
Warum die Obstschale gerade zum spannendsten Objekt im Interior wird
Eine Schale für Obst – klingt banal, ist es aber nicht. An den vergangenen Design-Events wurde klar: Kaum ein Alltagsobjekt wird gerade so ernst genommen wie dieses Gefäss. Fünf Pieces zeigen, warum.
Eine Obstschale ist meistens das unauffälligste Stück im Raum. Sie steht da, sie füllt sich, sie wird nachgefüllt. Niemand denkt gross darüber nach. An den letzten Möbelmessen in Mailand, Kopenhagen oder Lausanne habe ich aber gesehen, dass in diesem Jahr genau das Gegenteil passiert: Junge Studios und Ateliers behandeln das Gefäss wie eine Skulptur – aus Ton, Marmor oder Holz, oft in limitierter Auflage oder handgefertigt.
Das hat auch einen praktischen Grund: Bananen, Zitrusfrüchte, Avocados und Zwiebeln gehören bekanntlich nicht in den Kühlschrank, wie ich in einem früheren Beitrag schon geschrieben habe. Wie du sie lagerst, macht einen Unterschied: offene, gut durchlüftete Formen helfen beim gleichmässigen Reifen und reduzieren Food Waste. Fünf Studios haben daraus Konsequenzen gezogen – gestalterisch und handwerklich.
Mehr als Aufbewahrung
Clementine Long hat mit ihrer «Wheel»-Wandschale aus satiniertem, weiss glasiertem Steingut eine Form gewählt, die sich am Riesenrad orientiert. Acht Henkel halten das Obst, jedes Stück ist in Handarbeit aus Tonwülsten aufgebaut und dadurch ein Unikat. Montiert an der Wand braucht die Schale ausserdem keinen einzigen Zentimeter Arbeitsfläche.

Gus Studio aus Lausanne, gegründet von Lucile Conti, zeigt mit «Halo» eine ovale, bauchige Keramikschale, die mit ihrer schlichten Öffnung bewusst zwischen Skulptur und Funktion pendelt. Sie entstand im Rahmen eines Wettbewerbs der Lausanner Design Days: Keramikerinnen und Designer wurden eingeladen, Objekte für das Le Clay Hotel zu entwerfen – ein neues Designhotel inmitten der Lavaux-Weinberge, das 2027 eröffnet und ein eigenes Keramik-Atelier beherbergen wird. Hinter dem Wettbewerb steht Ferus, die Branding-Agentur des Hotels, die dafür die Zusammenarbeit mit den Design Days initiiert hat. «Halo» wurde als eines von vier Projekten ausgewählt.

Ganz anders denkt Renaud de Francesco seine Schale «Circuit»: inspiriert von Kugelbahnen, aus Eichen- oder Ahornholz, gefertigt in geschützten Werkstätten in der Schweiz. Das Design hat einen praktischen Kern: Die Rillen halten die Früchte auf Abstand. Sie berühren sich nicht, reifen langsamer und halten länger.

Skulpturaler wird es bei Vincent Kohler: Sein grosses Objekt aus Holz namens «Banana Split» ist reduziert auf eine einzige, fast drollige Geste. Kein Alltagsgegenstand im klassischen Sinn, aber ein gutes Beispiel dafür, wie weit sich das Thema Obstschale von der reinen Funktion entfernen lässt.

Am anderen Ende des Spektrums steht «Skala» von Cristallina Design, entwickelt in Zusammenarbeit mit dem ECAL/MAS Design for Luxury and Craftsmanship und dem einzigen Marmorsteinbruch der Schweiz auf über 1200 Metern im Tessin. Designer Murilo Weitz hat die Schale aus jahrmillionen altem Marmor entworfen, der ursprünglich aus versteinerten Meereskorallen stammt. Das gibt der Schale trotz ihrer Strenge eine unerwartete Tiefe.

Ein Trend mit Substanz
Was diese fünf Objekte eint, ist mehr als die Optik: Offene Formen aus Glas, Metall, Keramik oder Marmor lassen Obst von allen Seiten atmen, statt es in einer geschlossenen Schale einzuschliessen. Das lässt es gleichmässiger reifen – ein Nebeneffekt, der den skulpturalen Anspruch dieser Pieces zusätzlich rechtfertigt.
Du musst nicht nach Kopenhagen oder Mailand reisen, um dir ein Stück von diesem Denken nach Hause zu holen. Denn: Solche Designs gibt's auch bei uns.
Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Vom neuen iPhone bis zur Auferstehung der Mode aus den 80er-Jahren. Die Redaktion ordnet ein.
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