
In «Orbitals» steckt ein besseres Spiel, als ich spielen durfte
Als Anime-Kind der 90er habe ich mich sofort in «Orbitals» verliebt. Der handgezeichnete Look, ein Soundtrack wie aus «Cowboy Bebop», Rätsel für zwei. Leider hat die Liebe schnell gebröckelt.
Es tut einfach gut, wenn ein Spiel wie «Orbitals» auf meiner Switch 2 landet. Während sich die Branche mit KI-Debatten und DLSS-Vergleichen abmüht, setzt das Koop-Rätselspiel von Shapefarm auf eine handgezeichnete Retro-Ästhetik. Schon in den ersten Minuten fühle ich mich in einen Anime der 90er-Jahre versetzt.
Hinzu kommt ein Soundtrack, der die Science-Fiction-Epoche perfekt einfängt – eine Verbeugung vor «Cowboy Bebop», «Sailor Moon» und Studio Ghibli. Auch der Detailgrad stimmt. Ein leichtes Filmkorn liegt über allem. Die Animationen laufen bewusst mit 12 respektive 24 Bildern pro Sekunde – die Hintergründe langsamer, die Figuren flüssiger –, um den Charme traditioneller Zeichentrickfilme nachzubilden. Ich will sofort eintauchen. Leider trüben Pacing-Probleme und die hakelige Steuerung meinen Enthusiasmus früh.

Hazelight-Formel im Anime-Gewand
Hinter «Orbitals» steckt unter anderem Jakob Lundgren, früher Level-Designer bei Hazelight Studios. Die haben Spiele wie «A Way Out», «It Takes Two» und «Split Fiction» gemacht. Diese Handschrift erkenne ich sofort. Gameplay und Story basieren auf Kooperation und dem Lösen von Umgebungsrätseln zu zweit. «Orbitals» ist der Erstling des Studios.

Praktisch: Nur die Person, die das Spiel hostet, muss es kaufen. Ich starte eine Gameshare-Session für den Online-Koop und lade jemanden ein. Alternativ spiele ich «Orbitals» als klassischen Couch-Koop-Titel am selben Bildschirm. Alleine kann ich nicht zocken.
Zwei Figuren mit Charakter
Ich steuere wahlweise Maki, eine risikofreudige Forscherin, oder Omura, ihren phlegmatischen ausserirdischen Partner. In einer aufwendig animierten Eröffnungssequenz erlebe ich die beiden zunächst als Kinder auf einer Raumstation, die kurz vor der Explosion steht. Was dann passiert, ist hart: Die beiden werden in eine Maschine gesteckt, die ihr Bewusstsein sichert und ihre Erinnerungen in zwei frische Klonkörper überträgt. Fünfzehn Jahre später rennen Maki und Omura kichernd durch dasselbe Raumschiff und hänseln einander, als wäre nichts gewesen. Traumaverarbeitung sieht anders aus. Aber ihr gutmütiger Optimismus macht die beiden sympathisch.

Diese Gutmütigkeit zeigt sich auch im Kleinen. Verabschiede ich mich von einem Werkzeug, das ich nicht mehr brauche – etwa dem Stampf-Rucksack, mit dem ich Böden aufbreche, oder einer gehackten Mikrowelle –, sagen die beiden ihm Tschüss. Ein Kniff, der viel über die Figuren erzählt.
Toll sind auch die unterschiedlichen Lauf-Animationen. Maki tapst mit kleinen, hüpfenden Schritten über Treppen, während Omura butterweich von einer lässigen Hand-in-der-Tasche-Pose in einen vollen Sprint wechselt. Kleinigkeiten, aber sie sitzen.
Die deutschen und englischen Sprecher machen ihre Sache ordentlich. Das ständige Geplapper der beiden Hauptfiguren geht mir mit der Zeit allerdings auf den Wecker. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Wechselnde Fähigkeiten mit kniffligen Rätseln
Anders als in den Spielen von Hazelight Studios, wo jede Figur fest zugeteilte Fähigkeiten hat, tausche ich in «Orbitals» zwischen den Missionen Rucksäcke und Gadgets aus. Eine clevere Idee, die das Gameplay ständig auffrischt. Die Rätsel setzen auf durchdachte Werkzeuge wie den immer wiederkehrenden Enterhaken, Laser oder die Wasserkanone.

Mit der Wasserspritze drehe und reinige ich etwa überdimensionale Spiegel, während Kollegin Michelle, mit der ich das Spiel zocke, mit dem Laser Plattformen steuert, auf denen ich stehe. Mit dem Enterhaken wiederum holt Michelle Pflanzen von den Wänden und platziert sie geschickt, sodass ich sie mit der Wasserkanone bewässern kann. Das tue ich, bis sie platzen und Wurzeln, die uns den Weg versperren, zerstört sind.
Dann gibt es auch Gadgets, die nur ein- oder zweimal vorkommen. Besonders toll finde ich die Mikrowelle: Aus der Alltagsmaschine wird plötzlich ein Werkzeug, mit dem ich meinen Geist in Schleime übertrage und diese dann steuere. Leider bleibt das Gadget unter seinen Möglichkeiten. Die Gameplaymöglichkeiten wären riesig, werden aber nur angerissen.

Die Rätsel fordern analytisches Denken, präzises Timing und Fingerspitzengefühl. Sie sind anspruchsvoller, als sie aussehen, und Lösungen liegen selten offen auf der Hand. Ich dachte anfangs, «Orbitals» wäre zugänglicher als «Split Fiction». Falsch gedacht.
Verpasste Details und hakelige Steuerung
Im All wie auf den Raumstationen steuere ich Maki und Omura nur in der Horizontalen, also links und rechts – abgesehen von wenigen Plattformen, auf die ich hüpfe. Weil eine vertikale Achse fehlt, fällt der Einstieg auch Neulingen leicht. Trotzdem verlangt das Level-Design ständige Aufmerksamkeit. Michelle und ich entdecken Relevantes nicht immer auf Anhieb.

Das ganze Abenteuer läuft im Splitscreen. Ein grosser Bildschirm lohnt sich, damit beide die Übersicht behalten. Im Handheld-Modus muss ich noch genauer hinschauen, bis ich ein entscheidendes Detail erkenne. Das Spiel läuft gedockt und im Handheld-Modus gleich gut.
Zu kämpfen habe ich mit der Steuerung. Weil «Orbitals» spürbar mit einer niedrigen Framerate läuft, wirken meine Eingaben ungenau. Ich lande öfter daneben, als mir lieb ist, und schiebe es auf eine schwammige Steuerung. Mit der Zeit merke ich, dass ich mein Timing umstellen muss. So läuft es besser. Dennoch springe ich häufiger in den Tod, als ich von anderen Spielen gewohnt bin.

Das geht auch Michelle so. An einer Stelle muss sie in gewissen Abständen Samen pflanzen. Das will lange Zeit nicht klappen, weil sich ihr Charakter Omura entweder gar nicht bewegt, wenn sie den Stick neigt, oder dann gleich zu viel und der Abstand zu gross wird. Das sind nervige Stellen, die den Spielspass unnötig trüben.
Geschichte und Gameplay verschenken Potenzial
Bei einer Spielzeit von unter zehn Stunden eignet sich «Orbitals» gut für kurze Sessions zu zweit. Doch die Geschichte kommt lange nicht in Fahrt. Die ersten zwei Drittel plätschern dahin. Ich erledige Botengänge und verpasse meinem Schiff Upgrades. Währenddessen frage ich mich, ob das Spiel überhaupt eine Story hat oder ob ich einfach Auftrag um Auftrag abarbeite. Erst im letzten Akt wird es spannend.

Noch mehr ärgern mich die verschenkten Gameplay-Möglichkeiten. Etwa bei einer Szene mit einem rosa, flusspferdartigen Alienwesen: Kaum steigen Maki und Omura auf dessen Rücken, freue ich mich auf eine grosse Reitsequenz. Doch praktisch im selben Moment schneidet das Spiel zur Szene, in der die beiden wieder absteigen. Schade, daraus hätte etwas werden können. Es bleibt nicht das einzige Mal, dass ich das denke.

Deutlich besser funktionieren die Abschnitte, in denen Maki und Omura gemeinsam ihr Raumschiff fliegen. Eine Person übernimmt das Steuer, die andere die Waffen. Aber auch hier gibt es eine Einschränkung. Das Schiff folgt einer festen, unsichtbaren Flugbahn durch die Sterne, weshalb die beiden Bildschirmhälften meistens fast dasselbe zeigen – nur unterschiedlich stark gezoomt.

Trotz dieser Schwächen bleibt der Charme erhalten, und der Spielspass hält bis zum Schluss an. Nur bleibt eben auch das Gefühl, dass in «Orbitals» ein deutlich besseres Spiel gesteckt hätte.
«Orbitals» ist seit dem 3. September 2026 für die Switch 2 erhältlich. Kepler Interactive hat mir das Spiel zu Testzwecken zur Verfügung gestellt.
Fazit
Wunderschön gezeichnet, aber unter seinen Möglichkeiten
Fazit Produktbewertung 3 Wunderschön gezeichnet, aber hinter seinen Möglichkeiten «Orbitals» ist eine Verbeugung vor dem Anime der 90er, untermalt von einem Soundtrack, der die Stimmung perfekt trifft. Details wie die Verabschiedung ausgedienter Werkzeuge oder die individuell animierten Laufstile zeigen, wie viel Sorgfalt in Maki und Omura steckt. Der ständige Austausch der Ausrüstung hält das Gameplay frisch, und die Rätsel verlangen mehr Kopfarbeit, als der niedliche Look vermuten lässt.
Trotzdem bleibt das Spiel unter seinen Möglichkeiten. Die ersten zwei Drittel der Story plätschern dahin und gute Gameplayideen werden nur angerissen statt ausgereizt. Dazu kommt die hakelige Steuerung – auch aufgrund der niedrigen Framerate – an die ich mich bis zum Schluss nicht gewöhne.
«Orbitals» ist ein klassisches 3,5-Punkte-Spiel. Der Charme und die Rätsel tragen weiter, als die Schwächen stören. Weil ich systemtechnisch nur ganze Schritte vergeben kann, runde ich ab. Wer zu zweit ein optisch aussergewöhnliches, forderndes Koop-Erlebnis sucht und über ein paar Längen hinwegsieht, wird trotzdem glücklich. Wer ein rundes Gesamtpaket will, ist fehl am Platz.
Pro
- toller, handgezeichneter Anime-Look
- passender Soundtrack
- liebevolle Charakterdetails
- abwechslungsreiche Rätsel
- nur eine Person muss das Spiel kaufen
Contra
- die Geschichte zündet erst im letzten Akt
- vielversprechende Ideen
- hakelige Steuerung
Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist meine Leidenschaft.
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