

Wie ich PET, Papier und Alu den Kampf ansagte
Wie schwer kann es sein, im Alltag weniger Müll zu produzieren? Für drei Wochen habe ich den Selbstversuch gewagt und konsequent auf Wegwerfbecher, Alu-Dosen sowie PET-Flaschen verzichtet.
Wir haben kaum einen Überblick über unseren Konsum und den Müll. Ob auf Reisen oder an der Uni: Überall sieht man PET-Flaschen und Dosen auf den Tischen. Für uns ist das völlig normal. Auch ich nahm früher zu jeder Vorlesung einen Eistee oder eine Dose Mate mit, die hinterher direkt im Müll landeten. Das wurde mir erst in einem Seminar bewusst, für das wir unser Verhalten nachhaltiger gestalten und den CO₂-Fussabdruck reduzieren sollten. Dazu musste ich zuerst eine änderungswürdige Gewohnheit finden.
Spoiler Alert: Ich habe mein verschwenderisches Verhalten unter die Lupe genommen. Obwohl ich Mühe hatte, dieses überhaupt festzustellen. Erst als ich das 24er-Pack El Tony Mate im Vorratsschrank entdeckte, wurde mir klar: Ich konsumiere deutlich mehr Süssgetränke als gedacht – und produziere entsprechend viel Abfall.

Quelle: Joel Brändle
Warum aber nur die Getränke und nicht der ganze Müll? Ich brauchte etwas, das ich unkompliziert zählen kann, ohne mich in Details zu verlieren. Denn Letzteres schlägt auf die Motivation. Dementsprechend habe ich mich auf das fokussiert, womit ich mit einfachen Massnahmen und wenig Aufwand einen grossen Unterschied machen konnte.
Der Plan stand fest: Drei Wochen lang konsequent auf Einwegbehälter verzichten. Stattdessen zu einer Mehrwegflasche und einem Thermobecher greifen. Und jeden Abend ein Kreuzchen im Protokoll – Flasche dabei oder nicht, Becher dabei oder nicht, Rabatt bekommen oder nicht. Keine Verbote, keine Strafen, nur Protokoll.
Die Flasche, die extra im Weg steht
Meine erste Massnahme war zum Schämen einfach: Jeden Abend stellte ich eine Flasche und einen Thermobecher neben meinen Rucksack. Und zwar so, dass sie mir am Morgen buchstäblich in die Quere kamen.
Der Grund dafür heisst Nudging. Die Idee: Das Verhalten ohne Zwang und Verbote durch eine geschickte Gestaltung der Umstände und Umgebung positiv beeinflussen. Sprich, die gewünschte Handlung so attraktiv, bequem und einfach wie möglich zu gestalten. Wer die Treppe schöner gestaltet als den Lift, bringt mehr Leute zum Treppensteigen, ohne ein einziges Verbotsschild aufzuhängen.

In Stockholm haben Forschende ein solches Experiment in der Öffentlichkeit durchgeführt. Bei einem Bahnhof wurde die Treppe in ein begehbares Klavier umgewandelt. Das führte dazu, dass sich viele Leute entschieden haben, die Treppe statt der Rolltreppe gleich daneben zu nehmen.
In meinem Selbstversuch hiess das: Ich wollte keine Entscheidung mehr treffen müssen. Denn morgens treffe ich keine Entscheidungen, ich funktioniere nur. Den Snooze-Button des Weckers drücken, Kaffee machen, Zähne putzen, Schuhe anziehen. Dazwischen liegt nicht viel Zeit, und viel denken will ich auch nicht.
Wusstest du, dass rund 43 Prozent unserer Handlungen im sogenannten Autopilot ablaufen? Und das, weil wir Gewohnheiten aufbauen. Eine solche Routine ist schwer zu ändern. Darum ist es einfacher, sich neue Abläufe anzueignen, anstatt gegen alte zu kämpfen.
Und es hat funktioniert. An 16 von 21 Tagen landete die Flasche im Rucksack, oft ohne dass ich es überhaupt merkte. Sie stand da, sie war im Weg, also nahm ich sie mit. Ausserdem kam mir Trick 2 zugute: Ich hatte mir gleich zwei Trinkflaschen gekauft, eine davon als Reserve. Der Gedanke: Wer abends zu müde zum Spülen ist, hat am nächsten Tag nichts Sauberes und kauft wieder PET. Genau das ist mir mehrmals passiert und jedes Mal konnte ich auf die Reserve zurückgreifen.
Beim Thermobecher hat es anders ausgesehen. Den hatte ich nur an 9 von 21 Tagen dabei.
Zwar hatte ich mir auch einen Reservebecher besorgt, der kam aber nur einmal zum Einsatz. Bereits nach dem ersten Pendeln habe ich ihn im Zug verloren, und er reiste von Zürich aus ohne mich weiter Richtung Genf. Dieser Fehler hat sich stark bemerkbar gemacht. Jedes Mal, wenn ich am Abend vergessen habe, den Becher zu spülen, hatte ich am nächsten Morgen keinen anderen bereit und stand wieder mit einem Papierbecher da.

Quelle: Joel Brändle
Der theoretische Sparreiz
Die dritte Massnahme war ein Sparreiz. Trinkwasser gibt es in der Schweiz gratis, jedes Auffüllen spart also theoretisch einen Franken. Und viele Cafés geben eine Vergünstigung, wenn man einen eigenen Becher mitbringt.
Man tut nicht nur etwas Gutes für die Umwelt, sondern auch etwas Cleveres für sich selbst. Halb aus Sparsamkeit, halb als kleine Belohnung.
Über drei Wochen kamen 18 Franken zusammen. Nicht die Welt, aber genug, um sich bei jedem Refill ein bisschen schlauer zu fühlen. Nur: In der Stadt gab mir praktisch jedes Café einen Rabatt, an der Universität habe ich kein einziges Mal eine Vergünstigung bekommen.
In der Mensa fehlt der Rabatt schlicht. Als ich in der dritten Woche täglich auf dem Campus war, stand am Ende der Woche darum eine glatte Null im Protokoll. Ein Anreiz, den es nur an bestimmten Orten gibt, taugt eben nur bedingt als Motivator.

Quelle: Joel Brändle
Die Flaschen sind überall, aber die Becher nirgends
Als letzte Massnahme wollte ich mein Umfeld einspannen. Ich zählte im Vorlesungssaal, wie viele Leute eine Mehrwegflasche dabei hatten, und erzählte meinem Freundeskreis von meinem Ziel. Ich forderte sie auf, mich zu erinnern und zu loben, aber nicht zu bestrafen, falls ich mal versagen sollte.
Das hat einen einfachen Grund: Wir orientieren uns daran, was die Menschen um uns herum tun, ob uns das gefällt oder nicht. Wenn alle im Hörsaal aus einer Mehrwegflasche trinken, fühlt man sich mit der PET-Flasche fehl am Platz.
In den ersten zwei Wochen passierte gar nichts. Ich habe nur von zu Hause gearbeitet, mit Gläsern und Tassen im Schrank und niemandem um mich herum.
Doch als ich in der dritten Woche täglich in Vorlesungen sass, änderte sich das schlagartig. Auf dem Campus sind mir überall Mehrwegflaschen aufgefallen: im Gang, in der Bibliothek und in den Reihen vor mir im Vorlesungssaal. Je mehr ich darauf geachtet habe, desto normaler wurde es, und desto selbstverständlicher habe ich zu meiner eigenen Flasche gegriffen.
Thermobecher sind mir dagegen kaum aufgefallen. Sie sind kleiner und verschwinden schneller in der Tasche. Zudem muss man sie jeden Abend reinigen, darum werden sie vermutlich auch weniger verwendet.

Quelle: Joel Brändle
Der Rückfall hatte einen Namen: Süssgetränk
Ein Problem hatte ich bei der Planung nicht bedacht.
Wasser zu ersetzen ist einfach, denn jeder Brunnen liefert Nachschub. Aber Cola, Eistee und Mate? Dafür gibt es leider keinen Zapfhahn. In der zweiten Woche griff ich darum wieder zu PET, schlicht, weil ich auf mein Spassgetränk nicht verzichten wollte.
Wegen des schlechten Gewissens habe ich dann aber begonnen, nach Alternativen zu suchen. Zuerst habe ich versucht, Eistee aus Pulver herzustellen. Das habe ich aber schnell wieder aufgegeben, weil es geschmacklich einfach nicht dasselbe ist.
Dann entdeckte ich, dass sich mit einem Wassersprudler eigene Softdrinks aus Sirup mischen lassen. Nur habe ich damals keinen Wassersprudler gehabt. Also habe ich kurzerhand ein Sechserpack Mineralwasser in 1,5-Liter-Flaschen gekauft und redete mir ein, das sei immerhin weniger Abfall als achtzehn kleine. Auch das ist Fortschritt – weniger Abfall als vorher.
Und trotzdem: Vor dem Selbstversuch kaufte ich im Schnitt neun PET-Flaschen pro Woche, danach noch etwa die Hälfte.
Mein Fazit
Am besten funktionieren die unspektakulären Massnahmen: die Flasche neben der Tasche, die Reserve im Schrank, das automatische Einpacken. Das kostete kaum Willenskraft und lief nach wenigen Tagen von selbst. Rabatt und sozialer Druck halfen auch, aber nur dort, wo sie ins Umfeld gepasst haben. Änderte sich die Umgebung, brach der Effekt weg.

Quelle: Joel Brändle
Die grösste Erkenntnis ist zugleich die einfachste: Verhalten hängt an Routinen und Routinen hängen an der Umgebung. Zu Hause gelten andere Regeln als an der Uni, in Zürich andere als in St. Gallen. Wer nachhaltiger leben will, muss nicht disziplinierter werden, sondern das Richtige einfacher machen als das Falsche. Eine Flasche an der richtigen Stelle bringt mehr als jeder gute Vorsatz um Mitternacht.
Und der Spassgetränk-Reflex? Der lebt noch. Aber er konkurriert jetzt mit einer Flasche, die mir jeden Morgen im Weg steht. Manchmal ist das genau der Anfang.
Hast du schon mal deine Gewohnheiten versucht zu ändern? Und hat es geklappt oder nicht?
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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