
Ruhepol statt Showman: So wirkt der neue Apple-CEO
Seit September ist John Ternus der neue Chef von Apple. An der iPhone-Keynote musste er das erste Mal seine Kompetenz als Frontmann unter Beweis stellen. Er setzte den Fokus auf Technik und Teamgeist.
Apples Keynote war nicht nur die Premiere für das erste faltbare iPhone, sondern auch für John Ternus als CEO. Nach 15 Jahren mit Tim Cook an der Spitze stand erstmals eine neue Figur im Rampenlicht, die das Unternehmen nach aussen vertreten soll. Wie wirkt dieser Mann auf der Bühne – und was löst das aus?
Zunächst fällt auf, wie zurückhaltend Ternus auftritt. Das beginnt bei der betont lockeren Kleidung: dunkler Pullover, schwarze Jeans, Sneakers. Keine ikonische Uniform wie der Rollkragen von Steve Jobs, kein hochtrabendes Manager-Outfit. Der neue CEO wirkt «normal» und nahbar. Die Körpersprache bleibt ruhig und er vermeidet schnelle Bewegungen. Ternus steht meist stabil oder spaziert entspannt durch den Campus. Er gestikuliert gezielt, aber nicht übertrieben – kein Showman, sondern ein Ruhepol, der kein Spektakel nötig hat.
Sein Einstieg unterstreicht diesen Ansatz. Nachdem ihn Tim Cook in einem kurzen Cameo als «euren Mann» angekündigt hat, spricht Ternus über die «aussergewöhnliche Ehre, Apple zu vertreten» und über seine vielen Jahre im Unternehmen. Er betont Teamgeist, Neugier, Erfindergeist. Er vermeidet Pathos und vermittelt auch nicht den Eindruck, dass jetzt neue Zeiten anbrechen. Die Botschaft ist Stabilität. Wer Apple beobachtet, soll das Gefühl haben, dass hier kein Fremdkörper übernimmt, sondern jemand aus dem Inneren der gut geölten Maschine.
Im Ton setzt Ternus diesen Kurs fort. Seine Sätze sind klar, fast nüchtern. Er überlädt sie nicht mit rhetorischen Mitteln, jagt nicht die Pointe und nutzt weniger Buzzwords als seine Vorgänger. Das Tempo ist gleichmässig, Stimme und Mimik sind freundlich. Es gibt keinen sichtbaren Versuch, das Publikum mit Lautstärke oder grossen Emotionen zu gewinnen. Das wirkt zwar weniger mitreissend als bei Steve Jobs, aber auch natürlicher als bei Tim Cook, dessen Performance oft einen zu einstudierten Touch hatte.
One more thing
Ternus' Art vermittelt Kompetenz und Verlässlichkeit. Ein bewusster Show-Moment sticht dafür umso mehr heraus: das «One more thing» gegen Ende der Präsentation – der legendäre Satz von Steve Jobs, bevor das Star-Produkt enthüllt wird. So weit, so vorhersehbar. Entscheidend ist, dass Ternus den Apple-Gründer trotzdem nicht zu kopieren versucht: kein künstliches Aufdrehen, keine dramatische Pause, sondern ein kontrolliertes Lächeln und eine elegante Klammer zum «KI-Hub», den er zu Beginn der Keynote erwähnt hat. Und dann sofort wieder der Fokus aufs Produkt.

Quelle: Screenshot Apple Keynote
Für langjährige Apple-Fans sendet das «One more thing» ein beruhigendes Signal: Die Bühne wird weiter ernst genommen und Traditionen werden gepflegt. Trotzdem nutzt Ternus den Moment nicht, um sich selbst in den Vordergrund zu schieben. Er bleibt in seiner Rolle als Produktsprecher, nicht als Performer. Das mindert kurzfristig den Unterhaltungswert, erhöht aber seine Glaubwürdigkeit als jemand, der für Inhalte statt für Inszenierung steht.
Auch die übrige Dramaturgie ordnet sich diesem Bild unter. Die Visuals neben ihm sind reduziert: wenige Icons, klare Begriffe, wenig Effekte. In Kombination mit seinem gleichmässigen Vortrag entsteht ein Eindruck von technischer Seriosität. Produkte präsentiert Ternus als Ergebnis von guter Ingenieurarbeit. Das ist eine kleine Revolution für das Unternehmen, das gerne mit Begriffen wie «Magie» und übertriebenen Marketingversprechen um sich wirft.
Fokus aufs Team statt Einzelpersonen
Die Wirkung nach innen ist schwer zu messen, aber gut zu erahnen. Der CEO würdigt die Produktteams, indem er ihre Arbeit in den Vordergrund stellt. Für Entwicklerinnen und Designer erzeugt das ein Gefühl von Anerkennung. Dazu passt auch, dass Ternus in den meisten Szenen nicht alleine auf dem Apple Campus zu sehen ist, sondern dieser von anderen Mitarbeitenden belebt ist.

Quelle: Screenshot Apple Keynote
Von aussen ändert sich der Charakter des Unternehmens. Unter Jobs dominierten Visionen und Storytelling, unter Cook Effizienz und wirtschaftlicher Erfolg. Ternus verkörpert einen dritten Fokus: technische Fortschritte und durchdachte Produkte. Das reduziert den Personenkult, aber nicht die Bedeutung der Marke. Und es bietet weniger Angriffsfläche in einer Zeit, in der Technologieunternehmen weltweit unter regulatorischer und gesellschaftlicher Beobachtung stehen und schillernde Persönlichkeiten stark polarisieren.
Aus Perspektive der Börse ist die Wirkung von Ternus' erstem Auftritt ambivalent. Wer auf eine beeindruckende Show hofft, die kurzfristigen Hype erzeugt, bekommt wenig Futter. Wer dagegen verlässliche Produkte als Basis für den Unternehmenserfolg sieht, dürfte beruhigt sein. Der neue CEO verkauft bisher keine grossen Visionen, die sich später als überzogen erweisen könnten. Er vermittelt vielmehr das Gefühl, dass das Unternehmen auf einem stabilen Prozess basiert, in dem die Person an der Spitze austauschbar ist.

Quelle: Screenshot Apple Keynote
Unter dem Strich sendet diese erste Keynote deshalb vor allem eine Botschaft: Apple will sich nicht über Personenkulte definieren. John Ternus versteht sich als Sprecher eines Kollektivs und stellt Produkte in den Mittelpunkt. Er wirkt weniger spektakulär als Steve Jobs und weniger kalkuliert als Tim Cook. Man darf gespannt sein, wie sich seine Persönlichkeit in den nächsten Jahren auf Apples Identität niederschlägt.
Mein Fingerabdruck verändert sich regelmässig so stark, dass mein MacBook mich nicht erkennt. Der Grund: Sitze ich nicht vor einem Bildschirm oder stehe hinter einer Kamera, hänge ich oft an den Fingerspitzen in einer Felswand.
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