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Hintergrund

Wie China die KI-Blase anpiekst

Moonshot und Alibaba behaupten, ihre KI-Modelle hätten US-Anbieter praktisch eingeholt. Damit machen die chinesischen Unternehmen sowohl die Politik als auch die Börse nervös.

Zwei chinesische Firmen haben KI-Modelle vorgestellt, die das Silicon Valley unter Druck setzen. «Kimi K3» von Moonshot und «Qwen 3.8» von Alibaba sollen angeblich so gut sein wie die besten Modelle von Anthropic und OpenAI – und sind im Gegensatz zu diesen öffentlich verfügbar. Da Kimi und Qwen zudem Open Weight sind, lassen sie sich vollständig herunterladen, lokal betreiben und kaum kontrollieren.

Der Moment erinnert an die Veröffentlichung von DeepSeek im Februar 2025. Schon damals versetzte ein chinesisches KI-Modell die Branche in Aufregung und liess die Aktienkurse der US-Tech-Firmen einbrechen. Vor einigen Wochen veröffentlichte das chinesische Start-up Ziphu AI zudem ein Cybersecurity-Modell (GLM-5.2), das mit Anthropics Mythos 5 konkurriert. Auch DeepSeek und GLM sind Open Weight.

Copy, paste, flood

Die Modelle von Moonshot, Alibaba, DeepSeek und Co. sind nicht nur frei verfügbar, sondern auch günstiger als die High-End-Chatbots aus den USA. Kurz gesagt betreibt China KI-Dumping. Es funktioniert nach dem gleichen Muster wie bei vielen anderen Produkten wie Solarpanels oder Autos: Statt alles von Grund auf selbst zu entwickeln, kopieren chinesische Unternehmen bestehende Technologien, machen sie günstiger (in manchen Fällen auch besser) und fluten damit den Markt.

Bei physischen Produkten wie Autos oder Smartphones passierte das in der Vergangenheit meist, indem China mit attraktiven Bedingungen die Produktionen westlicher Firmen anlockte. So betreiben Tesla und Apple etwa riesige Fabriken im Reich der Mitte. Damit sparen sie Geld, haben aber zugleich ihre direkte Konkurrenz ausgebildet. Denn das Know-how aus der Produktion landete bei Autofirmen wie BYD oder Smartphonehersteller wie Huawei. Mittlerweile bildet das Land zudem auch selbst Millionen hochspezialisierte Fachkräfte pro Jahr aus.

Bei KI-Modellen geht das Kopieren sogar schneller und einfacher – per «Distillation». Vereinfacht gesagt fungiert dabei ein grosses, teures Modell als Lehrer und ein neues als Schüler. Mittels Millionen von Anfragen gräbt das neue Modell systematisch Trainingsdaten ab und wird so ähnlich leistungsfähig wie das Original.

Das Verfahren ist in der Branche eine etablierte Technik, die nicht nur China einsetzt. Innerhalb der gleichen KI-Firma werden so zum Beispiel kleinere Modelle für Smartphones trainiert. Und Elon Musk hat zugegeben, dass xAI für seinen Chatbot Grok Daten von OpenAI destilliert hat.

Moralisch betrachtet handelt es sich dabei um Diebstahl geistigen Eigentums. Rechtlich bewegt sich Distillation in einer Grauzone. Es gibt kein explizites Gesetz dagegen, weil es streng genommen keine Urheberrechtsverletzung ist. Die grossen KI-Anbieter verbieten in ihren Nutzungsbedingungen jedoch die systematische Anfragen, die für Distillation nötig sind. Sie können bei Verstössen Kontos sperren und zivilrechtlich gegen die Inhaber vorgehen.

Das ist jedoch ein schwaches und international nahezu nutzloses Instrument. Deshalb versuchen KI-Anbieter, technische Hürden in ihre Modelle einzubauen. Diese können Distillation allerdings höchstens verlangsamen, solange die Chatbots gleichzeitig öffentlich zugänglich und funktional bleiben sollen.

Moonshot wird von der US-Regierung beschuldigt, Modelle von Anthropic destilliert zu haben.
Moonshot wird von der US-Regierung beschuldigt, Modelle von Anthropic destilliert zu haben.
Quelle: Shutterstock

Solange die US-amerikanischen Frontier Labs ihre KIs immer weiter verbessern, könnten sie auch in Zukunft an der Spitze bleiben. Doch erstens scheint der Rückstand der chinesischen Modelle kleiner zu sein als bisher angenommen. Und zweitens spielt er wirtschaftlich betrachtet kaum eine Rolle. Ein Modell mit 90 Prozent der Leistung zu 20 Prozent der Kosten im Vergleich zu US-Modellen ist für viele Anwendungen attraktiver.

KI als politische Strategie

Peking hat KI bereits 2017 als «strategische Technologie» eingestuft und 2021 das erste Mal in den Fünfjahresplänen verankert. Die politische Führung verknüpft damit mehrere Ziele: Produktivitätsgewinne, Kontrolle von Informationsströmen, militärische Nutzung und geopolitischen Einfluss.

Chinesische Chatbots gewinnen insbesondere in Schwellenländern stark an Boden. Und wer die meistgenutzten Modelle stellt, prägt, welche Inhalte in welcher Form für Millionen Menschen sichtbar sind.

Um Chinas Vormarsch zu bremsen, beschneiden die USA den Zugang zu Hochleistungs‑GPUs von Nvidia. Gleichzeitig will die Regierung eigene Modelle strenger unter Kontrolle halten. So musste Anthropic auf Anordnung des Handelsministeriums seine Cybersecurity-Modelle Mythos 5 und Fable 5 temporär offline nehmen. Mittlerweile sind sie wieder verfügbar, wobei das stärkere Mythos ausgewählten Unternehmen vorbehalten bleibt.

China antwortet mit technologischer Entkopplung. Peking treibt den Bau von Rechenzentren in dünn besiedelten Regionen im Westen des Landes voran. Dort entstehen riesige KI‑Serverfarmen für Anbieter wie Huawei, Tencent, Alibaba und DeepSeek, gespeist mit Wind- und Solarenergie. Die Regierung übernimmt angeblich bis zu 50 Prozent der Stromkosten, sofern heimische Chips eingesetzt werden. So will man sich von Nvidia und anderen US‑Anbietern lösen und eine unabhängige KI‑Industrie aufbauen.

Die politische Dimension geht über Industriepolitik hinaus. KI wird in China auch als militärischer Faktor betrachtet. Die Volksbefreiungsarmee setzt auf «Military‑Civil Fusion», also die Nutzung ziviler Technologien für militärische Zwecke. Die starken chinesischen KI‑Modelle sind für die USA deshalb nicht nur ein wirtschaftliches Risiko, sondern auch eine Frage strategischer Verwundbarkeit. Von Cyberangriffen über Desinformationskampagnen bis zu autonomen Waffensystemen.

Europa schaut derweil von der Seitenlinie aus zu. Eigene leistungsfähige KI-Modelle und die nötige Infrastruktur sind Mangelware. Damit ist der Kontinent entweder abhängig von den USA oder China. Und beide Optionen bergen Risiken. Die USA nehmen im Zweifelsfall keine Rücksicht auf europäische Interessen, wie der Fall um Mythos und Fable gezeigt hat. Bei chinesischen Modellen kommen zusätzliche Datenschutzbedenken hinzu. Der lokale Betrieb von Open-Weight-Modellen kann diese allerdings reduzieren.

China rüttelt am Kartenhaus

Wirtschaftlich bedroht der Aufstieg chinesischer KI‑Modelle das Geschäftsmodell von Anthropic und OpenAI – und damit ein gigantisches Kartenhaus. Cloudanbieter wie Microsoft, Meta, Alphabet, Amazon und Oracle bauen riesige Rechenzentren für eine zukünftige Nachfrage der beiden grossen KI-Anbieter. Sie schaufeln dafür Unsummen zu Hardwareherstellern wie Nvidia, Samsung, SK Hynix und Micron.

Unter dem Strich ist der Grossteil des aktuellen US-Wirtschaftswachstums an KI geknüpft. Zirkuläre Deals zwischen den Big-Tech-Firmen sowie Neocloud-Anbietern wie CoreWeave und Nebius pumpen die Bilanzen und Börsenkurse zusätzlich auf.

Das Narrativ der langfristigen Profitabilität gerät immer mehr unter Druck. Es ist fraglich, ob teure Frontier-Modelle die Produktivität wirklich in einem so hohen Umfang steigern, dass es sich für die Kundschaft finanziell lohnt. Zumindest in der versprochenen Breite. Bisher verzerren die Anbieter die Rechnung mit stark subventionierten Abos und verbrennen dafür Unmengen an Risikokapital. Das zeigen etwa die geleakten Zahlen von OpenAI. Aber wie viele Abonnenten werden jemals die realen Kosten bezahlen, wenn chinesische Anbieter den Markt mit vergleichbaren Modellen zum Spottpreis fluten?

Auch China geht mit seiner Strategie ein hohes Risiko ein. Dort wird es von der ganzen Gesellschaft getragen. Peking investiert Milliarden von Staatsgeldern in den Ausbau von KI. Gleichzeitig bleibt ein grosser Teil der chinesischen Wirtschaft in einer tiefen Strukturkrise, etwa im Immobiliensektor. Sollte die globale KI‑Euphorie abflauen, sitzt auch China auf einem teuren Scherbenhaufen von überflüssiger Infrastruktur.

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Mein Fingerabdruck verändert sich regelmässig so stark, dass mein MacBook mich nicht erkennt. Der Grund: Sitze ich nicht vor einem Bildschirm oder stehe hinter einer Kamera, hänge ich oft an den Fingerspitzen in einer Felswand.


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