

Kollektivstrafe: Wer dem grossen Rating-Reset zum Opfer fiel
Galaxus und Digitec haben 380'000 Ratings gekillt, weil nur noch Käuferinnen und Käufer Produkte bewerten dürfen. Die Massnahme trifft nebst Fake-Rezensionen oder Hate-Posts leider auch viele gutgemeinte Beiträge. Eine Übersicht.
Der Begriff Kollektivstrafe trifft für einmal leider zu: Wegen wenigen Missetätern lassen Galaxus und Digitec neuerdings nur noch Produktbewertungen von verifizierten Käuferinnen und Käufern zu. Zudem wurden 380'000 nicht verifizierte Bewertungen aus der Vergangenheit entfernt. Hier erfährst du, in welche Kategorien die Reviews fallen, die der Löschaktion zum Opfer fielen. Bei manchen schmerzt das Herz der Community.
Tschüss Fake-Bewertungen
Zuerst die schwarzen Schafe: Eine interne Datenerhebung belegt, dass es bei Galaxus und Digitec zuletzt 36 Marken gab, bei denen weniger als die Hälfte der Produktbewertungen von Käuferinnen und Käufern stammte. Berücksichtigt wurden bei der Auswertung alle Marken mit mindestens 200 Bewertungen. Zum Vergleich: Galaxus hat dieses Jahr bisher Produkte von gut 50'000 Marken verkauft. Die 36 Marken kamen zusammen auf beinahe 19'000 Ratings ohne Kauf. Fünf Marken fielen sogar mit einem Anteil von über 90 Prozent Ratings ohne Käufe auf. «Darunter vermuten wir viele Fakes», sagt Thimo Schuster, der den Rating-Reset bei Galaxus und Digitec verantwortet. Im krassesten Fall kamen bloss 32 von 2093 Produktbewertungen sicher von Käuferinnen oder Käufern. Das sind mickrige 1,5 Prozent. Drei Muster waren bei diesen Marken zu erkennen:
- Die meisten Bewertungen wurden ohne schriftliche Rezension abgegeben. Also bloss mit einer Sterne-Bewertung ohne Text. Oft stammten die Bewertungen von Konten, mit denen nie jemand etwas bestellt hatte und bei denen auch keine Postadresse hinterlegt war.
- Die wenigen verifizierten Rezensionen sind oft kritisch. Ein krasses Ungleichgewicht gab es zum Beispiel bei einem Unterwäsche-Set. Dort kamen auf 200 Fünf-Sterne-Bewertungen ohne Text und Kauf nur gerade 2 Zwei-Sterne-Bewertungen mit Text und verifiziertem Kauf gegenüber.
- Bei den wenigen nicht verifizierten Fünf-Sterne-Rezensionen waren die Texte teilweise identisch. Viele waren auch auffällig kurz. Hier ein Beispiel zweier Ratings von Ohrringen.

Galaxus hat die Verantwortlichen hinter den Marken konfrontiert. Aus rechtlichen Gründen bleiben sie hier anonym. Ein Geschäftsführer einer Firma, die Etiketten und Etikettierpistolen vertreibt, gibt sich in seiner Antwort reumütig: «Als kleiner Anbieter standen wir unter sehr hohem Konkurrenz- und Verkaufsdruck», schreibt er. Er habe pro Produkt aus seinem Sortiment drei bis fünf Bewertungen verfasst, «damit diese eine realistische Chance auf Sichtbarkeit haben». Er ergänzt: «Ich erkenne rückblickend, dass dies ein Fehler war, auch wenn ich von der Qualität der Produkte überzeugt bin.»
Ein Marktplatzhändler, der bei Galaxus zwei Marken mit über 95 Prozent nicht-verifizierten Ratings verkaufte, beteuert, nie bei den Bewertungen getrickst zu haben. «Wir vertreiben unsere Produkte auch über andere Plattformen wie Zalando», schreibt der Geschäftsführer. Er vermute, dass Kundinnen und Kunden ihre Unterwäsche, Schlafmasken oder Hosenträger zusätzlich bei Galaxus bewertet hätten.
Eine Anfrage bei einem deutschen Anbieter von «Premium»-Eigenmarken aus dem Sport- und Lifestyle-Bereich blieb unbeantwortet. Der Geschäftsführer einer Firma, die Schmuck fürs schmale Budget bei Galaxus verkauft, antwortet, dass Fake-Bewertungen nicht deren «Unternehmenspraxis» entsprächen.
Produkttester platt gemacht
Der Rating-Reset trifft auch die Produkttester-Plattformen grosser Konzerne: Unternehmen wie Nestlé, Philips oder Procter & Gamble verschenken dabei Produkte an Testerinnen und Tester, im Gegenzug sollen diese Reviews schreiben. «Die Rezensionen wirkten oft wie maschinell generiert, da die Beschenkten sich an Richtlinien halten müssen», sagt Eveline Jordi, die bei Galaxus und Digitec das Community-Team leitet. «Zum Beispiel sollen sie den Produktnamen immer voll ausschreiben und bestenfalls mehrfach erwähnen.»
Sowohl Nestlé als auch Philips ignorierten die Fragen von Galaxus. Antworten gab hingegen das weltweit grösste Konsumgüterunternehmen Procter & Gamble (P&G), bekannt für Marken wie Ariel, Pampers oder Gillette. Laut einer P&G-Sprecherin finden die Tests häufig «rund um Produkteinführungen» statt. Sie würden erste Nutzungserfahrungen liefern. «Positive Bewertungen bescheren Produkten dann einen Startvorsprung», merkt Thimo Schuster von Galaxus an.
Bei P&G gebe es keine Vorgaben zur Bewertungshöhe, Tonalität oder bestimmten Aussagen, ergänzt die Sprecherin. Das Partnerunternehmen, das die Rezensionen bei Händlern platziert, filtere negative Bewertungen zudem nicht heraus. Auch müsse bei jedem Review stehen, dass dieses «durch Anreize» entstand.
Bei Nestlé und Philips sollen die Testerinnen und Tester selbst ihre Bewertungen im Internet teilen. Philips gibt zum Beispiel vor, dass Produkterfahrungen auf drei vom Unternehmen definierten Plattformen geteilt werden.
Echte Kritik, aber nicht am Produkt
Die neue Praxis filtert auch Kritik heraus, die nicht dem Produkt gilt. Berüchtigt waren bei Galaxus und Digitec beispielsweise die vermeintlichen Rezensionen zu Geräten von Starlink für den Empfang von Satelliten-Internet: Kundinnen und Kunden machten dort ihrem Ärger über den Magnaten Elon Musk Luft. Bei Starlink kamen zuletzt knapp die Hälfte der Bewertungen von Leuten, die das Produkt nicht gekauft hatten.
Kundinnen und Kunden regten sich auch über Lieferverzögerungen von Spielekonsolen oder die astronomischen Preise von Grafikkarten. Bei Modellen von Nvidia oder AMD lag der Anteil der nicht verifizierten Bewertungen zuletzt bei über einem Fünftel. «Die hitzigen Kommentare wären in unserem Forum gut aufgehoben gewesen», sagt Thimo. «Beim Kaufentscheid halfen sie anderen Kundinnen oder Kunden hingegen kaum.»

War doch nur ein Scherz
Auch viele Witzbolde finden ihren Schabernack bei Galaxus und Digitec nicht mehr wieder. Deren nicht ernst gemeinten Bewertungen sorgten etwa unter teuren Uhrenbewegern oder Zigarren-Humidoren für Schmunzeln, aber auch für Missverständnisse.
Verschwunden sind zudem die Produktbewertungen von Artikeln im Rahmen von Aprilscherzen oder sonstigen Jux-Aktionen. So hatte Galaxus beispielsweise auch schon F-35A-Tarnkappenbomber oder Luftgitarren im Angebot.
Beschenkte und Community-Helden
Und jetzt wird’s richtig traurig: Mit dem Rating-Reset verschwanden tausende von gutgemeinten Produktbewertungen – etwa von Beschenkten, die ihre Erfahrung auf Galaxus oder Digitec geteilt hatten. Bei Erlebnisgutscheinen fielen beispielsweise sechs von zehn Bewertungen weg, bei Halsketten vier von zehn.
Und es gab etliche Community-Heldinnen und -Helden, die bei Galaxus und Digitec Produkte bewerteten, die sie woanders gekauft hatten:

An alle «PneuRugeler», «jackra1n» und «Phil Finisher» da draussen: Es tut uns leid, dass ihr Opfer unserer Kollektivstrafe wurdet! Wir hoffen, dass ihr unserer Community auch künftig mit eurer Meinung beim Kaufentscheid helft.
Ich bin bei Galaxus und Digitec zuständig für den Austausch mit Journalistinnen und Bloggern. Gute Geschichten sind meine Leidenschaft, deshalb bin ich immer auf dem neusten Stand.
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