
Halb Baumwolle, halb Banane: Ich habe diese Bananatex-Bettwäsche getestet
Leinen, Hanf, Musselin: Bei Bettwäsche dachte ich, ich hätte alles durch. Dann legt mir Lavie einen Stoff hin, der zur Hälfte aus einer Bananenart besteht. Weich, dicht gewoben und robuster als Baumwolle, sagt die Schweizer Marke. Wie er sich im Alltag anfühlt, habe ich mehrere Wochen lang geprüft.
Ich bin mit einer klaren Vorstellung im Kopf in den Lavie-Showroom nach Zürich gefahren, um dort ein Muster für den Test abzuholen: steif, rau, ein bisschen wie Segeltuch. Bananatex kenne ich bisher nämlich von Taschen. Und Taschen müssen einiges aushalten. Dann halte ich die Bettwäsche «Liam» in der Hand und korrigiere mich sofort. Der Stoff ist weich, leicht und fällt trotzdem glatt. Ob das so bleibt, werden die nächsten Wochen zeigen.
Eine Frucht, die niemand isst
Die Faser heisst eigentlich Abacá. «Das ist eine Bananenpflanze, deren Frucht man nicht isst», erklärt mir Oliver Balsiger, Geschäftsleiter der Balsiger Textil AG, zu der Lavie gehört. «Sobald sie die Frucht bekommt, stirbt der Stamm ab und ein neuer wächst aus der Blattscheide nach. Das ist ein Abfallprodukt, das für die Fasergewinnung aus dem Ökosystem herausgenommen wird, wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten.»



Auf den Philippinen drehen die Menschen daraus seit jeher Schiffstaue und Fischernetze. Ins Bett kam das Material über einen Umweg, und der führt über das Zürcher Label Qwstion, das wir ebenfalls im Sortiment führen. Die Gründer suchten ein langlebiges, kreislauffähiges Material und stiessen auf Abacá. Der Vorteil liegt in der Faserlänge: Baumwolle ist weich, aber kurz, Abacá liefert lange und reissfeste Fasern, wie Qwstion-Mitgründer Christian Kägi im Interview mit meiner Kollegin Laura Scholz erklärt.
Aus dieser Faser entwickelte Qwstion das Material Bananatex und stellt es auch anderen Brands wie Lavie zur Verfügung, statt es für sich zu behalten.
Bananatex oder einfach Bananenfaser? Ein Unterschied, der zählt
Abacá ist nicht gleich Abacá. «Das Material heisst offiziell Abacá. Das gibt's auch an anderen Orten auf der Welt, industriell angebaut, auch in Monokultur», sagt Balsiger. Bananatex ist dagegen die Marke eines bestimmten Garns mit einer bestimmten Herkunft: von den Philippinen, aus Permakultur. Die Abacá-Pflanze wächst dort in einer Mischkultur, die einem natürlichen Ökosystem nachempfunden ist, zusammen mit Teak und Kakao. Künstlich bewässert wird nicht.
Ein Zertifikat trägt Bananatex heute keines mehr. Anfangs liess Qwstion das Material nach Cradle to Cradle prüfen, auf eine Rezertifizierung verzichtete die Marke aus Kostengründen. Die Lieferkette bleibt trotzdem vollständig nachvollziehbar, vom Feld bis zum Gewebe.

Wer künftig «Bananenfaser» auf einem Etikett liest, schaut also besser genau hin. Der Rohstoff allein verrät wenig darüber, wie die Pflanze gewachsen ist.
Wie aus einer harten Faser ein Garn wird: über den Umweg Papier
Abacá lässt sich nicht verspinnen wie Baumwolle, die Faser ist zu lang und zu zäh. Also nimmt sie den Umweg über Papier. «Im Prozess wird die Faser chemisch aufgelöst und zu Papier gegossen, so wie man es früher geschöpft hat», beschreibt Balsiger. «Dann wird das Papier endlos in ganz dünne Fäden geschnitten und diese werden zu Garn versponnen.»
Dass Papier als Zwischenschritt taugt, ist kein Zufall. Die Papierindustrie arbeitet seit den 1970er-Jahren mit Abacá, weil es auch nass nicht reisst. Teebeutel bestehen daraus, einzelne Banknoten ebenfalls.
Der Weg ist lang: Rohstoff von den Philippinen, Pulpe aus Taiwan, per Schiff nach Portugal, wo Lavie webt und näht. Das Design entsteht in Zürich.
Warum halb und halb
Lavie webte zuerst eine Variante aus 100 Prozent Bananatex. Sie liegt im Archiv. «Das war ein cooler Test, aber für unsere Zwecke nicht ideal: zu schwer und von der Haptik zu rau fürs Bett», sagt Balsiger. «Zusätzlich liess sich das Garn in der Kette nicht gut verarbeiten, weil es zu wenig Konsistenz hatte.»
Die Antwort steckt in der Webart: «Kette Bio-Baumwolle, Schuss Bananatex. Das verbindet die Weichheit der Baumwolle mit der eher kühlen, super resistenten Haptik des Bananatex.» Die beiden Fasern treffen also erst im Webstuhl aufeinander, nicht im Garn. Zusätzliche Chemikalien braucht es dafür keine. Andere Verhältnisse probierte Lavie nie aus, 50 zu 50 war der erste und einzige Versuch.
Beim Gewicht liegt «Liam» mit rund 150 Gramm pro Quadratmeter genau dazwischen: Baumwolle wiegt bei Lavie etwa 120 Gramm, Leinen 175.
Erster Eindruck: weich und doch knackig genug
Nach dem ersten Waschen und Aufziehen ist klar: Das Gewebe wirkt nicht fluffig, sondern dicht, und es fällt alles andere als schlaff. Auf der Haut fühlt es sich kühl an, weniger streng als Leinen, aber spürbar frischer als meine Baumwollbezüge.
Im direkten Vergleich mit meinen bisherigen Testkandidaten liegt «Liam» dazwischen: Der Musselin aus Lyocell ist weicher und luftiger, zieht aber schneller Fäden. Die Hanf-Bettwäsche fühlt sich gröber und wärmer an. «Liam» kombiniert die glatte Oberfläche der einen mit der Robustheit der anderen.

Im Alltag: der Test über mehrere Wochen
Ich teste «Liam» vom Spätsommer bis in den Herbst. Im Sommer überzeugt mich der kühlende Effekt sofort. Im Herbst funktioniert er anders, aber genauso gut: Beim Reinschlüpfen ist die Decke kurz frisch, dann wärmt sie sich an und bleibt angenehm. Das kommt mir entgegen, weil ich nachts und vor allem morgens viel Wärme abgebe. Auch am Morgen ist die Bettwäsche nicht klamm.
Nach dem Waschen interessiert mich vor allem, ob die Form bleibt. Waschen darf ich bei 60 Grad, der Trockner ist erlaubt. Das ist bei Naturfaser-Mischungen nicht selbstverständlich und spricht für den Alltag. Dank Garment-Wash-Finish schrumpft die Bettwäsche laut Balsiger nicht mehr als ein bis zwei Prozent. Nach mehreren Wäschen kann ich das bestätigen: Die Masse stimmen, nichts hat sich verzogen.

Balsiger selbst schläft seit rund einem Jahr darauf: «Sie ist extrem resistent, pillt nicht, verliert kein Material. Sie bleibt perfekt in Form und behält die Haptik der Oberfläche. Gegenüber unseren anderen Produkten ist sie nochmals langlebiger.» Und, mit Blick auf den Rest des Markts: «Gewisse Bettwäsche ist zwar superweich, verliert aber mit der Zeit die Farbe. Das kennt jeder.»
Details, die auffallen
Am besten gelöst finde ich den Kissenbezug. Er kommt ganz ohne Verschluss aus, weder Knöpfe noch Reissverschluss, sodass nichts nachts im Weg ist. Einzig bei der ungefärbten Variante schimmert das Etikett auf einer Seite durch. Das stört mich nur kurz, denn ich drehe diese Seite einfach nach unten.




Für andere wegen des Aufwands vielleicht ein Nachteil, für mich ein Pluspunkt: Am Bezug sitzen Knöpfe statt eines Reissverschlusses, der meist als Erstes den Geist aufgibt und aufwendig zu ersetzen ist. Einen abgerissenen Knopf dagegen nähe ich in zwei Minuten wieder an. Dazu kommt die Optik. Die Knöpfe halten sich zurück, genau wie das Pflegeschild, das innen in der Leiste verschwindet.
An den Ecken sitzen Bändel, mit denen ich die Decke fixiere. Bei anderen Sets vermisse ich genau das.
Drei Farben
«Undyed ist die ungebleichte, ungefärbte Variante. Wir inkludieren die in jede Kollektion, es gibt sie in Baumwolle, Leinen, Hanf und bei den Steppdecken», sagt Balsiger. «Die Natur macht die schönsten Farben.»
Coconut bedient den Braun-Trend, Avocado setzt einen frischeren Grünton daneben. Die drei Farben ergeben eine eigene Karte, die in sich stimmt und sich mit anderen Lavie-Linien kombinieren lässt. Interessant: Auch bei Qwstion mögen die Gründer das ungefärbte Off-White am liebsten, das im Prozess von selbst entsteht. Die Kundschaft greift trotzdem vor allem zu Schwarz. Ob bei Bettwäsche die natürliche Farbgebung beliebter ist, wird sich zeigen.

Der Haken: ein Mischgewebe
Sonst arbeitet Lavie ausschliesslich mit Monomaterialien. Bei «Liam» macht die Marke eine Ausnahme, und Balsiger benennt den Haken offen: «Grundsätzlich machen wir keine Mischgewebe. Hier gehen wir einen Kompromiss ein. Aber Baumwolle und Abacá sind beides Zellstoffe, man kann das chemisch rezyklieren. Im mechanischen Recycling ist es hart, man kann es nicht wie ein 100-Prozent-Monomaterial recyceln. Wichtig ist: Es ist keine Mischung mit Polyester.»
Zum Vergleich: Beim Ende des Produktzyklus ist Qwstion schon weiter. Dort konstruieren sie die Taschen so, dass sich die wenigen Metallteile abtrennen lassen und der Rest kompostiert werden kann. Bei einem Gewebe aus zwei Zellstoffen wäre das theoretisch ebenfalls denkbar, einen konkreten Rückgabeweg für die Bettwäsche gibt's bislang aber nicht.
Der Anbau von Hand und das aufwendige Garn machen den Stoff teurer als reine Baumwolle. Damit liegt «Liam» preislich auf dem Niveau von Leinen. Erhältlich ist die Bettwäsche in den gängigen Grössen. Ob sich der Aufpreis über die Jahre auszahlt, kann ich nach einigen Wochen noch nicht beweisen. Ich liefere nach.
Fazit
Weich, gleichzeitig crisp und ehrlich im Kompromiss
Pro
- weiche Haptik mit gutem Stand im Gewebe
- Abacá ist ein Abfallprodukt aus Permakultur ohne künstliche Bewässerung
- kein Intimate Blend, darum keine zusätzlichen Chemikalien für die Mischung
- Bio-Baumwolle in der Kette
- Garment-Wash-Finish, maximal ein bis zwei Prozent Nachschrumpf
- Bändel zur Deckenfixierung vorhanden
- Knöpfe statt Reissverschluss
- bleibt nach mehreren Wäschen in Form, kein Pilling
- bei 60 Grad waschbar, Trockner erlaubt
- Lieferkette vollständig nachvollziehbar
Contra
- Mischgewebe, mechanisch kaum rezyklierbar
- lange Transportkette von den Philippinen über Taiwan nach Portugal
- Etikett schimmert bei der ungefärbten Variante durch
- Preis auf Leinen-Niveau, deutlich über Baumwolle
Mit der Begeisterung eines Cheerleaders feiere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratiere ich einfache, aber raffinierte Interior-Entdeckungen, spüre Trends auf und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
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