
Kritik
«Replaced» im Test: cineastischer 2.5D-Plattformer mit Herz
von Philipp Rüegg

Ständiger Ressourcenmangel und die permanente Bedrohung durch die Zylonen machen «Scattered Hopes» zu einer knallharten Herausforderung. In diesem narrativen Taktikspiel liegt das Überleben einer Raumschiffflotte an mir und meinen Entscheidungen.
Hätte ich doch nur mal Zeit für einen Kaffee. Aber daraus wird nichts. Als Commander der «Scimitar», eines militärischen Begleitschiffs der Gunstar-Klasse, komme ich nicht zum Durchatmen. Ich trage die Verantwortung für meinen Gunstar und die vielen Menschen an Bord. Auch mehrere zivile Schiffe vertrauen auf meinen Schutz. Wir sind auf der Flucht vor den hoffnungslos überlegenen Zylonen. Das sind künstliche Wesen, die ursprünglich als Diener für die Menschheit konstruiert wurden und sich dafür durch nuklearen Genozid an ihren Erbauern rächen wollen.
Als hätten wir mit diesen Toastern nicht schon genug Probleme. Es mangelt zudem an Treibstoff und Material, um die Schiffe zu reparieren, die dank der ständigen Zylonenangriffe kurz vor dem Auseinanderfallen sind. Ob wir den nächsten Kampf überleben, steht in den Sternen. Und dann kommen ständig irgendwelche Zivilisten, Techniker oder sonst wer angeschissen und meckern mich von der Seite an, weil sie nicht genügend Seife zum Duschen haben. Bei den Göttern!
Ich treffe eine schnelle Entscheidung, dann quäkt der Alarm los: Die Zylonen sind da, der Kampf beginnt. Frak! Der Kaffee bleibt schon wieder stehen.
Wer die Kultserie «Battlestar Galactica» in den frühen 2000ern gesehen hat, fühlt sich in «Battlestar Galactica: Scattered Hopes» schnell zuhause. Das Spiel greift zahlreiche Situationen aus der Serie auf. Das beginnt schon bei der Story, die stark an die erste Folge der Serie erinnert.
Die kleine Flotte, die ich mit meinem Gunstar anführe, hat den überraschenden Angriff der Zylonen auf die menschlichen Kolonien überlebt. Wir versuchen, uns zu Commander Adama und seinem Großraumkampfschiff, dem Battlestar «Galactica», durchzuschlagen. Doch die Zylonen sind uns dicht auf den Fersen. Durch Überlichtsprünge in andere Sternsysteme können wir der zahlenmäßigen Überlegenheit der Zylonen immer wieder knapp entgehen.

Nach den Sprüngen bleibt mir etwas Zeit für Reparaturen und wichtige Entscheidungen, bevor die Zylonen unsere Position ermitteln und mich erneut in einen Kampf zwingen. Zwei Echtzeit-Minuten dauert es, den nächsten Überlichtsprung zu berechnen und damit die Schiffe aus dem Kampf zu ziehen. So lange muss ich die Angriffe abwehren. Diese kurze Zeit hat es in sich: Weil ich gegen die Übermacht nicht gewinnen kann, geht es nur ums Überleben.
Zwölf Sternsysteme gilt es, dieses Spielchen aus rundenbasierter Flottenmanagement-Phase und Einsatzphasen in Echtzeit durchzustehen. Dann erreiche ich hoffentlich Adamas Flotte und kann die Verantwortung abgeben.
Doch das ist alles andere als einfach: Die Zylonen heizen mir in den Kämpfen richtig ein und in der Flottenmanagement-Phase behebe ich teilweise nur mit Mühe und Not die Schäden der vorherigen Schlacht.
Aufgrund seiner vielfältigen Inhalte lässt sich «Scattered Hopes» kaum einem einzelnen Genre zuordnen: Das Game bezeichnet sich selbst als narrativ-taktisches Roguelite. Der ständige Ressourcenmangel weckt bei mir Erinnerungen an «Frostpunk», aber ohne die moralische Komponente. In «Scattered Hopes» entscheide ich nur indirekt über Leben und Tod: Ein unkluger Einsatz von Ressourcen oder ein voreiliger Befehl im Kampf kann den Verlust eines zivilen Schiffes mit hunderten Seelen an Bord bedeuten.
Das ist nicht nur tragisch, sondern bedeutet auch den Verlust von wertvollen Vorräten. Denn die zivilen Schiffe vertrauen zwar auf meinen Schutz, doch nur sie stellen Versorgungsgüter her, die ich für Reparatur und Upgrades benötige. Schon aus praktischen Gründen habe ich also ein großes Interesse daran, alle Schiffe zu beschützen. Trotzdem passiert es mir in meinem ersten Durchgang, dass ich in einem schwierigen Kampf beide begleitenden Zivilschiffe verliere. Aus Frust (und Scham) starte ich das Tutorial erneut.

«Scattered Hopes» hat mich angefixt. Das Spiel ist komplex und eine Aneinanderreihung von kleinen und großen Katastrophen. Aber genau das macht mir so viel Spaß – und ich will es zu Adama schaffen.
Dabei stehen mir anfangs drei Helden-Charaktere zur Seite: der XO (mein Stellvertreter), der CAG (Chef der Flugstaffeln) und die Chefingenieurin. Sie können durch spezielle Boni entscheidende Vorteile im Kampf sowie in der Management-Phase bieten oder mir bei guter Moral zu hilfreichen Gelegenheiten im Sozialgefüge des Schiffs verhelfen. Später kann ich – genügend Ressourcen vorausgesetzt – weitere Helden rekrutieren. In Beton gegossen ist die heldenhafte Hilfe indes nicht. Auch die Helden können sterben oder sauer auf mich sein und mir dann Probleme bereiten.
Die Kämpfe erlebe ich auf einer zweidimensionalen taktischen Karte. Es geht nicht darum, das Zylonenschiff zu zerstören, sondern nur, dessen Angriffswellen abzuwehren. Dazu schickt der Gegner Staffeln verschiedener Schiffstypen in den Kampf, die versuchen, meine drei Schiffe in Stücke zu bomben.

Die Bordwaffen meines Gunstar richten zwar hohen Schaden an, haben aber auch einen langen Cooldown. Daher hebe sie mir für besonders brenzlige Situationen auf. Zur Verteidigung der Flotte setze ich hauptsächlich die Kampfstaffeln ein, die vom Flugdeck aus starten. Dazu gehören die aus der Serie bekannten schnellen «Viper» für Nahkampfgefechte und die «Raptor», die langsamer sind, aber mit ihrer Artillerie Gegner über größere Distanzen angreifen können.
Schnell lerne ich, dass ich nicht lange überlebe, wenn ich mir die Eigenschaften meiner Einheiten und die der Gegner nicht genau durchlese. Glücklicherweise kann ich den Kampf jederzeit pausieren, um die Lage zu überblicken und Befehle zu erteilen. Da ich ständig in der Unterzahl kämpfe, muss ich taktisch denken. Das zwingt mich dazu, mein gesamtes Repertoire an Waffen und Einheiten sowie gesammelter Erfahrung einzusetzen. In anderen Worten: Ich habe richtig Spaß.

Wenn der Zwei-Minuten-Timer endlich auf die Null zutickt und meine Flotte sowie die Fliegerstaffeln den Kampf halbwegs glimpflich verlassen können, erlebe ich ein echtes Hochgefühl.
Nach dem Kampf kann ich erstmal durchatmen. Aber nur kurz, denn es gibt richtig viel zu tun: Neben Reparaturen muss ich neuen Treibstoff für die Schiffe auftreiben, Ressourcen-Expeditionen absolvieren, Beförderungen (Level-ups) aussprechen, wenn möglich die Schiffe upgraden und deren Crews trainieren sowie mich mit jeder Menge größeren und kleineren Krisen herumärgern. Die reichen von kleinen Streitigkeiten über Brände und Seuchen bis hin zu massenhaften Unruhen.

Was sich wie eine simple To-do-Liste liest, kostet tatsächlich viel Zeit und teilweise auch viele Nerven. Die Ressourcen, die ich für fast alle Aktionen benötige, sind notorisch knapp. Zudem muss ich Rücksicht auf das empfindliche Gleichgewicht der verschiedenen Fraktionen in der Flotte nehmen.
Wie in der Serie gibt es verschiedene Gruppierungen, die ihre Interessen verfolgen: die Unterwelt – das sind Dealer, Diebe und Spione –, die Arbeiterschaft und das Militär. Diese Fraktionen können mir zu zusätzlichen Ressourcen verhelfen oder mir das Leben durch Sabotageakte zur Hölle machen. Viele Entscheidungen verbessern meinen Ruf bei einer Fraktion und verschlechtern ihn gleichzeitig bei einer anderen.

Hier fehlt mir manchmal eine detaillierte Übersicht über den aktuellen Rufstatus einer Fraktion oder eines Helden. Es gibt lediglich eine Anzeige, die den Status grob darstellt. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau.
Die Flottenmanagement-Phase dauert eine bestimmte Anzahl an Runden (oder anders: Aktionen). Meistens kann ich alle sinnvollen Aktionen in einer Phase ausführen, manchmal schaffe ich nicht alles, weil die Anzahl an Krisen zu hoch ist.
Sobald ich alle Runden im aktuellen Sektor verbraucht habe, erscheinen Zylonen auf dem Dradis (dem Radar-System) und ich muss mich auf den nächsten Kampf vorbereiten. Ungelöste Krisen begleiten mich weiter in die folgende Flottenmanagement-Phase – oft in verschärfter Form.
Ein wichtiger Bestandteil der Serie «Battlestar Galactica» sind die menschenähnlichen Zylonen, die die Schiffe der Überlebenden unterwandern und sich als Teil der Besatzung ausgeben. Es hätte mich gewundert, wenn das nicht auch in «Scattered Hopes» passiert. Und so ist es.

Nach einigen erfolgreich überstandenen Sektoren erfahre ich, dass sich unter meinen Helden ein Zylon befindet. Ab jetzt darf ich niemandem mehr trauen. Zu den Aktionen der rundenbasierten Phase kommen nun langwierige Zylonen-Ermittlungen hinzu. Solange ich den zylonischen Spion nicht enttarnt habe, führt er alle paar Runden Sabotageakte durch.
Zum aktuellen Zeitpunkt habe ich Adamas Flotte übrigens noch nicht erreichen können. Aber ich arbeite hart daran und werde meine Flotte schützen, bis sie in Sicherheit ist.
So say we all.

«Battlestar Galactica: Scattered Hopes» ist seit dem 11. Mai via GOG und Steam für den PC erhältlich. Das Spiel wurde mir von Dotemu zu Testzwecken zur Verfügung gestellt.
Als ich «Battlestar Galactica: Scattered Hopes» erstmals startete, war ich skeptisch. Die Trailer wirkten zu ambitioniert, und ich rechnete mit einer Enttäuschung. Doch nach fünfzehn Minuten saß ich gebannt vor dem Bildschirm und konnte nicht mehr aufhören. Nicht, obwohl es so fordernd ist, sondern genau deswegen: Weil es so viel zu bedenken gibt und weil ich die ganze Zeit auf dem Zahnfleisch laufe.
Das Spiel zieht mich tief hinein in die komplexe Welt aus taktischen Kämpfen, Ressourcenmanagement, gesellschaftlichen Krisen und dem ständigen Gefühl, keine Sekunde durchatmen zu können.
«Scattered Hopes» übersetzt den Spirit der Serie perfekt ins Gameplay. Musik, Soundkulisse, Offiziersränge und selbst die Dialoge greifen Elemente aus «Battlestar Galactica» auf. Viele Situationen und Krisen, die ich im Spiel bewältigen muss, basieren auf Storyelementen der Serie. Selbst Commander Adama hat einen kurzen Auftritt.
Pro
Contra
Fühlt sich vor dem Gaming-PC genauso zu Hause wie in der Hängematte im Garten. Mag unter anderem das römische Kaiserreich, Containerschiffe und Science-Fiction-Bücher. Spürt vor allem News aus dem IT-Bereich und Smart Things auf.
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