls beeindruckt und frage, ob ich ein Foto machen darf. Das Aufsetzen von Kopfbedeckung und Maske ist allerdings gar nicht so einfach. Ich befürchte schon, dass ein Kunststoffteil abbricht, doch am Ende sitzt alles. Das Cosplay ist wirklich super gelungen: Es orientiert sich eng an der Spielvorlage, ergänzt sie aber um eigene Details.

Abschluss der Hauptquestreihe
Beschwingt schlendere ich nach meiner Begegnung mit dem Horror-Kid weiter durch die Künstler- und Tabletop-Halle. Da ploppt die nächste Quest auf: Kollege Kim schickt mir ein verschwommenes Bild. Er ist bereits in einer anderen Halle unterwegs und hat an einem Stand zwei offizielle «Zelda»-Bücher von Nintendo entdeckt.

Quelle: Kim Muntinga
Von diesen Büchern, die unter anderem die Timeline der gesamten Spielreihe oder Infos und Artworks zu einzelnen Games enthalten, gibt es mehrere. Sie sind schön aufgemacht und enthalten viele hübsche Illustrationen. Zwei davon, «Hyrule Historia» und «The Legend of Zelda: Breath of the Wild - Das offizielle Buch» habe ich bereits. Doch die Bücher, die Kim entdeckt hat, kenne ich noch nicht.
Neugierig frage ich ihn, wo er sie gesehen hat. Es folgt eine präzise Wegbeschreibung: «B7 Gate 8 rechts dann Cyberdome und gleich rechts ist der Shop». Diese Quest nehme ich an. Halle B7 und Eingang 8 lassen sich leicht finden, auch der Cyberdome-Bereich ist nicht zu übersehen. Aber «gleich rechts» gibt es keine begehrten «Zelda»-Bücher, sondern nur Merchandise des YouTubers Gronkh. Das Foto gibt auch keine Hinweise darauf, wie der Stand gestaltet ist. Mehrmals laufe ich durch die gesamte Halle, wünsche mir eine Minimap mit Zielmarker und zweifle an meiner (und Kims) mentalen Gesundheit. Das Quest-Design ist definitiv ausbaufähig.
Am Ende finde ich den Stand doch und kaufe mir das Buch «Art & Artifacts». Und es enttäuscht nicht. Auf über 300 Seiten versammelt es zahlreiche wunderschöne Illustrationen aus der Geschichte der Spielreihe. Dazu kommt ein umfangreiches Interview mit den Nintendo-Künstlern, die die Artworks entworfen haben.

Für Fans wie mich ist das Buch ein Schatz. Und die passende Belohnung für meine «Zelda»-Quest auf der Polaris. Meine Vorfreude auf das Remake von «Ocarina of Time» ist jedenfalls noch einmal gewachsen. Doch die wichtigste Entdeckung meiner Spurensuche war kein Sammlerstück. Es war die Erinnerung daran, wie viel mir diese Spiele bedeuten und wie sehr sie mich bis heute begleiten. Die Messe hat mich anfangs überfordert. Mit meiner eigenen Quest wurde sie zu einem Ort voller persönlicher Entdeckungen.
Fühlt sich vor dem Gaming-PC genauso zu Hause wie in der Hängematte im Garten. Mag unter anderem das römische Kaiserreich, Containerschiffe und Science-Fiction-Bücher. Spürt vor allem News aus dem IT-Bereich und Smart Things auf.
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