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«Star Wars» / Lucasfilm
Meinung

Welcher Film ist der bekannteste aller Zeiten?

Luca Fontana
20/8/2026

Acht Milliarden Menschen, über hundert Jahre Filmgeschichte und eine simple Frage: Welcher Film ist der bekannteste aller Zeiten? Ich habe versucht, eine Antwort zu finden. Das war vermutlich mein erster Fehler.

Ich habe eine Frage.

Eine ziemlich einfache sogar: Welcher Film ist der bekannteste aller Zeiten?

Nicht der beste. Darüber streiten sich Filmfans seit hundert Jahren, ohne auch nur einen Millimeter voranzukommen. Nicht der erfolgreichste. Dafür gibt es Tabellen. Und auch nicht der meistgesehene, denn spätestens irgendwo zwischen Kinotickets, VHS-Kassetten, Fernsehausstrahlungen, Streaming und Piraterie dürfte selbst der gewissenhafteste Statistiker leise weinend seinen Taschenrechner aus dem Fenster werfen.

Nein. Ich suche den bekanntesten Film aller Zeiten. Den einen Film, den mehr Menschen kennen als jeden anderen. Den Film, bei dem ich theoretisch irgendwo auf der Welt auf einen Bildschirm zeigen könnte und mein Gegenüber sagt: «Ah ja. Den kenne ich.»

Wie schwer kann das schon sein?

Was bedeutet eigentlich «kennen»?

Fangen wir mit einem kleinen Experiment an. Stell dir einen grossen, breitschultrigen Mann mit schwarzer Rüstung, schwarzem Helm und schwarzem Umhang vor. Schweres Atmen. Fast schon ein Röcheln. In seiner Hand ein grelles, rot leuchtendes Schwert.

Du weisst, wen ich meine. Natürlich weisst du das.

«No, I’m your father», können heute selbst jene zitieren, die noch keinen einzigen «Star Wars»-Film gesehen haben.
«No, I’m your father», können heute selbst jene zitieren, die noch keinen einzigen «Star Wars»-Film gesehen haben.
Quelle: Lucasfilm

Darth Vader gehört zu den populärsten Figuren der Popkultur. Seine Silhouette ist unverwechselbar. Genauso wie sein «Khhhh-Pchhhhh»-Atem. Das Lichtschwert sowieso. Selbst John Williams' «Imperial March» dürfte bei Millionen Menschen sofort irgendeine Synapse zum Feuern bringen.

Also, dann ist die Sache ja geklärt. «Star Wars» ist der bekannteste Film aller Zeiten.

Moment.

Welcher denn genau? Der erste Film, «A New Hope»? Oder «The Empire Strikes Back», wo der besagte Imperial March überhaupt erst zum ersten Mal zu hören war? Danach wird’s kompliziert. Es gibt sieben weitere Filme der Hauptreihe, dazu «Rogue One», «Solo», Serien, Spielzeuge, Videospiele, Bücher, Comics, Memes und Hunderte von Parodien.

Noch schwieriger wird’s bei Menschen, die Darth Vader kennen, aber noch nie einen einzigen «Star Wars»-Film gesehen haben. «Star Wars» kennen sie trotzdem, würde ich sagen. Aber kennen sie deshalb auch «Star Wars», den Film aus dem Jahr 1977, bevor Schöpfer George Lucas 1981 nachträglich noch «Episode IV: A New Hope» anhing?

Schwierig zu sagen. «Star Wars» besitzt einen der höchsten kulturellen Bekanntheitsgrade überhaupt. Gerade, weil es mittlerweile drei Generationen gibt, die je mit ihrer eigenen Trilogie aufgewachsen sind. Für Kinder von heute ist Rey Skywalker genauso selbstverständlich «Star Wars» wie für die älteren Generationen Luke oder Anakin Skywalker. Umgekehrt hingegen … nunja, reden wir besser nicht darüber.

Hm. So wird es schwierig, einen einzelnen Star-Wars-Film zum berühmtesten Film aller Zeiten zu küren. Das Franchise hat seinen eigenen Ursprung längst verschluckt.

Mist. Wir sind fünf Minuten drin und haben bereits ein Definitionsproblem.

Gut. Dann nehmen wir einfach Geld

Zum Glück gibt es eine wunderschöne, objektive Zahl, mit der Hollywood seit Jahrzehnten Erfolg misst: Box Office. Klar, ich suche ausdrücklich nicht den erfolgreichsten Film aller Zeiten. Aber irgendwo muss ich ja anfangen. Und wenn ein Film weltweit Milliarden von Dollar eingespielt hat, müssen verdammt viele Menschen dafür ein Kinoticket gekauft haben. Ein brauchbarer Hinweis auf Bekanntheit ist das allemal.

Also: Welcher Film hat weltweit am meisten Geld eingespielt?

«Avatar».

Danke fürs Lesen.

Okay, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Erstens hat «Avatar» popkulturell kaum Eindruck hinterlassen. Kannst du irgendeinen Satz aus dem Film zitieren, ausser «I see you», vielleicht? Könntest du ohne gross nachzudenken sagen, wie der Hauptbösewicht heisst (Miles Quaritch, übrigens)? Eben.

Und zweitens: James Camerons blaues Sci-Fi-Epos hat seit 2009 zwar weltweit rund 2,9 Milliarden Dollar eingespielt. Aber diese Zahl hat einen Haken: Das allgemeine Preisniveau steigt über die Jahre. Damit werden auch Kinotickets teurer. Ein Ticket kostete 2009 bereits deutlich mehr als 1977, als der erste «Star Wars» in die Kinos kam. Und heute zahlen wir wiederum mehr als 2009. Ein moderner Film kann deshalb mit gleich vielen verkauften Tickets deutlich mehr Geld einspielen als ein älterer. Wer einfach nur die eingenommenen Dollars vergleicht, bevorteilt automatisch neuere Filme.

Also müssen wir die Teuerung irgendwie herausrechnen. Eine auf Daten von Guinness World Records basierende IMDb-Rangliste rechnet die historischen Kinoeinnahmen dafür auf ein gemeinsames Preisniveau um. Vereinfacht gesagt: Was hätten die alten Blockbuster ungefähr eingespielt, wenn Kinotickets damals ähnlich viel gekostet hätten wie im gewählten Vergleichsjahr? Das Ergebnis führt uns zu einem ziemlich klaren Sieger, der 1939 in die Kinos kam:

«Gone with the Wind» – oder auf Deutsch: «Vom Winde verweht».

Beeindruckend.

Problem gelöst? Nein. Natürlich nicht. Denn 1939 sah die Unterhaltungswelt ein klein wenig anders aus. Damals gab’s kein Netflix. Kein YouTube. Keine Spielkonsolen und kein Doom Scrolling auf TikTok oder Instagram. Gleichzeitig liefen erfolgreiche Filme teilweise jahrelang im Kino – nicht Monate oder gar bloss Wochen. Heute, wo allein das Marvel Cinematic Universe mehrmals pro Jahr die Leinwände mit neuen Filmen besetzt, wäre so etwas kaum noch vorstellbar.

Dann war da noch das Fernsehen. Oder eben nicht. Denn 1939 standen selbst in den USA erst in sehr wenigen Haushalten überhaupt Fernseher. Und wer einen besass, konnte damit längst nicht rund um die Uhr aus einem riesigen Unterhaltungsangebot wählen; regelmässiges Fernsehprogramm steckte noch in den Kinderschuhen.

Kino konkurrierte also mit einer völlig anderen Medienwelt um unsere Aufmerksamkeit. Dazu kommt, dass «Gone with the Wind» für heutige Verhältnisse auch unvorstellbar lange Zeit hatte, sein Geld einzuspielen. Das macht seinen Erfolg nicht kleiner. Aber es macht ihn verdammt schwer vergleichbar. Und, wenn wir ganz ehrlich sind, auch hier kann mir niemand ernsthaft weismachen, dass «Gone with the Wind» bekannter ist als «Star Wars», oder?

Nächste Metrik.

Dann zählen wir eben Menschen

Eigentlich interessiert mich Geld sowieso nicht. Ich will wissen, wie viele Menschen einen Film kennen. Also zählen wir verkaufte Kinotickets. Das ist eh besser. Ein Ticket ist ein Mensch. Oder? Naja. Ungefähr. Wer denselben Film dreimal gesehen hat, ist plötzlich drei Menschen.

Überhaupt: Was machen wir mit all jenen, die einen Film gar nie im Kino gesehen haben? Ich zum Beispiel habe viele Filme meiner Kindheit nicht im Kino kennengelernt. Ich habe sie auf VHS gesehen. Später auf DVD. Manche liefen im Fernsehen. Andere habe ich irgendwann gestreamt.

Und wie zählen wir eine Familie, die 1995 gemeinsam «Jurassic Park» im Fernsehen geschaut hat? Eine Ausstrahlung? Vier Zuschauende? Fünf? Wenn ich an heutige Zeiten denke, dann kommen noch Streaming, Bordunterhaltung im Flugzeug, Hotels, Schulvorführungen und – ganz wichtig – Piraterie dazu, die die Ticketverkauf-Metrik komplett nutzlos machen.

Mit anderen Worten: Je älter ein Film ist, desto grösser wird ein gigantisches schwarzes Loch namens «Ich habe immer noch keine verdammte Ahnung, was der bekannteste Film aller Zeiten ist». Langsam beginne ich zu verstehen, warum niemand diese Weltrangliste führt.

Was jetzt? Was jetzt?!

Ich könnte an dieser Stelle natürlich aufgeben. Feststellen, dass «Bekanntheit» nicht messbar ist, meine Hände in die Luft werfen und diesen Artikel mit irgendeinem schlauen Satz darüber beenden, dass die eigentliche Antwort sowieso im Auge des Betrachters liegt.

Kommt nicht infrage.

Ich habe mich jetzt durch Box-Office-Zahlen, Inflation und Kinotickets gewühlt. Ich habe darüber nachgedacht, ob jemand einen Film kennen kann, ohne ihn je gesehen zu haben. Und ich habe festgestellt, dass Darth Vader womöglich berühmter ist als jeder einzelne US-Präsident der Geschichte. Nach all dem schulde ich dir wenigstens eine Antwort.

Also gut. Wen haben wir?

Fuck it: Küren wir einen Sieger!

«Gone with the Wind» können wir trotz seines historischen Erfolgs wohl streichen. Der Film ist legendär, keine Frage. Aber würde ich heute irgendwo in Japan, Brasilien, Nigeria oder der Schweiz ein Bild von Clark Gable und Vivien Leigh zeigen und zuverlässig ein «Ah ja, den kenne ich» bekommen? Ich habe Zweifel.

«Avatar» fliegt ebenfalls raus. Fast drei Milliarden Dollar Kinoeinnahmen sind absurd. Aber seine Figuren haben sich trotzdem erstaunlich wenig ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Na'vi kennt man. Neytiri vielleicht auch. Aber Pandora? Jake Sully? Colonel Miles Quaritch?!

Dann hätten wir eine ganze Reihe ganz grosser Popkultur-Monster.

«Superman» zum Beispiel. Das «S» auf der Brust dürfte zu den am meisten wiedererkannten Symbolen der Menschheitsgeschichte gehören. Rotes Cape, Kryptonit, Clark Kent – alles längst Allgemeinwissen. Nur hilft mir das überhaupt nicht. Superman flog bereits seit 1938 durch Comics, Radio und Fernsehen, bevor Christopher Reeve 1978 zum ersten Mal sein Cape fürs Kino anzog. Später kamen weitere Filme, Serien, Cartoons, Henry Cavill und weiss der Geier wie viele Neuinterpretationen dazu.

Klar, Superman selbst ist womöglich populärer als jeder einzelne Film, über den ich hier geschrieben habe. Nur gehört sein Ruhm keinem einzelnen davon. Batman? Dasselbe Problem. James Bond? Noch schlimmer. Spider-Man? Vergiss es.

Und damit wären wir wieder bei «Star Wars».

Darth Vader wurde nicht Jahrzehnte vor seinem Film erfunden. Er betrat 1977 zusammen mit «Star Wars» die Welt. Genauso wie Luke Skywalker, Leia, Han Solo, Chewbacca, R2-D2, Yoda, Lichtschwerter und die Macht. Vieles von dem, was heute selbst Menschen kennen, die noch nie einen «Star Wars»-Film gesehen haben, lässt sich tatsächlich auf diesen einen Film zurückführen.

Das ist ein verdammt starkes Argument.

Nur ist «Star Wars» mittlerweile selbst am «Superman»-Syndrom erkrankt. Drei Generationen sind mit drei unterschiedlichen Trilogien aufgewachsen. Dazu kommen Serien, Games, Bücher, Comics, Lego und fast 50 Jahre Merchandising. Kennen alle, die heute ein Lichtschwert erkennen, damit wirklich den Film von 1977? Oder einfach «Star Wars», das Franchise?

Eben: Ich weiss es nicht. Also bleibt noch ein Film, der dieses Problem erstaunlicherweise kaum hat.

«Titanic».

Ich leg mich fest

Fast jeder kennt das Schiff. Fast jeder kennt den Eisberg. Céline Dions «My Heart Will Go On» wurde genauso zum kulturellen Dauerbrenner wie das Bild von Jack und Rose am Bug. Leonardo DiCaprio schreit «I'm the king of the world!» – und irgendwo auf diesem Planeten breitet wahrscheinlich gerade jemand auf einem Kreuzfahrtschiff die Arme aus.

Anders als bei «Superman», «Spider-Man» oder «James Bond» verteilt sich die kulturelle Durchdringung nicht auf dutzende Filme, Videospiele oder Comics. Anders als bei «Star Wars» muss ich nicht erklären, welche Episode ich eigentlich meine. Anders als bei «Gone with the Wind» zweifle ich nicht daran, dass auch Menschen, die Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung geboren wurden, zumindest wissen, wovon ich rede. Und anders als bei «Avatar» hat sein gigantischer finanzieller Erfolg auch einen gigantischen popkulturellen Fussabdruck hinterlassen.

Ja, ich hör’ dich schon. Natürlich schummelt «Titanic» ein bisschen. Denn das Schiff war schon weltberühmt, bevor Regisseur James Cameron überhaupt geboren wurde. Die Katastrophe von 1912 gehört zu den bekanntesten Unglücken der Geschichte. Vielleicht kennt die Welt Camerons Film auch nur deshalb so gut, weil sie die Geschichte des Schiffs schon vorher kannte.

Aber vielleicht ist genau das seine grösste Stärke.

Warst du je auf einem Schiff in deinem Leben und hast nicht EINMAL genau DAS gemacht?
Warst du je auf einem Schiff in deinem Leben und hast nicht EINMAL genau DAS gemacht?
Quelle: 20th Century Studios

Cameron nahm eine Geschichte, die bereits im kollektiven Gedächtnis der Menschheit verankert war, und legte seine eigene darüber. Heute lassen sich beide kaum noch voneinander trennen. Wir denken an die Titanic, das Schiff – und sehen Jack und Rose die Arme ausbreiten. Wir hören Céline Dion. Wir sehen das Schiff fast senkrecht im Atlantik stehen, während die Kapelle noch immer ihre Musik spielt, um die Menschen zu beruhigen ...

Geschichte und Hollywood sind längst miteinander verschmolzen.

Ist «Titanic» also der bekannteste Film aller Zeiten? Keine Ahnung. Aber nach Milliarden von Kinoeinnahmen, hundert Jahren Filmgeschichte, Darth Vaders Atem, einem Eisberg und viel zu vielen Zahlen ist das der Film, bei dem ich meine vollkommen unwissenschaftliche Wette platzieren würde.

«Titanic» gewinnt.

Vermutlich.

Vielleicht.

Ach, was weiss ich schon.

Titelbild: «Star Wars» / Lucasfilm

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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