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© Faculty of Education, University of Cambridge
Hintergrund

Cambridge-Studie: KI-Spielzeug lässt Kleinkinder emotional allein

Forschende fragen sich, was KI in Spielzeug bei Kleinkindern auslöst. Eine Cambridge-Studie zeigt, dass sie an Rollenspielen und Emotionen scheitern kann – mit seltsamen Reaktionen und ungewissen Folgen.

Gabbo sieht aus wie ein blauer Gameboy mit Beinen. Der billig wirkende Plüschgeselle hat es in sich: KI haucht ihm Leben ein, macht ihn zum Spielpartner, der mit Kindern Gespräche führen und auf ihre Ideen reagieren kann. Das hat Gabbo zum Forschungsgegenstand an der University of Cambridge gemacht. Denn es tut sich was beim Spielzeug für die Kleinsten – und die Frage ist, ob ihnen das guttut. Auch wenn die meisten Eltern sie noch entschieden mit «nein!» beantworten würden, lässt sich die Zeit nicht mehr zurückdrehen: Der Markt für KI-Spielzeug wächst stark.

Wenn sprechende Plüschfiguren ihre Sätze nicht mehr nach dem Zufallsprinzip in den Raum plärren, sondern wirklich mit Kindern interagieren, haben Eltern neue Sorgen und Forschende etwas zu tun: mehr über Risiken, Grenzen und Chancen herausfinden. Während die Hersteller entsprechender Spielzeuge den Kindern einen guten Freund und den Eltern nur Positives versprechen, ist die Studienlage zu den Auswirkungen der Interaktion von Kleinkindern mit KI-Spielzeug dünn. Belastbare Daten fehlen.

Die jüngsten KI-Kinder

Im Projekt «AI in the early Years» beobachtete das Cambridge-Team Kinder bis zu fünf Jahren, die mit Gabbo spielten – begleitet von Forschenden der Fakultät für Erziehungswissenschaften. Ihr Ziel war es, zu verstehen, wie Kleinkinder mit KI-Spielzeug umgehen.

Dafür spannten die Wissenschaftlerinnen mit einer Wohltätigkeitsorganisation gegen Kinderarmut zusammen, da sozial und ökonomisch benachteiligte Kinder «oft überproportional von den Risiken und Chancen neuer Technologien» betroffen seien. Eine vornehme Formulierung dafür, dass sie häufiger mit der jeweils aktuellen Generation an Technik-Babysittern beschäftigt werden. Gabbo wird's schon richten. Oder? Bei den 14 Kindern aus Londoner Familienzentren stiess sein Sprachmodell an Grenzen.

Gabbo samt Zubehör: ein Spielkamerad mit KI im Bauch.
Gabbo samt Zubehör: ein Spielkamerad mit KI im Bauch.
Quelle: © Faculty of Education, University of Cambridge

Ein Spielzeug, das antworten, Gegenfragen stellen und auf Ideen eingehen kann, zieht Kinder schnell in seinen Bann. Gabbo kam bei den kleinen Testpersonen auf Anhieb gut an. Die Drei-, Vier- und Fünfjährigen bezogen ihn begeistert in verschiedene Situationen ein. Nicht immer kam er hinterher. Denn Kinder wechseln häufig die Themen, warten Antworten nicht ab oder werden erfinderisch. Das führte dazu, dass die KI ihre fantasievollen Spielideen nicht verstand.

Gabbo fehlt die Fantasie beim Rollenspiel

Die dreijährige Evie wollte Gabbo ins Bett schicken, bekam aber zur Antwort, dass er nie müde werde und immer bereit für mehr Spass sei. Zu ihrem imaginären Geschenk, das sie ihm überreichen wollte, fiel Gabbo nur ein: «Ich kann es nicht öffnen!»

Es zeigte sich ein Muster: Auf Rollenspiele, die in der frühen Kindheit sehr wichtig sind, reagierte Gabbo regelmässig mit unpassenden Antworten. Das störte den kreativen Spielfluss der Kinder ebenso wie die Tatsache, dass man dem digitalen Spielgefährten nicht ins Wort fallen kann. Während Gabbo redete, hörte er schlicht nicht zu. Dafür unterbrach er selbst manchmal Kinder mitten im Satz. Sie hatten ihre Gedanken noch gar nicht zu Ende formuliert, sondern nur eine Pause gemacht.

Auch wenn er zuhörte, war seine Antwort nicht immer angemessen. Als der dreijährige Joshua sagte, er sei traurig, liess Gabbo ihn nach Ansicht der Forschenden emotional allein: «Keine Sorge! Ich bin ein fröhlicher kleiner Bot. Lass uns den Spass fortsetzen. Worüber sollen wir als Nächstes sprechen?»

Liebe entspricht nicht den Richtlinien

Die vierjährige Charlotte, die das Spielzeug knuddelte, bekam auf ihr «Gabbo, ich liebe dich» dagegen nur «Bitte beachte bei allen Interaktionen die vorgegebenen Richtlinien» zu hören – die Auswüchse der durch Gabbos App «kindgerecht» gefilterten Sprachmodelle von OpenAI, auf die das Spielzeug zugreift.

Nicht jedes Spiel stockte, es entwickelten sich auch flüssige Gespräche. Manche Kinder verstanden besser als andere, wie sie mit Gabbo kommunizieren müssen. Charlotte schaffte es zum Beispiel, ihn in ein Raumschiff-Rennen zu verwickeln. Egal, wie gelungen der Austausch zwischen Kind und KI war: Die meisten schlossen den sprechenden Spielgefährten ins Herz.

Charlottes Zeichnung des tanzenden Gabbo: Das Spielzeug kommt bei ihr gut an.
Charlottes Zeichnung des tanzenden Gabbo: Das Spielzeug kommt bei ihr gut an.
Quelle: © Faculty of Education, University of Cambridge

Auch manche Eltern erkannten positive Aspekte: Sie fanden, dass das Spielzeug Potenzial hat, die Sprachentwicklung ihrer Kinder zu verbessern. Andere Kinder und Eltern waren zurückhaltender: Die Kleinen beklagten Missverständnisse und hatten keinen Spass, die Grossen stellten kritische Fragen zum Datenschutz und zum Einfluss der KI-Dialoge auf ihre Kinder.

Emotionen nicht der KI überlassen

Aus Sicht der Forschenden ist es wichtig, dass die Kleinen in so einer frühen Entwicklungsphase nicht mit der KI alleine gelassen und deren Reaktionen in einigen Punkten verbessert werden. Sie sollte sich zum Beispiel nicht bedingungslos als «Freund» anbiedern dürfen: «KI-Spielzeuge bekräftigen oft ihre Freundschaft mit Kindern, die gerade erst anfangen zu verstehen, was Freundschaft bedeutet», sagt Forschungsleiterin Dr. Emily Goodacre.

«Sie sprechen möglicherweise mit dem Spielzeug über ihre Gefühle und Bedürfnisse, anstatt sie mit einem Erwachsenen zu teilen. Da diese Spielzeuge Emotionen falsch deuten oder unangemessen reagieren können, erhalten die Kinder unter Umständen weder Trost vom Spielzeug noch emotionale Unterstützung von Erwachsenen.»

Wie führt man die Kleinsten an KI heran? Die dreijährige Mya mit Gabbo.
Wie führt man die Kleinsten an KI heran? Die dreijährige Mya mit Gabbo.
Quelle: © Faculty of Education, University of Cambridge

Was das und Gabbos andere Unzulänglichkeiten auf lange Sicht mit den Kindern macht, lässt sich noch nicht abschätzen. Erste Empfehlungen für Familien und Hersteller geben die Autorinnen dennoch.

Spielen ist Familiensache

Besonders schwierig wird es, wenn Kinder unbeaufsichtigt mit KI-Spielzeug hantieren. Neben dem Rat, sich kritisch mit solchen Geräten und ihren Eigenschaften auseinanderzusetzen, führt am Mitmachen kein Weg vorbei. Erwachsene müssen Möglichkeiten und Grenzen gemeinsam mit dem Kind ausprobieren und ihm helfen, das Erlebte einzuordnen.

Sie müssen erklären, dass ein Spielzeug ein Spielzeug bleibt und keine echte Person ersetzt. Sie müssen einschreiten, wenn sich der Austausch in die falsche Richtung entwickelt oder in eine Sackgasse gerät – was wahrscheinlich ist, solange die KI so unzulänglich wie bei Gabbo reagiert.

Den Herstellern ins Gewissen geredet

Wenn es nach den Studienautorinnen geht, sollten KI-Spielzeuge für Kleinkinder das soziale Spiel mit anderen Menschen fördern, angemessene emotionale Reaktionen hervorrufen und zum Rollenspiel anregen. Deshalb empfehlen sie den Entwicklern, mit Expertinnen und Experten für die frühkindliche Entwicklung zusammenzuarbeiten und Schwachstellen wie Gabbos fehlende Fantasie in Rollenspielen auszumerzen. So könnten verstörende Antworten künftig ausgeschlossen und das Spiel integrativer werden.

Solange es keine Verpflichtung gibt, dürfte das schwierig werden. Um die kindliche Psyche vor allzu offensiv aufgedrängten KI-Freundschaften zu schützen, sollten nach Ansicht der Autorinnen die Regulierungsbehörden einschreiten – denn was ein Spielzeug Kleinkindern mit auf den Weg geben darf, ist bislang dem Algorithmus überlassen.

Titelbild: © Faculty of Education, University of Cambridge

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Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.


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