
Räumlich statt flach: der Hänge-Trick, den ich noch nie gesehen hatte
Ich dachte, ich würde jede Art kennen, ein Bild aufzuhängen. Dann ist mir eine begegnet, die alles kippt – im wahrsten Sinn.
Bild, Nagel, Wand, fertig. Dass es auch anders geht, ist mir in letzter Zeit öfter aufgefallen – von Bildern und Spiegeln, die an sichtbaren Ketten von der Decke baumeln, bis zu Fotos, die einfach lose in einer Schale liegen. Und wieder gibt’s etwas Neues, das ich dir nicht vorenthalten will: Werke, die nur mit einer Kante an der Wand hängen und frei in den Raum ragen.
Statt flach anzuliegen, steht das Werk quer zur Wand, ähnlich wie ein altes Wirtshausschild. Du siehst es nicht mehr frontal, sondern entdeckst es erst beim Vorbeigehen. Genau das macht den Reiz aus. Und das Prinzip ist nicht ans Medium gebunden: Ob Acrylscheibe, bespannte Leinwand oder Marmorplatte – entscheidend ist nur, dass das Werk eine tragfähige Kante hat. Mit dem Risiko, dass nur eine Seite spannend anzusehen ist. Oder der Chance, dass es gleich beide sind.
Ich hab das Prinzip dreimal gesehen, in Mexiko, Zürich und Lausanne.
1. Blatt zwischen Acryl: Miguel Cinta Robles
In der Galerie N.A.S.A.L. in Mexiko-Stadt hing «CM/SC2» des mexikanischen Künstlers Miguel Cinta Robles: Zwischen zwei Acrylscheiben liegen ein grosses, löchriges Blatt, ein Stück Rinde und ein Faden aus Jonote. Zusammengehalten wird das Ganze von verchromten Schrauben und Muttern. Und an der Wand hängt es mit der schmalen Längsseite, gehalten von zwei schlichten, verzinkten Lochplatten.

Genau diese Lochplatten machen den Reiz aus: Es sind gewöhnliche Flachverbinder, wie du sie in jedem Baumarkt findest. Nichts daran ist versteckt oder geschönt. In der offiziellen Materialliste steht der Stahl deshalb gleichberechtigt neben Rinde, Blatt und Faden.
Weil das Acryl durchsichtig ist, funktioniert die Arbeit sogar aus beiden Richtungen – und wirft gleichzeitig einen harten Schatten an die Wand, der fast so präsent ist wie das Werk selbst. Dabei misst es nur 30 mal 25 Zentimeter.
2. Zwei Werke, zwei Sonnen: Claire Eppley
An den Zurich Design Weeks hat Raw Senses unter dem Titel «Selling Sunset» ein Gebäude im Umbau bespielt – ehemalige Büros, aus denen bald Wohnungen werden. Die Quadratmeter bleiben, ihr Zweck ändert sich. Dort hat Claire Eppley zwei Arbeiten Rücken an Rücken quer zur Wand montiert: «Midnight Waves» zur aufgehenden Sonne, «Midnight Harmony» zur untergehenden.


Beide verändern sich im Tagesverlauf mit dem wandernden Licht und seinen Reflexionen. Am Mittag steht die Sonne hinter einer Säule – dann liegen beide Werke in ihrem dunkelsten Zustand, eine Art Mitternacht am helllichten Tag.
Spannend finde ich, wie offen die Konstruktion bleibt. Der dunkelrote Stoff ist in Strängen über den Keilrahmen gerafft, sodass du zwischen den Falten die hellen Holzleisten siehst. Auf der anderen Seite zeigt sich die Rückseite von «Midnight Waves» in voller Ehrlichkeit: schwarzer Stoff, sichtbar getackert, der Titel von Hand auf die Querstrebe geschrieben. Was sonst im Lager verschwindet, hängt hier im Licht.
3. Marmor an der Mauerkante: Simon Deppierraz
An der fünften Ausgabe von À l'Abordage in Lausanne, die eine ehemalige Privatbank in einer Maison de maître bespielte, war «Spirelli» von Simon Deppierraz zu sehen. Das Thema der Ausstellung passte perfekt: Materialität, also die Rückkehr zum Greifbaren.


Die Materialangabe lautet: Marmor, Seil und Stahl. Und genau das siehst du auch. In die Marmorplatte sind sechs Löcher gebohrt, durch die sich ein schwarzes Seil fädelt – im Zickzack über die Fläche, oben verknotet, unten hängt das lose Ende einfach herunter. Ein Karabiner hält das Werk an einer kleinen Öse.
Entscheidend ist aber, wo diese Öse sitzt: in einem schmalen Mauerpfeiler zwischen Glastür und Raum, kaum breiter als die Platte selbst. Die Marmorscheibe ragt darum auf beiden Seiten über den Pfeiler hinaus und steht frei im Raum.
Das ist die radikalste Variante des Prinzips. Und bei Stein besonders ungewohnt: Marmor gehört in unserer Vorstellung auf einen Sockel, auf Oberflächen oder in den Boden. Hier hängt er an einer Schnur und zeigt dir seine rohe Bruchkante im Profil – die Dicke, das Gewicht, die unbearbeitete Flanke.
Die Halterung gehört dazu
Die Gemeinsamkeit aller Beispiele: Die Befestigung versteckt sich nicht, sie ist präsent. Lochplatte, Keilrahmen, Karabiner – nichts davon wird kaschiert. Bei Robles und Deppierraz hat es die Halterung sogar in die offizielle Materialangabe geschafft. Die gleiche Logik wie bei den Bildern an sichtbaren Ketten.
Das ändert auch, wie du dein Zubehör einkaufst. Du suchst nicht mehr den unauffälligsten Winkel, sondern den, der zum Werk passt. Und der darf ruhig roh sein: Robles' verzinkte Flachverbinder kosten ein paar Franken und sehen trotzdem gut aus.
Warum das mehr ist als ein Taschenspielertrick
- Der Raum bekommt Tiefe: Das Werk bricht die eindimensionale Wandfläche auf und wirkt skulptural. Erst so siehst du, wie dick, schwer oder grob das Material wirklich ist.
- Bewegung statt Stillstand: Das Motiv verändert sich mit jedem Schritt. Von vorne siehst du nur die Kante, von der Seite die ganze Fläche.
- Licht und Schatten spielen mit: Tageslicht trifft nicht mehr frontal, sondern seitlich aufs Werk und wirft eine Schattenlinie an die Wand, die im Tagesverlauf wandert – bei Eppley verändert das die Farben, bei Robles sogar den Schatten selbst.

- Ecken und Kanten werden nutzbar: Schmale Wandstücke, Mauerpfeiler oder das Ende eines Flurs, an denen ein normales Bild gar keinen Platz findet, funktionieren plötzlich.
- Doppelter Einsatz: Weil beide Seiten sichtbar sind, kannst du zwei Motive zeigen.
Das Risiko: die zweite Seite
Hier wird's ehrlich. Sobald etwas in den Raum ragt, wird auch die eigentliche Rückseite sichtbar. Vier Wege, damit umzugehen:
- Zwei Werke Rücken an Rücken: wie bei Eppley. Zu Hause klappst du dafür zwei gleich grosse Rahmen mit den Rückseiten zusammen.
- Transparent arbeiten: zwei Scheiben, dazwischen schwebt das Motiv, wie bei Robles. Dann gibt es gar keine schlechte Seite.
- Die Rückseite zur Schauseite erklären: Rohes Holz, sichtbare Klammern, Beschriftung – bewusst gezeigt wirkt das offen statt schlampig.
- Die schwache Seite wegdrehen: Werke so setzen, dass ihre uninteressante Seite zum Fenster oder in eine tote Ecke zeigt.
So setzt du es bei dir um
- Das Gewicht ernst nehmen: Die Last hängt komplett an einer Kante, das wirkt wie ein langer Hebel. Bei Stein, Keramik oder grossen Formaten lieber zu stark rechnen als zu schwach.
- Zwei Befestigungspunkte: Verhindert, dass das Werk kippt oder sich verdreht. Nur für bewusstes Schaukeln reicht ein Punkt, wie bei Deppierraz.
- Die schmalste Stelle suchen: Ein Mauerpfeiler oder eine Türlaibung verstärkt den Effekt – dort wirkt ein flaches Bild sowieso nie.
- Fest in der Wand verankern: Dübel und Schrauben statt Klebehaken, bei Gipskarton Hohlraumdübel. Bei Stein oder grossem Gewicht lieber eine Fachperson einbeziehen.
- Klein anfangen: Robles' Arbeit misst nur 30 mal 25 Zentimeter – ein kleines Format reicht für den Effekt völlig aus.
- Abstand einplanen: mindestens eine Armlänge Platz davor. In engen Fluren lieber höher hängen oder kleiner wählen.
Falls dir für deinen ersten Versuch noch das passende Material fehlt: Das sind meine Favoriten.

Artico Malerleinwand 30x40cm
30 x 1.50 cm

Fischer Hohlraum-Metalldübel HM 5x65 S K
4 Stk.

ProPlus Karabiner Edelstahl 2 Stück

Helpmate Lochplatte
Flachverbinder, 12 Stk.

Relaxdays 288x Abstandshalter
7.50 cm, 3.50 cm

Alberts Möbelwinkel,szvz,50x50x10,GP12StKAR
Rundholzverbinder, Winkelverbinder, 12 Stk.
Würdest du ein Werk quer in den Raum hängen – oder ist dir das im Alltag zu sehr im Weg?
Mit der Begeisterung eines Cheerleaders feiere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratiere ich einfache, aber raffinierte Interior-Entdeckungen, spüre Trends auf und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
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