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Anika Schulz
Hintergrund

Wenn Bedienungsanleitungen eine Anleitung brauchen

Anika Schulz
21/7/2026

Bedienungsanleitungen sollen Klarheit schaffen. Stattdessen sorgen sie oft für Frust. Das hat einen simplen Grund: Es fehlen Menschen, die es besser können.

Es gibt Bücher, die die Welt veränderten: Homers «Odyssee» oder Shakespeares gesammelte Werke beispielsweise. Und dann gibt es noch Bedienungsanleitungen. Wer schon mal versucht hat, einen Router einzurichten, kennt Sätze wie: «Verbinden Sie das Gerät mit dem Netzwerk, sofern dieses nicht bereits verbunden ist, was durch die LED angezeigt wird, außer bei Geräten ohne LED-Anzeige.» Du liest den Buchstabenbrei zum fünften Mal und zweifelst langsam an der Menschheit. Tja. Die unbequeme Wahrheit: Wer solche Anleitungen schreibt, sollte es besser lassen – tut es aber trotzdem.

Der Branchenverband tekom beziffert den Personalbedarf für Technische Redaktion auf jährlich rund 4000 offene Stellen in Deutschland. Stellen, für die es nicht genug ausgebildete Fachkräfte gibt. Kein Wunder, dass viele Anleitungen von Leuten verfasst werden, die eigentlich etwas ganz anderes gelernt haben: Ingenieure, Entwicklerinnen … wer gerade Zeit hatte (oder nicht schnell genug Nein sagte). Fachlich top. Sprachlich häufig eine Katastrophe.

Für die Schweiz gibt es hingegen keine vergleichbar verlässliche Zahl. Wenig überraschend, schließlich stellt die Schweiz viele technische Produkte gar nicht selbst her, sondern importiert sie, nicht zuletzt aus der EU. Die Anleitungen – gut oder schlecht – kommen dann gleich mit.

Bei mir gammeln die Anleitungen in der Schublade unter dem Herd vor sich hin.
Bei mir gammeln die Anleitungen in der Schublade unter dem Herd vor sich hin.
Quelle: Anika Schulz

Richtig chaotisch wird es, wenn das Produkt aus Asien kommt. Ein Fernseher, der ursprünglich auf Chinesisch dokumentiert wurde, durchläuft oft mehrere Übersetzungsschritte, bevor ein deutscher Text bei dir landet. Und mit jedem Schritt geht ein bisschen mehr Sinn verloren. Denn da sind oft keine Übersetzerinnen am Werk, sondern KI-Tools, die technische Fachbegriffe gerne mal wörtlich statt sinngemäß übersetzen. Das Ergebnis ist eine Anleitung, die niemand kapiert.

Hauptsache, keiner beschwert sich

Das Ding ist nämlich: Bedienungsanleitungen sind Pflicht. Hersteller können sich nicht einfach davor drücken, nur weil sie kein geeignetes Personal haben. Eine Anleitung ist in der EU für fast alle technischen Produkte, Maschinen und Konsumgüter gesetzlich vorgeschrieben. Sie muss dem Produkt in der jeweiligen Landessprache beiliegen und sicherstellen, dass du und ich das Gerät gefahrlos nutzen können. Das gilt nicht nur für Staubsauger oder Waschmaschinen, sondern auch für Software wie Outlook oder Photoshop. So wollen es das Produktsicherheitsgesetz (ProdSG) und die Maschinenrichtlinie (2006/42/EG). In der Schweiz gilt inhaltlich nahezu dasselbe, nur unter anderem Namen: Produktesicherheitsgesetz (PrSG) und Maschinenverordnung (MaschV).

Oder anders formuliert: Eine Bedienungsanleitung schützt den Hersteller vor Schadensersatzforderungen. Bei Personen- oder Sachschäden aufgrund einer fehlerhaften Bedienungsanleitung haftet der Hersteller – egal, ob er es besser wusste oder nicht. Wenn du dich an deiner Kaffeemaschine verbrennst, weil in der Anleitung nicht stand, dass das Brühelement heiß wird, kann das für Nespresso oder Krups teuer werden. Umgekehrt entlastet sich der Hersteller, wenn er auf solche Gefahren hinweist.

Das ist übrigens auch der Grund, warum sich manche Bedienungen wie für den DAU, den dümmsten anzunehmenden User, lesen. «Föhn nicht in der Badewanne oder unter der Dusche nutzen», «Gasgrill nur im Freien aufstellen», «Waschmittel außer Reichweite von Kindern aufbewahren» – sag bloß, Captain Obvious! Wie das mit den schlechten Übersetzungen zusammenpasst? Das weiß niemand.

Computer abgeschmiert? Blöd für dich, denn diese Fehlermeldung verrät nicht, was du tun sollst.
Computer abgeschmiert? Blöd für dich, denn diese Fehlermeldung verrät nicht, was du tun sollst.
Quelle: Shutterstock

Also sollten Anleitungen doch extra-gewissenhaft geschrieben werden, oder? Theoretisch ja. Denn hier schließt sich der Kreis. Es gibt zu wenige geschulte Technische Redakteure und Redakteurinnen. Menschen, die dafür ausgebildet sind, Anleitungen zu schreiben, die du nicht nur verstehst, sondern vielleicht sogar halbwegs gerne zur Hand nimmst.

Die Ausbildung: interdisziplinär bis furztrocken

Dabei ist der Weg in den Job gar nicht so kompliziert – er ist nur irre unattraktiv.

Ich weiß, wovon ich rede. Denn ich habe … Trommelwirbel … «Technische Redaktion und Kommunikation» in München studiert. Abschluss: Bachelor of Engineering. Es. War. Wild.

In den ersten drei Semestern gab es die volle Maschinenbau-Keule: Mathematik, Physik, Mechanik, Mess-, Steuer- und Regelungstechnik. Die Idee dahinter leuchtet mir ein. Technische Redakteurinnen müssen verstehen, worüber sie schreiben. Dennoch verabschiedeten sich bereits hier die ersten Kommilitonen, die dachten, sie würden «irgendwas mit Schreiben und Design» lernen. Parallel quälte die Hochschule uns durch trockene Programmiergrundlagen, angestaubte Content-Management-Systeme und allerlei andere unfassbar langweilige Fächer, die ich zum Glück längst wieder vergessen habe.

Ab Mitte des Studiums wurde es endlich interessant, weil Praxisbezug. Wie vermittle ich komplexe technische Inhalte so, dass sie alle verstehen? Wie drehe ich gute Anleitungsvideos? Und wie sieht der Arbeitsalltag in der Technischen Dokumentation bei BMW oder Miele aus?

Ausschnitt aus meiner Bachelorurkunde: viele, viele mehr oder weniger spannende Module.
Ausschnitt aus meiner Bachelorurkunde: viele, viele mehr oder weniger spannende Module.
Quelle: Anika Schulz, Hochschule München

In Deutschland führt der klassische Weg oft über ein Studium – auch wenn mir an der Hochschule München viele Menschen begegnet sind, die vorher schon einen ganz anderen Beruf gelernt hatten. Eine Freundin von mir war beispielsweise Konditorin. Die Schweiz geht einen anderen Weg. Statt eines grundständigen Studiengangs gibt es die eidgenössische Berufsprüfung zum «Technikredaktor mit eidgenössischem Fachausweis» – eine berufsbegleitende Weiterbildung, die etwa Tecom Schweiz oder die TKSM in Zürich anbieten. Wer sie machen will, braucht eine abgeschlossene Lehre und mindestens zwei Jahre Berufserfahrung.

Traumjob klingt anders

Zurück zur Hochschule München. Nach sieben Semestern war noch etwa ein Drittel meiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter dabei und machte ihren Abschluss. Noch einmal die Hälfte davon entschied sich für einen Aufbaustudiengang. Somit landeten von anfänglichen 99 Erstsemestern (geschätzt) etwa 15 tatsächlich im Beruf. Ich nicht. Das Studium hat mir zwar insbesondere zum Schluss Spaß gemacht, aber es hat mich auch gelehrt, dass es weitaus spannendere Dinge gibt, als furztrockene gedruckte Anleitungen zu erstellen. Nämlich Videos, Projektmanagement, Teamleitung. Etwas Lebendiges, mit Dynamik und – so abgedroschen das klingt – Menschen.

Was den Job ebenfalls unsexy macht: Viele Unternehmen wollen sich keine eigene Abteilung für die Technische Dokumentation leisten und stecken ihr Geld lieber in die Produktentwicklung. Skaliert halt besser. Stattdessen geben sie die Arbeit an Dienstleister ab, die ihre Mitarbeitenden entsprechend schlechter bezahlen.

Am Ende bleibt es dabei: Deine Odyssee mit der Bedienungsanleitung ist kein Zufall. Sie hat System. Wer will schon gefühlt ein halbes Maschinenbau-Studium absolvieren, nur um am Ende Anleitungen zu schreiben, die ohnehin kaum jemand liest? Und solange Unternehmen lieber in Produkte investieren als in die Menschen, die diese Produkte erklären, wirst du weiterhin fünfmal denselben Satz lesen müssen, ohne ihn zu verstehen.

Bis dahin: Viel Glück mit deinem Router.

Titelbild: Anika Schulz

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Als Kind wurde ich mit Mario Kart auf dem SNES sozialisiert, bevor es mich nach dem Abitur in den Journalismus verschlug. Als Teamleiterin bei Galaxus bin ich für News verantwortlich. Trekkie und Ingenieurin.


Hintergrund

Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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