
Metall wird kuschlig: Der Trend, der Chrom seine Kälte nimmt
Metall ist seit Jahren Dauergast auf den Designmessen: roh, glänzend, mal bunt. Jetzt zeigt sich eine neue Stufe. Es wird kombiniert, mit Stoff, Gummi, Harz oder Alabaster. Fünf Pieces zeigen, was der Mix bringt: von mehr Komfort bis zu optischer Wärme.
Metall kann hart, kalt, industriell. Das weiss mittlerweile jedes Interior-Regal. 2024 war es cool und silbern, 2025 plötzlich bunt.
Jetzt geht der Trend einen Schritt weiter. Metall wird nicht mehr für sich allein gedacht, sondern im Dialog mit Materialien, die genau das mitbringen, was ihm fehlt: Wärme, weiche Texturen, Haptik. Zu sehen war das unter anderem an der EDIT Napoli und bei den 3daysofdesign in Kopenhagen: Stahl trifft auf Alabaster, Aluminium auf Harz, Metall auf Gummipolster oder Bio-Textil.
1. Pila von Lotto Studio: Alabaster trifft auf perforierten Stahl
Mit «Pila» bringt Lotto Studio Alabaster-Handwerk mit industrieller, modularer Bauweise zusammen. Das Säulensystem aus Edelstahl mit vielen kleinen Löchern und Alabaster-Elementen lässt sich zu Tischen, Sideboards und Regalen erweitern – ähnlich modular wie ein USM-System, nur mit Stein statt Lack. Der Volterranische Alabaster stammt von Artieri 1895, der ältesten Kunsthandwerksmanufaktur Italiens, gegründet 1895 in Volterra.


Der Unterschied steckt im Detail: Während das Stahlgerüst streng seriell gefertigt ist, gleicht keine Alabaster-Kugel der anderen. Jede zeigt ihr eigenes Muster. Aus einer industriellen Konstruktion wird so ein Unikat.
2. Ipek Demircioglu Studio: rohes Aluminium trifft auf eingefärbtes Kunstharz
Nicht mal ein Jahr ist Ipek Demircioglu Studio aus Istanbul alt, doch die Mission steht fest. Gemeinsam mit lokalen Handwerkerinnen und Handwerkern erforscht das Studio das Zusammenspiel von rohem Aluminium und eingefärbtem Kunstharz. Das feste Metallgerüst bleibt sichtbar, während das Harz in ausgewählten Farbtönen Licht durchlässt.

Schwer sieht anders aus: Trotz Metallkern wirkt das Objekt leicht, fast schwebend. Farbe und Transparenz des Harzes brechen die Schwere des Rohmaterials.
3. D200 DNLP Stool von MLK: Gummipolster auf Metallgestell
Der französische Designer Arthur Moulucou, ursprünglich Landschaftsarchitekt, produziert heute in seiner eigenen Werkstatt. Zurück in Frankreich gründete er MLK Furniture, ein Lab für zugängliches Design mit modularem Anspruch. Im Zentrum steht sein «Sandwich-Prinzip»: Bauteile werden zwischen zwei Metallplatten eingeschlossen. Das macht die Möbel einfach zu montieren und zu reparieren. Daraus entstehen rohe, fast schon futuristische Formen. Sein Hocker «D200 DNLP» kombiniert diese Metallkonstruktion mit einem Gummisitz.

Der Trick liegt in der Form: Die gewölbte Sitzfläche hält das Gummi von allein, du brauchst keine zusätzlichen Schrauben oder Clips. Aus Moulucous Prinzip von Kontrast und Widerspruch wird so auch ein pragmatischer Vorteil – weniger Teile, mehr Komfort.
4. LW-B010 von Natural Material Studio
Natural Material Studio forscht seit Jahren an nachhaltigen, biologisch abbaubaren Materialien. Bei der Leuchtenserie «LW-B010» trifft ein schlanker, offener Aluminiumrahmen mit eingebautem LED-Licht auf hauseigenes Bio-Textil. Das Textil wird direkt um das Gestell gefaltet. Da es aus natürlichen Prozessen entsteht, unterscheidet sich jedes Stück minimal in Farbe und Struktur.


Der eigentliche Clou dabei: Während das Aluminiumgerüst für die Ewigkeit gebaut ist, ist das Bio-Textil biologisch abbaubar. Das eine hält, das andere vergeht. Ein Kontrast, der sich nicht nur sehen, sondern auch gedanklich spüren lässt.
5. O Series von A-POC ABLE Issey Miyake × Atelier Oï
Das Schweizer Studio Atelier Oï und Issey Miyakes A-POC ABLE bringen Metall und Stoff zusammen. Für die O Series verbinden sie einen filigranen Drahtrahmen mit einem Lampenschirm aus recyceltem Polyester. Dieser wird in einem speziellen Dampf-Dehn-Verfahren hergestellt – demselben Textilverfahren, das sonst für Kleidung verwendet wird. Die Farben der neuen Edition sind von Holz- und Steintexturen inspiriert.


A-POC steht für «A Piece Of Cloth»: ein Verfahren, das Issey Miyake 1998 in Paris vorstellte. Statt einzeln zugeschnitten und genäht zu werden, entsteht ein ganzes Kleidungsstück aus einem einzigen, vorgewobenen Stück Stoff. Seit 2021 führt A-POC ABLE unter Designer Yoshiyuki Miyamae dieses Prinzip weiter, mit dem Ziel, es für möglichst viele Bereiche nutzbar zu machen. Daher auch der Name «Able».
Der gefaltete Stoffschirm lässt sich vom Drahtgestell lösen und austauschen, je nach Raum oder Anlass. Das Gerüst aus Metall bleibt, der Charakter der Leuchte wird wechselbar.
Warum gerade jetzt
Was alle fünf Beispiele eint: Metall bleibt tragendes Gerüst, überlässt aber einem zweiten Material die sinnliche Arbeit – Wärme, weiche Texturen, das Vergängliche, Komfort. In der Mode wie im Interior sind Trends notorisch unberechenbar. Noch vor zwei Jahren war Metall pur und kühl das grosse Ding, heute verschwimmen die Grenzen zwischen Material und Gegenpart. Ob sich dieser Mix durchsetzt oder nur eine Momentaufnahme bleibt, lässt sich kaum vorhersagen. Fest steht nur: Gerade in der Reibung zwischen Hart und Weich, Industrie und Handwerk entstehen aktuell die interessantesten Objekte.
Mit der Begeisterung eines Cheerleaders feiere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratiere ich einfache, aber raffinierte Interior-Entdeckungen, spüre Trends auf und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Vom neuen iPhone bis zur Auferstehung der Mode aus den 80er-Jahren. Die Redaktion ordnet ein.
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