
«The Sinking City 2» ist eklig, obskur und ziemlich cool
Warum sololte man nur Zombies in einer Apokalypse sehen, wenn man auch Parasiten, Kolosse und singende Sirenen haben kann? «The Sinking City 2» mischt Okkultismus und Body-Horror zu einer obskuren Melange, die auf schräge Art zusammenpasst.
Das Entwicklerteam von «Frogware» hat schon 2019 mit «The Sinking City» gezeigt, dass es mehr kann, als nur knifflige Rätsel für «Sherlock Holmes»-Games zu entwerfen. Das Open-World-Survival-Horror-Adventure hat mit einem «Opencritic-Score» von 69 Prozent in seiner Nische einen Nerv getroffen – trotz Stolpersteinen in Grafik und Gameplay. Das Projekt war ambitioniert und bei Weitem nicht perfekt. Trotzdem hatte ich jede Menge Spaß damit, denn diese Horrordarstellungen fühlen sich noch nicht abgenutzt an.
Das ist bereits einige Jahre her. Deshalb habe ich nicht mehr alle Details aus dem ersten Teil präsent. Zum Glück ist das kein Problem, denn «The Sinking City 2» knüpft thematisch nur vage an seinen Vorgänger an. In «The Sinking City» kann ich drei verschiedene Enden auslösen. Ein nahtloser Übergang der Story ist deshalb gar nicht möglich. Stattdessen spiele ich in Teil 2 mit einem neuen Protagonisten in unbekannter Umgebung, um eine neue Sicht auf die Dinge zu bekommen.
Arkham ohne Batman
Die fiktive Stadt Arkham wird in den 1920er Jahren von der aus dem Vorgänger bekannten Flut getroffen und von bluthungrigen Kreaturen heimgesucht. Die meisten Menschen werden evakuiert, wenn sie nicht bereits tot sind. Neben den Wassermassen, die Straßen unbefahrbar und Gebäude unbewohnbar machen, sind «H.P. Lovecraft»-inspirierte Monster meine Feinde.

Quelle: Frogwares
Ich schlüpfe in die Rolle von Calvin, der sich der Evakuierung entzieht, um seiner Freundin zu helfen. Die beiden praktizieren aus Leidenschaft okkulte Rituale – ein gemeinsames Hobby, das plötzlich außer Kontrolle gerät. Ein misslungenes Ritual befördert seine Freundin in eine Art Koma. Alle Herausforderungen, die ich in «The Sinking City 2» bestehen muss, zielen auf ihre Rettung ab.
Jeder Spielabschnitt von Teil 2 dreht sich um ein zentrales Thema, auf das der gesamte Inhalt der folgenden Stunden aufbaut. Im Spiel treffe ich zum Beispiel auf eine Sirene, die lautstark nach meiner Hilfe ruft. Um sie aus ihren Fesseln zu lösen, erkunde ich das umliegende Theater und decke dabei einen verstörenden Plan rund um einen Massenmord auf. Die Detektivarbeit fühlt sich nicht wie in einem «Sherlock Holmes»-Spiel an; sie ist in das Erkunden der Umgebung eingeflochten und passiert ganz nebenbei.

Quelle: Frogwares
Parasitäre Würmer und eindeutige Inspirationen
Anders als sein Vorgänger ist «The Sinking City 2» kein Open-World-Game. Ich bewege mich meist in einem mehrstöckigen Gebäude und den umliegenden Bereichen, bevor es mit dem Boot ins nächste Gebiet geht. Sobald ich einen Story-Strang abgeschlossen und das Areal verlassen habe, kann ich nicht mehr zurück. Wichtige Items, wie neue Waffen und die dringend benötigten Taschenerweiterungen, verpasse ich, wenn ich nicht jeden Raum gründlich absuche.
Dabei bin ich selten allein: Hinter jeder Ecke warten Zombies, die bei Sichtkontakt riesige Pickel bilden und mir damit eine rot leuchtende Angriffsfläche präsentieren. Mit Pistole, Scharfschützengewehr und weiteren Waffen feuere ich auf meine Feinde, bis sie zu Boden gehen. Das Schießen fühlt sich auf der Playstation 5, im Vergleich zum ersten Teil auf der PS4, flüssiger und präziser an. Weniger Spaß macht der Nahkampf, bei dem Calvin entweder einen Stampfangriff ausführt oder zuschlägt. Beides ist unpräzise und ich verfehle des Öfteren mein Ziel.

Quelle: Frogwares
Um die Leichen winden sich jeweils zahlreiche Würmer am Boden, die entweder aus ihren Körpern austreten oder sich dort versammeln, um die Körper (erneut) zu befallen. Diese sogenannten Slither sind dafür verantwortlich, dass aus Leichen Zombies werden. Wenn ich einen Feind also nicht zweimal töten möchte, stampfe ich vor dem Weitergehen die klebrigen Parasiten zu Brei. Loot gibt es von besiegten Feinden nicht. Neue Ausrüstung finde ich ausschließlich in Kisten und Schubladen.
Neben Zombies in unterschiedlichen Ausführungen begegnen mir knöcherne Spinnenwesen, obskure Gestalten und sogar eine Art «Mister X», der mich mit seiner übermenschlichen Kraft durch die Räume jagt. Anders als sein offensichtliches Vorbild ist dieses Wesen allerdings ziemlich dumm und verliert meine Spur komplett, sobald ich um die Kurve laufe.
Weniger «Sherlock Holmes», mehr Rätsel
Die Entwickler von «The Sinking City 2» bleiben ihrem Stil aus dem ersten Teil treu und erwarten stets, dass ich beim Spielen mitdenke. Es gibt weder eine Minimap noch Zielmarkierungen, zu denen ich stumpf laufe. Die nächsten Schritte erfahre ich entweder in Gesprächen mit NPCs oder durch die Hinweise, die überall im Spiel versteckt sind. Die zahlreichen Rätsel lassen sich kaum durch pures Ausprobieren lösen. Ich muss mich mit der Lore und den gefundenen Texten befassen.

Quelle: Frogwares
Die gesammelten Schriftstücke verraten mir Schlosskombinationen,Hintergrundinformationen zu Charakteren und geben Tipps, wo ich Personen oder Gegenstände finde. Ich habe bei Spielbeginn einen moderaten Schwierigkeitsgrad für die Rätsel gewählt, deshalb werden mir in den Briefen alle wichtigen Punkte markiert. Das Filtern der Informationen und das Herausfinden der korrekten Lösung bleiben trotzdem anspruchsvoll.
Das Zusammensetzen von Schriftstücken in einem separaten Menü ist nicht zwingend nötig, um im Spiel voranzuschreiten. Ich kann mir alle nötigen Informationen selbst herausziehen. Die passenden Hinweise zu kombinieren bringt lediglich eine Art Ingame-Währung ein, die ich für Verbesserungen meiner Fähigkeiten in einem vereinfachten Skillbaum nutzen kann.
Skillbaum mal anders
Ein zentrales Element von «The Sinking City 2» ist der Nachtschatten. Eine okkulte Maske, die Calvin immer bei sich trägt. Aus Spoiler-Gründen verrate ich nicht, weshalb er sich diesen baumelnden Ballast an die Tasche hängt. Mit der Zeit schalte ich Vorteile für Kampf und Regeneration frei, die ich wie Edelsteine in die Aussparungen der Maske setze.

Quelle: Frogwares
Ich kann die Maske jederzeit neu bestücken, um die Fähigkeiten an meinen Spielstil und die kommenden Herausforderungen anzupassen. Dieses System ersetzt den herkömmlichen Talentbaum und bietet spielerische Tiefe, da ich nicht alle Fähigkeiten gleichzeitig nutzen kann.
Verstörend, eklig und überraschend tiefgründig
Während «The Sinking City» ein riesiges, offenes Gebiet voller Fischmenschen und anderer Figuren war, fühlt sich «The Sinking City 2» in der Menge der Konversationen zurückhaltender an. Es gibt eine Handvoll NPCs, nur wenige Charaktere und keine ausufernden Nebenmissionen. Die einzelnen Figuren sind gut geschrieben und bringen alle eine verstörende Geschichte mit, die sie mit guter englischer Synchro und deutschen Untertiteln erzählen.
Die Art des Horrors hat sich, im Vergleich zum Vorgänger, verändert: Es gibt nach wie vor Monster aus der Tiefsee und Feinde, die aus einem Lovecraft-Roman entspringen könnten. Doch Calvin muss viel mehr aushalten: Äußerst blutige Momente wechseln sich mit okkulten Szenarien, verstörenden Visionen und Body Horror ab. «Frogware» schafft es, das alles zu einem stimmigen Ganzen zu verbinden, das mich stets zum Weiterspielen motiviert. Einige Entscheidungen und Ereignisse wirken unlogisch, doch bei okkultem Horror ist penible Logik generell fehl am Platz.

Quelle: Frogwares
«The Sinking City 2» ist verfügbar für PC, PS5, Xbox Series X/S und wurde mir von Frogwares zur Verfügung gestellt.
Fazit
Gelungener Body-Horror für Fans der Nische
«The Sinking City 2» ist ein okkulter Leckerbissen, der nicht für die breite Masse gemacht ist. Würmer, die aus Augäpfeln quellen, narzisstische Sirenen und Seemonster sind eine willkommene Abwechslung im Genre. Wer thematische Spiele wie «The Chant» spannend findet und offensichtliche «Resident Evil»-Inspirationen zu schätzen weiß, wird «The Sinking City 2» (auch ohne Vorwissen) mögen.
Der Wechsel von der offenen Spielwelt aus dem ersten Teil zu den linearen Abschnitten in diesem Ableger tut «The Sinking City 2» gut. Ich kann nur selten mit meinem Boot vom Kurs abweichen und die Umgebung erkunden, was den Fokus immer auf der Geschichte hält. Die einzelnen Bereiche sind dafür sehr detailliert gestaltet und bieten zahlreiche verworrene Wege und Rätsel, die mich lange beschäftigen. Gut 15 Stunden habe ich damit verbracht, zwischen Albträumen und Parasiten zu überleben. Trotz einiger grafischer Ungereimtheiten und einem unbrauchbaren Nahkampfsystem hatte ich richtig viel morbid-ekligen Spaß.
Pro
- gute englische Vertonung
- Horror im Vordergrund, Detektivarbeit als optionales Extra
- knackige Rätsel
- Schusswaffen fühlen sich sauberer an als im Vorgänger
- interessante, unverbrauchte Charaktere
- Schwierigkeitsgrad von Rätseln und Kämpfen separat einstellbar
Contra
- Nahkampf nahezu unbrauchbar
- flackernde und nachladende Texturen
- wenig Erkundung auf eigene Faust möglich
Ich hatte als Kind weder einen Gameboy noch einen Super Nintendo. Darum stieg ich erst mit fünfzehn Jahren in die Welt des Gamings ein. Seither versuche ich, den Rückstand mit allen Mitteln gutzumachen. Schaue ich mir die jährlich steigende Zahl der Game-Releases an, scheint sich aber die gesamte Branche gegen mich verschworen zu haben.
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