
Kritik
«Senua's Saga: Hellblade II» im Test: nervenaufreibend, bombastisch und einfach unvergleichlich
von Philipp Rüegg

Beeindruckende Pixel-Grafik, stimmungsvolles Setting und eine perfekte Mischung aus Kampf, Rätsel und Erkunden. Nach langer Wartezeit liefert «Replaced» endlich, was es vor vielen Jahren versprochen hat.
Eine Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt. Korrupte Riesenkonzerne, die Menschen ausbeuten. Künstliche Intelligenz, die uns den letzten Rest an Menschlichkeit wegnehmen soll. Das ist nicht das Intro für den nächsten Tagesschau-Beitrag, sondern das Setting für «Replaced». Das wirkt nicht mehr so dystopisch wie früher, dafür zeitgemäss.
Das Game spielt in einer retrofuturistischen 80er-Jahre-Welt in den USA, die von der mächtigen Phoenix Corporation regiert wird. Im Hauptsitz, hinter zahlreichen Sicherheitstüren, tüftelt Entwickler Warren an einer neuartigen KI namens R.E.A.C.H. Diese landet nach einem Unfall im Körper ihres Erschaffers und findet sich auf der Flucht vor dem eigenen Unternehmen wieder.
«Replaced» wurde bereits an der E3 2021 vorgestellt – das letzte Mal, als die Messe stattfand. Der Trailer sorgte bei Fans von Retro-Pixel-Action wie mir für feuchte Augen. Allerdings haben die Entwickler Sad Cat Studios den ursprünglichen Release-Termin von 2022 deutlich verfehlt. Was oft ein schlechtes Zeichen ist, hat sich im Falle von «Replaced» als goldrichtige Entscheidung herausgestellt.
Nachdem sich Reach langsam in ihrem neuen Körper zurechtfindet und erfolgreich den Drohnen und Schlagstöcken der Phoenix Corporation entkommt, begegnet sie Tempest. Einem Draufgänger und Rebellen, der gegen die Unterdrückung kämpft. Weil Reach halb Mensch, halb KI ist, kann sie eine biometrisch gesicherte Waffe eines Offiziers nutzen, ohne sie explodieren zu lassen – Judge Dredd lässt grüssen. Für Tempest Grund genug, sie für seinen Kampf gegen das System zu rekrutieren.

«Replaced» bietet eine erfreulich ausgeglichene Mischung aus Kampf, Kletterrätseln und ruhigen Momenten, in denen ich die Umgebung erkunde und Menschen zur Hand gehe. Das geschieht primär in der neonleuchtenden Zuflucht von Tempest. Dort lerne ich unter anderem ein Mädchen kennen, das alte Spielautomaten repariert. Auf denen kann ich «Space Invaders»- oder «Frogger»-Klone spielen. Knacke ich den Highscore, erhalte ich Upgrades für meine Waffe oder mehr Lebenspunkte.
Eine bedrückendere Aufgabe erhalte ich in einem improvisierten Lazarett. Dort verspreche ich einem Sterbenden, seine alten Familienfotos zu besorgen. Die finde ich in einem Tresor in seinem Zelt unter einer Autobahnbrücke. Um diesen aufzuschliessen, muss ich zuerst Hinweise entschlüsseln. Aufmerksames Lesen ist Pflicht, denn im Questlog steht nur, welche Person was von mir will.

Die optionalen Nebenmissionen geben einen Einblick in die Welt von «Replaced», in der lebenswichtige Medikamente nicht mehr produziert werden, weil Konzerne lukrativere Produkte bevorzugen. Vieles davon erfahre ich in Dialogen, die ich im Vorbeigehen aufschnappe – respektive lese.
Regelmässig finde ich Nachrichten, die ich in meinem Wingman lesen kann. Das ist ein stylischer Minicomputer, der mich an eine Mischung aus Mini-Disc-Player und Game Boy mit Drehrad erinnert – und den ich sofort kaufen würde.

Ich mag die kurzen, ruhigen Momente zwischendurch, in denen ich die Umgebung geniesse und den Geschichten der Menschen lausche. Zusammen mit dem unaufdringlichen, aber stimmungsvollen Elektrosoundtrack entsteht eine bedrückende Welt, in der die Hoffnung in Kommunen weiterlebt. Das verleiht dem Spiel eine angenehme Melancholie.
Etwas mehr Dramatik hätte «Replaced» nicht geschadet. Viele Hintergründe erfahre ich nur, wenn ich die vielen versteckten Nachrichten lese. Die Story braucht sehr lange, bis sie in Fahrt kommt, und wird nicht immer kohärent erzählt. Vorhersehbar ist sie dennoch. Weil die Vermenschlichung von Reach und die Menschen, denen sie begegnet, glaubhaft dargestellt sind, fühle ich trotzdem mit.

Beim Versuch, sich von ihrem fleischigen Körper zu befreien, klettert Reach über Häuserdächer, rennt durch verschneite Wälder und schleicht durch geheime Forschungsanlagen. Die Kletterpassagen werden durch neue Fähigkeiten wie einen Doppelsprung oder einen Kletterhaken laufend erweitert. Das Herumschieben von Kisten und Containern, damit ich höher gelegene Stellen erreichen kann, gewinnt keinen Originalitätspreis. Später kommt Thermik hinzu – damit wird es zumindest etwas interessanter. Schwierig sind weder die Rätsel noch die Plattform-Momente – aber sie besitzen einen angenehmen Fluss.

Das gilt auch für den Kampf. Reach legt sich meist mit ganzen Gruppen an. Anfangs kann ich lediglich zuschlagen und ausweichen. Allmählich kommen Kontern, Rüstungen durchsägen und Schüsse zurückwerfen hinzu. Alles funktioniert über meine multifunktionale Waffe, die Schlagstock, Elektroschocker und Schiesswerkzeug in einem ist. Schiessen kann ich nur sporadisch. Mit erfolgreichen Kontern und Angriffen lade ich meine Waffe auf. Das reicht maximal für ein paar Schüsse pro Kampf. Später kommt ein Overload-Modus hinzu, bei dem ich aus vollem Rohr ballern kann – sehr befriedigend. Hier taucht leider ein nerviger – wenn auch der einzige – Bug auf. Die Knarre hört nicht mehr auf zu feuern, ausser es folgt direkt eine Zwischensequenz. Das wird hoffentlich noch gepatcht.
Die Kämpfe sind perfekt dosiert und immer toll in Szene gesetzt – wie alles im Spiel. Nur die Schläge dürften etwas mehr Wucht haben und der Sound ist auch zu zaghaft. Cineastisch sind die Gefechte allemal und haben mich mehr als einmal an «John Wick» erinnert.

Und genau wie der vierte Teil von Keanu Reeves’ Actionserie ist auch «Replaced» visuell ein Brett – nicht nur für Pixel-Fanboys wie mich. Das Spiel mit Licht und Schatten, die starken Kontraste und die besondere Kameraführung habe ich so noch nie erlebt. Klassischerweise ist die Kamera in 2D-Spielen statisch. In «Replaced» ist sie dynamisch. Mal rückt sie ans Geschehen heran, um im nächsten Moment einen Raum voller Gegner zu enthüllen. Oder sie zoomt heraus und leitet den Blick auf eine atemberaubende Stadtkulisse bei Sonnenuntergang. Sie dreht sich auf der Z-Achse, spielt mit dem Fokus und lässt mich so noch mehr ins Geschehen eintauchen. Beeindruckend, was das zyprische Studio Sad Cat auf den Bildschirm zaubert. Ein paar Verbesserungsvorschläge habe ich dennoch.
Bei aller grafischen Brillanz wünschte ich mir eine klarere Bildsprache. Teilweise erkenne ich nicht, wo der Suchscheinwerfer einer Drohne hinschaut. Beim Klettern ist manchmal nicht klar, womit ich interagieren kann und was Hintergrund ist. Zwischendurch sind Sprünge unnötig knapp berechnet, sodass ich zehn Anläufe benötige. Oder ich soll einer gelben Leitung folgen, die schon beim Ursprungspunkt nicht klar auszumachen ist.

In einigen schummrig schön beleuchteten Kämpfen kommt es vor, dass ich meine Figur nicht aus dem Haufen von Gegnern ausmachen kann. Das wäre einfach lösbar, indem Reachs Schlagstockknarre prominent leuchtet. Stattdessen hechte ich einfach so weit an den Spielfeldrand, bis ich weiss, welches der pixeligen Männchen meins ist. Das sind Details, die den Gesamteindruck nicht spürbar trüben.
«Replaced» ist ab dem 14. April verfügbar für PC und Xbox Series X/S. Ich habe die PC-Version getestet, die mir Publisher Thunderful zur Verfügung gestellt hat.

«Replaced» ist genau das geworden, was ich mir vom ersten Trailer erhofft habe. Ein stimmungsvolles Actiongame mit zauberhafter 2,5D-Pixelgrafik. Die Kämpfe sind wunderbar dynamisch. Kommt alles zusammen, fühle ich mich wie John Wick auf Steroiden – oder wie auch immer das Doping in dieser Retro-Zukunft heisst. Die Retro-Zukunft wiederum ist mehr als hübsche Dekoration. Sie trägt entscheidend zur Stimmung des Spiels bei und ist der Grund, warum ich mir Zeit nehme, um auf meinem Wingman Geschichten aus der düsteren Cyberpunk-Welt zu lesen. Das – und weil der Wingman einfach saucool aussieht.
Die Story um eine KI, die in einem Menschen gefangen ist, bietet hingegen nichts, was ich nicht in unzähligen Sci-Fi-Filmen gesehen hätte. Sie dient als roter Faden, der mich durch die vielen abwechslungsreichen Levels leitet. Zusammen mit der perfekten Mischung aus Action, Plattformpassagen und den Erkundungen machen sie «Replaced» zu einem Erlebnis, das du nicht verpassen solltest.
Pro
Contra
Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken.
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