
Produkttest
Nintendo Switch 2 im ausführlichen Test: sinnvolle Neuerungen und nervige Schwachstellen
von Domagoj Belancic

Nintendo bringt einen der grössten Flops der Firmengeschichte als Replika zurück. Ich habe das merkwürdige Teil getestet und verrate dir, ob sich ein Retro-Ausflug in Nintendos Vergangenheit lohnt.
Die Nintendo-Fangemeinde staunte nicht schlecht, als das Unternehmen vergangenen Herbst ein Revival ihres grössten Misserfolges ankündigte. Der Virtual Boy, Nintendos erster gescheiterter Ausflug in die VR-Welt, kehrt als Zubehör für die Switch und Switch 2 zurück. Die Games für den Virtual Boy werden in der Retro-Bibliothek des «Nintendo Switch Online + Expansion Pak»-Abos neu aufgelegt.
Ich habe die rote Taucherbrille getestet und mich durch pixelige 3D-Welten gezockt. Das Revival des Virtual Boys ist gelungen – empfehlen kann ich das Gadget jedoch nur den grössten Nintendo-Nerds und Retro-Fanatikern.
Bevor du weiterliest, nimm dir kurz Zeit für diese grandiose Virtual-Boy-Werbung aus den Neunzigern:
Du kennst den Virtual Boy nicht? Der semi-portable «Handheld» erschien 1995 und gehört mit mickrigen 770 000 verkauften Einheiten zu den grössten Flops in Nintendos Firmengeschichte.
Das Spezielle an der Hardware: Sie ermöglicht mit zwei separaten Linsen einen stereoskopischen 3D-Effekt beim Spielen. Das Schlechte an der Hardware: Der Bildschirm verursacht mit unangenehmen Rottönen Kopfschmerzen. Zudem ist die Bedienung des Systems mit den komischen Standfüssen sehr umständlich.
Dass sich Nintendo entschliesst, ausgerechnet diese misslungene Hardware zurückzubringen, ist herrlich skurril.
Die Replika funktioniert grundsätzlich gleich wie das Original. In der schicken Verpackung enthalten sind die Brille selbst sowie die Standfüsse. Die Montage der Füsse geht unkompliziert und schnell.
Im Vergleich zum Original ist die Replika lediglich eine leere Hülle. In der Hardware ist weder ein Motherboard noch ein Bildschirm verbaut. Die Knöpfe und Schieberegler sind Attrappen ohne Funktion. Ebenso die Ports an der Unterseite, die beim Original für Kopfhörer und Controller verwendet wurden.

Um zu zocken, muss ich meine Switch 2 von oben einschieben. Der Virtual Boy ist auch mit der Switch 1 kompatibel (sowohl mit der OLED- als auch der LCD-Version). Um mit der Last-Gen-Konsole zu zocken, muss ich jedoch einen anderen Halter an die Unterseite der Brille schrauben.
Um das Gerät zu öffnen, muss ich etwas Gewalt anwenden. Es fühlt sich an, als würde ich das Teil kaputt machen. Ich wünsche mir einen geschmeidigeren Mechanismus. Beim Einführen berührt meine Switch 2 unweigerlich die Plastik-Innenwände der Replika. Ich will gar nicht wissen, wie viele neue Kratzer ich mir damit hole.

Das Spielgeschehen betrachte ich durch zwei separate Linsen in der Brille. Dadurch entsteht ein stereoskopischer 3D-Effekt. Vor den eigentlichen Linsen ist ein roter Filter angebracht, der sich bei Bedarf – ebenso mit etwas Gewalt – entfernen lässt.
Das bringt noch nicht viel, weil alle Retro-Games ohnehin in Rottönen gerendert werden, genau wie beim Original. Nintendo verspricht jedoch, dass per Softwareupdate auch andere Farbkombinationen möglich sein werden – inklusive einer schlichten Schwarz-Weiss-Kombi.

Wichtig: Du kannst die Virtual-Boy-Games im «Nintendo Switch Online + Expansion Pak»-Abo nicht ohne die zusätzliche Hardware spielen. Du kannst die Virtual-Boy-Applikation zwar öffnen und sogar Games starten – diese werden aber immer im VR-Modus mit zwei kleinen Bildfenstern dargestellt. In diesem Mini-Format sind sie auf einem normalen Bildschirm unspielbar.
Für mich eine unverständliche Entscheidung – der 3D-Effekt ist bei vielen Titeln nur ein netter Bonus und kein essenzieller Bestandteil des Gamedesigns. Ich kann nachvollziehen, dass Nintendo möchte, dass man die Games genau so spielt, wie sie ursprünglich gedacht waren. Aber seinen Fans Optionen zu geben, ist immer besser, als sie künstlich zu beschränken. Vor allem bei dem happigen Preis von 80 Franken oder Euro.

Um zu zocken, schaue ich durch die zwei Linsen in der Brille. Den Controller halte ich hinter den Standfüssen, um die Brille möglichst nahe am Gesicht zu platzieren.

Enttäuschend finde ich, dass Nintendo keinen speziellen Controller zum Virtual Boy mitliefert. Die Replika setzt grossen Wert auf Authentizität – und dann soll ich mit Joy-Cons zocken?
Abgesehen davon empfinde ich das Spielerlebnis als sehr authentisch. Es fühlt sich an wie das Original, mit allen Vor- und Nachteilen.

Die Rottöne zwingen mich, nach einigen Minuten eine kurze Verschnaufpause einzulegen. Das Auftauchen aus der Brille fühlt sich an, als würde ich kurz Luft holen, bevor ich wieder in die höllisch roten Pixelwelten verschwinde. Unverständlich, dass Nintendo zum Launch noch keine Option für alternative Farbkombinationen integriert hat.
Auch die gebückte Haltung, die ich einnehmen muss, um durch die Brille zu gucken, ist unangenehm. Egal, wie ich mich platziere, es fühlt sich verkrampft an. Schade, dass Nintendo der Neuauflage keine höhenverstellbaren Standfüsse spendiert hat. Ich weiss: Die Replika soll dem Original möglichst nahekommen und eine authentische Erfahrung bieten. Doch solche kleinen Verbesserungen gehören für mich dazu – vor allem, wenn bewusst ein Stück Hardware neu aufgelegt wird, das berühmt-berüchtigt für seine Macken ist.
Pro-Tipp: Versuche, auf einem höhenverstellbaren Tisch zu zocken. So musst du dich nicht komplett in die Brille beugen und kannst die Nackenschmerzen etwas hinauszögern.

Der 3D-Effekt sieht durch die höhere Bildschirmqualität der Switch 2 besser aus als beim Original. Besonders gefällt mir, wie hell das Bild im Vergleich zur echten Virtual-Boy-Konsole aussieht.
Die Retro-Games werden auf dem Switch-2-Bildschirm in zwei getrennten Bildfenstern gerendert, um zusammen mit den separaten Linsen einen stereoskopischen 3D-Effekt zu erzeugen. Der Abstand zwischen den Ausschnitten lässt sich jederzeit über die Einstellung meiner persönlichen Pupillendistanz (im VR-Jargon «IPD», oder: «Interpupillary Distance») justieren. Beim Original ging das mit dem physischen IPD-Schieberegler auf der Oberseite, bei der Replika funktioniert es ganz easy auf Softwareebene im Pausenmenü.
Toll, dass das so unkompliziert geht. Und wichtig – denn je nach Game macht die richtige Einstellung den Unterschied zwischen «mir wird schlecht» und «wow, das sieht cool aus».

Zum Launch sind sieben Games im «Nintendo Switch Online + Expansion Pak»-Abo erhältlich. Weitere sollen in unregelmässigen Abständen folgen. Der Fundus an Virtual-Boy-Spielen ist limitiert. Insgesamt wurden lediglich 22 Titel für den Flop-Handheld veröffentlicht. Um dieses kleine Spielportfolio zu kompensieren, verspricht Nintendo auch bisher unveröffentlichte Games in die Bibliothek aufzunehmen. Sehr cool!
Nachfolgend findest du eine Übersicht zu allen bisher veröffentlichten Games. Das Lineup ist solide. Mit Ausnahme vom «Wario»-Spiel fehlen jedoch überzeugende Argumente für einen Kauf.
Ein «echtes» Wario-Game, wie ich es aus Game-Boy-Zeiten kenne und liebe. Der Bösewicht hüpft und bodycheckt sich durch hübsche 2D-Levels und sammelt fleissig Schätze. Serientypisch gibt es verrückte Power-ups und Verwandlungen zu entdecken. Der simple 3D-Effekt kommt bei gegnerischen Angriffen und beim Wechsel zwischen Vorder- und Hintergrund zum Tragen. Das Game ist gut gealtert und auch heute noch hervorragend spielbar.
5 von 5 Virtual-Reality-Brillen.
🥽🥽🥽🥽🥽

Für mich die grösste Überraschung im Paket. Ich kämpfe mich in der Egoperspektive durch eine Villa, in der allerlei lovecraftsche Monster lauern. Die Levels sind aufgebaut wie Labyrinthe. Treffe ich auf ein Monster, muss ich es abknallen – oder fliehen. Das Game transportiert mit simplen Mitteln erfolgreich die Essenz moderner Horrorspiele. Panisch fliehe ich vor Gegnern, verstecke mich in Räumen oder suche nach Munition. Und das alles unter ständigem Zeitdruck. Das Gameplay ist jedoch sehr simpel, was auf die Langzeitmotivation drückt.
4 von 5 Virtual-Reality-Brillen.
🥽🥽🥽🥽

Wie «Star Fox», nur hässlicher. An Bord eines intergalaktischen Kampfjets schiesse ich mich durch gegnerische Alien-Flotten. Das Gameplay überzeugt – herumballern, ausweichen, Upgrades sammeln. Die dreidimensionale Polygongrafik ist aufgrund technischer Einschränkungen des Virtual Boys auf Drahtgittermodelle beschränkt. Das ist suboptimal. Bei vielen Gegnern und Schüssen ist nur noch schwer auszumachen, wo ich mich befinde und was gerade los ist. In den Neunzigern war das beeindruckend – heute bereitet es Kopfschmerzen.
3 von 5 Virtual-Reality-Brillen.
🥽🥽🥽

Ein bisschen Pinball geht immer. Der 3D-Effekt ist subtil, aber angenehm, die Tische einfallsreich und detailliert. Einzig die merkwürdige Ballphysik treibt mich zur Weissglut. Lange zocke ich nicht, dafür ist das Gameplay zu simpel.
3 von 5 Virtual-Reality-Brillen.
🥽🥽🥽

Wie «Punch-Out!!», nur mit Robotern und in 3D. Die Charakterdesigns sind gelungen, ebenso die Animationen. Die Steuerung ist mir jedoch zu kompliziert und unintuitiv. Ich vergesse immer wieder, wie ich ausweichen muss und wo ich angreife. Schade, sonst wäre es ein ziemlich cooler Titel.
3 von 5 Virtual-Reality-Brillen.
🥽🥽🥽

Ich liebe «Tetris». Aber nicht diese Version. Im Virtual-Boy-Ableger muss ich einen dreidimensionalen Brunnen mit Bauklötzen füllen. Die Idee scheitert an der unübersichtlichen Umsetzung. Die Perspektive lässt sich nur umständlich anpassen und trotz 3D-Effekt erkenne ich nicht, wie tief der Brunnen ist. So platziere ich Blöcke immer wieder falsch. Ausserdem ist die Steuerung ein Graus.
2 von 5 Virtual-Reality-Brillen.
🥽🥽

Die Steuerung wirkt im Vergleich zu modernen Golf-Games archaisch. Besonders das Bestimmen der Präzision meines Schlages nervt. Die grafische Darstellung der Golfkurse missfällt mir aufgrund der nervösen Muster im Gras. Immerhin bietet das Game viele Inhalte.
2 von 5 Virtual-Reality-Brillen.
🥽🥽

Du möchtest die Virtual-Boy-Games auf deiner Switch zocken, hast aber keine Lust, rund 80 Franken oder Euro für die Replika auszugeben? Grosszügig wie eh und je bietet Nintendo eine zweite, günstigere Option: einen Virtual Boy aus Karton für 20 Franken oder Euro.
Das Prinzip ist ähnlich. Ich schiebe die Switch 2 rein (dieses Mal von der Seite) und schaue durch die zwei Linsen, um zu zocken.

Bei der Karton-Version gibt es keine Standfüsse. Heisst: Ich muss das Ding beim Zocken vor meinem Gesicht halten. Die Joy-Cons bleiben dabei an der Konsole. Sieht lächerlich aus, fühlt sich auch so an. Funktioniert aber, sofern deine Armmuskulatur mitspielt.
Im Grunde ist die Karton-Version nichts anderes als eine Neuauflage des «Nintendo Labo»-VR-Sets für die Switch.

Einen Vorteil hat die Karton-Version gegenüber der originalgetreuen Replika: Mit ihr kann ich auch diverse Switch-Games im VR-Modus spielen, unter anderem «Super Smash Bros», «Super Mario Odyssey» und «Captain Toad: Treasure Tracker». Bei diesen Games muss ich mich aktiv umsehen und bewegen – deshalb funktionieren sie mit der Replika auf Standfüssen nicht.
Die VR-Modi für diese Games wurden im Rahmen von Updates für das «Nintendo Labo»-VR-Set veröffentlicht. Meist handelt es sich um beschränkte Spielmodi, die speziell für VR entwickelt wurden. Eine Ausnahme ist der VR-Modus von «The Legend of Zelda: Breath of the Wild», mit dem ich das ganze Game (ohne Bewegungssteuerung) in VR durchzocken kann.

Der Virtual Boy feiert ein gelungenes Comeback mit allen Vor- und Nachteilen, die das Original schon hatte. Die Replika wirkt originalgetreu verarbeitet und bietet ein authentisches Spielerlebnis. Games für den Virtual Boy sehen dank des besseren Bildschirms der Switch 2 schöner aus denn je. Trotzdem verursachen die unangenehmen Rottöne Kopf- und die komischen Standfüsse Nackenschmerzen. Schade, hat es Nintendo verpasst, der Neuauflage einige moderne Features zu spendieren, um das Spielerlebnis angenehmer zu gestalten.
Empfehlen kann ich das Virtual-Boy-Revival nur hart gesottenen Nintendo-Nerds und nostalgischen Retro-Fans, die diesen obskuren Teil von Nintendos Geschichte erleben wollen. Alle anderen lassen die rote Taucherbrille besser links liegen.
Pro
Contra
Meine Liebe zu Videospielen wurde im zarten Alter von fünf Jahren mit dem ersten Gameboy geweckt und ist im Laufe der Jahre sprunghaft gewachsen.
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