
Wie Gamification meinen Messebesuch verändert
Versteckte QR-Codes, Erfahrungspunkte und virtuelle Belohnungen bringen mich dazu, eine Gaming-Messe anders zu erkunden. Doch bekomme ich dadurch tatsächlich mehr von der Veranstaltung mit? Auf der Polaris mache ich den Selbstversuch und stoße dabei auch an die Grenzen der Gamification.
Ein QR-Code klebt auf dem Boden, direkt in der Mitte einer offenen Gerüstsäule am Eingang zu einem Messestand. Wer nur flüchtig daran vorbeigeht, dürfte ihn leicht übersehen. Ich freue mich über den Fund, zücke mein Smartphone und scanne den Code. Wieder ein paar Erfahrungspunkte mehr.

Eigentlich bin ich auf der Polaris, um mir Spiele, Shows und Vorträge anzusehen. Doch inzwischen halte ich auch nach kleinen quadratischen Aufklebern Ausschau. Ich gehe andere Wege, betrachte die Messestände genauer und suche selbst an ungewöhnlichen Stellen. Die Schnitzeljagd hat mich gepackt.
Eine exklusive Premiere als Lockmittel
Dass ich überhaupt bei der QR-Code-Jagd mitmache, liegt zunächst an der Anime-Serie «Cyberpunk: Edgerunners». Auf der Polaris ist die Premiere der ersten Folge der zweiten Staffel zu sehen. Wer dabei sein will, braucht neben einem Altersnachweis ein spezielles Bändchen, das sich über die Messe-App freischalten und am Info-Point abholen lässt.

Dafür reichte bereits die erste Belohnungsstufe. Allerdings waren die Plätze begrenzt. Ich bin ungefähr eine Minute zu spät dran und gehe leer aus. Scheiße. Meine Kolleginnen Debbie und Michelle, mit denen ich die Premiere gemeinsam besuchen wollte, sind noch später dran. Auch sie bekommen kein Bändchen.
Trotzdem mache ich weiter. Denn die Suche nach den QR-Codes hat mittlerweile ihren eigenen Reiz entwickelt.
So funktioniert die QR-Code-Jagd
Die sogenannte Sticker Hunt ist Teil der offiziellen Polaris-App. Insgesamt verstecken die Veranstalter 150 QR-Codes auf dem Messegelände, die Besucher mit der App einscannen können. Dafür erhalten sie Erfahrungspunkte, kurz XP. Mit genügend Punkten steigen sie im Level auf und schalten Belohnungen frei.
Dazu gehören beispielsweise neue Gestaltungsmöglichkeiten für den persönlichen Avatar in der App. Eine Bestenliste zeigt außerdem, wer besonders viele Punkte gesammelt hat. Auch das Scannen von Freundescodes anderer Besucher bringt XP.

Neben kleineren Belohnungen lockt die Polaris 2026 mit einer Tombola. Zu gewinnen gibt es unter anderem einen Gaming-PC im Wert von über 4300 Euro, zwei Nintendo Switch 2 und Gaming-Zubehör von Logitech. Anders als in den Vorjahren sind die Hauptpreise nicht mehr den zehn Bestplatzierten vorbehalten. Stattdessen können Besucher bis zu drei Lose freischalten und an täglichen Verlosungen teilnehmen. Damit will die Polaris auch Gästen mit nur einem Messetag eine Gewinnchance geben.
Plötzlich schaue ich genauer hin
Die Sticker Hunt verändert tatsächlich, wie ich mich über das Messegelände bewege. Ich bleibe häufiger stehen und betrachte meine Umgebung genauer. Schließlich könnte sich irgendwo der nächste QR-Code verstecken.
Neue Aussteller entdecke ich dadurch zwar nicht unbedingt, dafür nehme ich einzelne Stände bewusster wahr. Die Schnitzeljagd ergänzt meinen Messebesuch, statt ihn vollständig zu bestimmen.

Genau hier setzt Gamification an. Dabei werden typische Elemente aus Videospielen auf Tätigkeiten übertragen, die eigentlich keine Spiele sind. Dazu gehören Erfahrungspunkte, Ranglisten oder freischaltbare Belohnungen. Welche Elemente motivieren, hängt auch davon ab, welche Bedürfnisse sie ansprechen. Eine Studie aus dem Jahr 2017 untersuchte, wie unterschiedliche Kombinationen von Spielelementen die Motivation beeinflussen. Ranglisten, Abzeichen und Fortschrittsanzeigen stärkten bei den Teilnehmenden das Gefühl eigener Kompetenz. Avatare, eine Hintergrundgeschichte und virtuelle Teammitglieder förderten dagegen das Gefühl sozialer Zugehörigkeit.
Bei mir hat sich die Motivation nach kurzer Zeit verändert. Anfangs lockte mich die Aussicht auf die Anime-Premiere, mittlerweile macht mir die Suche selbst Spaß. Der ursprüngliche äußere Anreiz ist in den Hintergrund gerückt.
Andere Besucher gehen offenbar ehrgeiziger vor. An manchen QR-Codes bilden sich regelrechte Schlangen. Besonders eindrücklich ist eine Situation an der Main Stage: Nach einer Show wird bekannt, dass sich dort ein Code befindet. Zahlreiche Besucher strömen daraufhin nach vorne.

Auch das Sammeln von Freundescodes scheint beliebt zu sein. Ich beobachte Besucher, die gezielt andere ansprechen, um zusätzliche Erfahrungspunkte zu erhalten. Mich reizt diese Möglichkeit überhaupt nicht. Selbst mit meinen Begleiterinnen Debbie und Michelle habe ich mich bis heute nicht über die App verknüpft. Dass daraus mehr als ein kurzer Punkteaustausch entstehen kann, zeigt ein Beispiel der Veranstalter: Eine ihrer besonders aktiven Spielergruppen lernte sich im ersten Jahr über die App kennen und besucht die Polaris seitdem jedes Jahr gemeinsam.

Quelle: Hamburg Messe und Congress / René Zieger (PC26_RZ_Datum_1234)
Mehr Spielspaß, mehr Interesse?
Mit der Sticker Hunt will die Polaris ihre Besucher nach eigener Aussage dazu bringen, das gesamte Messegelände zu erkunden und miteinander in Kontakt zu kommen. Die QR-Code-Jagd soll Besucher auch in Themenwelten führen, die sie sonst möglicherweise ausgelassen hätten. Strategisch platzierte QR-Codes sollen außerdem kleinere und weniger zentral gelegene Stände stärker ins Blickfeld rücken. Nach Angaben der Veranstalter sollen sie so ähnlich viel Aufmerksamkeit erhalten wie prominenter gelegene Aussteller.

Mehr Spielspaß bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass Besucher auch mehr aus einer Ausstellung mitnehmen. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2025 untersuchte 767 Besucher einer interaktiven Ausstellung zur Energiewende in Deutschland. Teilnehmer des integrierten Spiels bewerteten das Ausstellungserlebnis positiver. Einen statistisch nachweisbaren direkten Zusatzeffekt auf das Wissen und die Einstellungen zur Energiewende fanden die Forschenden jedoch nicht. Allerdings hing das positivere Erlebnis damit zusammen, dass die Spieler ihr Wissen über die Energiewende nach dem Besuch höher einschätzten.
Ob die Sticker Hunt auf der Polaris kleinere Aussteller tatsächlich stärker ins Blickfeld rückt, bleibt offen. Bei mir hat die Suche zwar dazu geführt, dass ich genauer hingeschaut habe. Neue Aussteller habe ich dadurch aber nicht unbedingt entdeckt. Wie stark andere Besucher von der QR-Code-Jagd profitieren und ob kleinere Stände tatsächlich mehr Aufmerksamkeit bekommen, lässt sich aus meiner Erfahrung nicht ableiten.

Die ersten Schwächen zeigen sich
So viel Spaß mir die Suche macht, so wenig interessieren mich einige der Belohnungen. Im Verlauf meines Besuchs schalte ich neue Gestaltungsmöglichkeiten für meinen Avatar frei. Die virtuellen Outfits lassen mich allerdings kalt.
Auch zwei zusätzliche Belohnungen überzeugen mich nicht. Eine davon, eine Art 3D-Druck, möchte ich trotzdem einlösen. Doch die Weiterleitung auf die entsprechende Seite funktioniert nicht richtig. Die Einlösung scheitert.
Die Tombola mit ihren hochwertigen Preisen finde ich attraktiver. Während der QR-Code-Jagd denke ich aber kaum an die Verlosung. Offenbar brauche ich gar keine große Belohnung, solange mir die Suche selbst Freude bereitet.

Problematischer finde ich die technischen Schwierigkeiten. Bereits vor dem Messebesuch wirft mich die Polaris-App wiederholt aus der Anwendung. Erst eine Neuinstallation hilft. Auch die Bedienoberfläche empfinde ich als unübersichtlich.
Drei QR-Codes beenden meine Schnitzeljagd
Zunächst funktioniert das Scannen weitgehend problemlos. Dann stoße ich auf einen QR-Code, den die App einfach nicht erkennt. Ich halte mein Smartphone näher heran, verändere den Abstand und versuche es mit dem Zoom. Nichts passiert.
Auch bei einem anderen QR-Code scheitern meine Versuche. Meine Geduld schwindet. Beim dritten Problem-Code ist sie schließlich aufgebraucht. Ich probiere es immer wieder, doch die App erkennt den Code einfach nicht. Bei anderen Besuchern scheint das Scannen dagegen problemlos zu funktionieren. Nur vereinzelt höre ich von ähnlichen Schwierigkeiten.
Besonders frustrierend ist das, weil ich die eigentliche Aufgabe bereits gelöst habe. Ich habe den versteckten Code gefunden, bekomme dafür aber keine Erfahrungspunkte. Ausgerechnet die unmittelbare Bestätigung meines Erfolgs, die mich zum Weitersuchen motivieren soll, bleibt aus.

Auf Nachfrage bestätigt die Polaris, dass es bei der Sticker Hunt gelegentlich technische Probleme gibt. Häufig seien schlechte Internetverbindungen oder versehentlich deaktivierte QR-Codes die Ursache. Die betroffenen Codes habe das Team allerdings schnell wieder aktiviert. Ob meine Schwierigkeiten damit zusammenhingen, kann ich nicht beurteilen. Auffällig ist jedoch, dass andere Besucher dieselben Codes offenbar nahezu zeitgleich problemlos scannen konnten, während die App sie bei mir nicht erkannte.
Schließlich habe ich genug und beende die Schnitzeljagd.
Die Idee hinter der Sticker Hunt gefällt mir trotzdem. Sie hat mich dazu gebracht, die Messe bewusster zu erkunden. Schöner wäre aber, wenn das auch verlässlich jederzeit funktioniert.
Die Interessen sind vielfältig, gerne genieße ich einfach nur das Leben. Immer auf der Suche nach News aus den Bereichen Darts, Gaming, Filme und Serien.
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