

Im Labyrinth der Zahnpasta-Abteilung
Wie entscheidet man sich für eine Zahnpasta? Bin ich eher der Typ «Sensitive Professional Repair» oder «Expert Protect Dual Action»? Ein Streifzug durch ein überbordendes Produktsortiment.
Meine Dentalhygienikerin hat mir empfohlen, eine Zahnpasta zu benutzen, die speziell für empfindliche Zähne geeignet ist. Konkret nannte sie mir Elmex Sensitive Professional und Sensodyne.

«Elmex Sensitive Professional». Wow. Ich putze also meine Zähne ab sofort professionell. Tja, da könnt ihr Amateure nicht mithalten. Der Geschmack ist allerdings nicht so mein Fall, weswegen ich auch noch Sensodyne ausprobieren will.
«Sensodyne Clinical Repair». Tönt gut. Nach spezialisierten Fachärzten an einem renommierten Spital. «Beginnt empfindliche Zähne in 2 Minuten zu reparieren.» Mich würde zwar eher interessieren, wann die Reparatur fertig ist als wann sie beginnt, aber man kann nicht alles haben. Neu ist sie auch noch, steht da. Neu ist immer gut.
Aber warte mal. «Sensodyne Repair & Protect» repariert nicht nur, sondern schützt auch. Das ist wohl noch besser. Warum nur reparieren, wenn man sich auch schützen kann? Kostet ausserdem nicht mehr. Warum gibt es die andere überhaupt?
Ich habe keine Ahnung, was ein «Proschmelz» ist, aber vermutlich bekomme ich dann Zahnschmelz wie ein Pro und werde nie mehr im Leben Zahnschmerzen haben. Das Beste: Ein Liter kostet aktuell nur 59.07 Franken. Einmal volltanken, bitte! Wenn ich gleich 50 Liter bestelle, kann ich mir vom Ersparten meine nächsten Ferien finanzieren oder mit ein wenig Glück sogar das Panini-WM-Heft füllen.
Wobei das mit dem Panini-Album vielleicht doch nicht realistisch ist. Überhaupt: Gesundheit ist wichtiger als Geld. Darum vielleicht doch «Sensodyne Rapid». Das verspricht eine schnelle Linderung. Heisst «schnell» mehr oder weniger als zwei Minuten? Und ist eine Reparatur nicht doch besser als eine blosse Linderung?
Da könnte «Sensodyne Repair & Protect Whitening» passen. Hatten wir das nicht schon? Nein, das war nur «Repair & Protect», ohne Whitening. Warum sollte ich es ohne Whitening nehmen, wenn ich es auch mit haben kann? Existiert das andere nur, damit dieses hier besser aussieht? Weissmacher sollen den Zahnschmelz abschleifen. Das wäre nicht so gut, wenn ich eh schon empfindliche Zahnhälse habe. Aber wenn es ja gleichzeitig repariert und schützt, ist das dann trotzdem okay? Ist das der Heilige Gral der Zahnpasta-Industrie? Auskunft über den Schleifgrad gäbe der RDA-Wert, aber der ist hier nicht angegeben.
«Proschmelz Repair» gibt’s auch noch. Dann stellt sich aber wieder die Frage, warum Proschmelz auch ohne Repair existiert. Gibt es Leute, die explizit darauf bestehen, dass ihr Zahnschmelz nicht repariert wird? Und warum sollten diese überhaupt eine Proschmelz-Zahnpasta kaufen?
«Sensodyne Sensitivität und Zahnfleisch». Ja, darum geht’s doch schon die ganze Zeit. Neue Formulierung. Antibakterielle Zahnpasta. Die gibt es in zwei Geschmacksrichtungen: frische Minze und frisch. Wonach schmeckt frisch ohne Minze, ohne irgendwas?
«Sensodyne MultiCare Intensive Cleaning Zahnpasta mit Fluorid.» Das Ding heisst so, ich kann auch nichts dafür. Spielt es überhaupt eine Rolle, welche ich nehme? Die Dentalhygienikerin hat gesagt: Alle von Sensodyne gehen. Warum bieten die dann drölfzig Produkte an?
«Sensodyne MultiCare Original». Das wäre also das Original. Die Mutter aller Sensodynes. The Real Deal. Wahrscheinlich. Sicher ist: Sie ist momentan nicht lieferbar.
«Sensodyne Expert Protect Dual Action». Ich bin zwar Profi, aber noch kein Experte. Das ist wohl nichts für mich. Ist ja auch doppelt so teuer, weil es doppelt so gut ist. Oder so.
«Sensodyne Complete Protection». Ahhh, vollständig! Da ist alles drin! Aber Moment. Nur der Schutz ist vollständig, von Reparatur steht da wieder nichts. Und wenn hier vollständig steht, sind die übrigen dann alle unvollständig?
Seufz.
Das waren noch nicht alle Sensodyne-Zahnpasten, im Ganzen sind es 44. Aber genug. Mehr als genug. Zu viele.
Was tun? Mögliche Strategien
- Recherchieren: Ich erstelle eine Excel-Tabelle mit allen drünfzig Zahnpasten, lese Vergleichstests, trage die Spezifikationen ein, klicke mir die Finger wund, eruiere eine Formel für das Preis-Leistungs-Verhältnis – und am Ende fällt mir wieder die Dentalhygienikerin ein, die gesagt hat, es komme nicht drauf an. Was ist eigentlich der Plural von Zahnpasta? Zahnpasti? Zahnpastata? Zahnpasteten?
- Würfeln: Da es ja laut Fachfrau keine Rolle spielt, soll der Zufall entschieden. Würfle ich eine Fünf, bestelle ich die Zahnpasta, die an fünfter Stelle steht. Um von der Auswahl zu profitieren, brauche ich aber einen zwanzigseitigen Würfel. Mindestens. Oder ich gebe bei Google «Zufallszahl 20» ein.
- Warten: Der Fortschritt in der Zahnpasta-Industrie ist offenbar nicht aufzuhalten. Es könnte sich lohnen, zu warten, bis die Sensodyne Expert Max Pro Ultra Triple Action herauskommt.
- Boykottieren: Ich spiele meine vermeintliche Macht als Konsument aus. Ich bestrafe Sensodyne für das übergeschnappte Produktsortiment und kaufe gar nichts – ha, jetzt hab ich es euch aber gegeben! Natürlich kann ich nicht einfach aufhören, mir die Zähne zu putzen. Also doch wieder Elmex. Die haben ein noch viel grösseres Zahnpasta-Sortiment, aber dort weiss ich wenigstens, welche ich brauche. Oder ich nehme eine der unzähligen Marken, die nur eine einzige Zahnpasta anbieten – dann erwische ich aber mit grosser Wahrscheinlichkeit etwas Esoterisches, das mir nicht weiterhilft.
- Diversifizieren: Immer, wenn man keine Ahnung hat – zum Beispiel an der Börse – bietet sich eine Schadensbegrenzung durch Diversifikation an. Ich nehme jedes Mal eine andere Zahnpasta – auf diese Weise verwende ich nie lange etwas total Falsches und ab und zu sogar das völlig Richtige. Falls es überhaupt einen Unterschied macht. Tatsächlich habe ich mich für diese Methode entschieden.
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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